Zum 8. Mai 2022

Wenn sich die öffentliche Meinung in Deutschland weiter so entwickelt wie in den letzten Wochen, wenn Alice Schwarzer noch zwei offene Briefe schreibt, die Täter-Opfer-Umkehr noch groteskere Züge annimmt, dann wird man hierzulande mächtig böse auf die Ukraine und ihren Nationalegoismus werden, der sich unter anderem darin äußert, partout überleben zu wollen.

Dann wird es primär darum gehen, dass die Ukraine dem armen Russland („Look what you made me do!“) unbedingt eine „gesichtswahrende“ Lösung anbieten muss. Und dann werden die üblichen Verdächtigen ganz schnell wieder ihren vertrauten Refrain intonieren: „Sicherheit kann es nur mit Russland geben.“

Die Zeit arbeitet also für das Scheusal Putin.

Frage: Warum kippt die öffentliche Meinung in Deutschland gerade? Warum sind wir nicht glücklich und froh, dass ein demokratisches Land einen Angriff des Faschismus, der auch ein Angriff auf uns alle ist, zumindest in Teilen (vorerst?) abwehren konnte? Wäre das nicht, gerade am 8. Mai, dem „Tag der Befreiung“, ein echter Grund zur Freude? Wie wäre die Stimmung in den Demokratien des Westens, wenn nach Kabul nun auch Kiew gefallen wäre? Das fragt in diesen Tagen nicht nur der Osteuropa-Historiker Timonthy Snyder.

Auf welchen tieferen Bewusstseinsschichten die ambivalente Stimmung der Deutschen aufsetzt, habe ich vor zwei Jahren zum 8. Mai aufgeschrieben. Manch tagespolitisches Urteil wurde durch die Realität widerlegt, Söder war wohl doch nur ein Scheinriese, die SPD hat sich zumindest realpolitisch vorteilhafter entwickelt, als es im Mai 2020 absehbar war, bleibt aber vorerst ambivalent.

„Nichts von all dem ist prädestiniert, die Zukunft ist naturgemäß offen. Doch 75 Jahre nach Ende des Weltkrieges verblasst manche Erinnerung und schleifen sich alte Fehler wieder ein. Ebenso wenig, wie es 1945 eine „Stunde null“ gab, gibt es heute Anlass zur Selbstzufriedenheit. Wenn Deutschland weiterhin „von Freunden umzingelt“ in einem geeinten Europa leben und das Geschenk der Freiheit genießen möchte, wird es über seinen Schatten springen müssen: Hin zu einer Union, die für alle funktioniert; hin zu einem wahrhaft solidarischen Miteinander; hin zu einem wirklich europäischen Deutschland, und nicht zu einem deutschen Europa, das über kurz oder lang auseinanderbrechen wird. Spätestens dann würde es nämlich hierzulande ziemlich einsam werden.“

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