Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung?

Die Debattenlage zeigt deutlich: Ein großer Teil der Deutschen hat entweder gar keine oder die falschen Schlüsse aus der eigenen Geschichte gezogen

Robin Alexander hat den “neuen Streit der Intellektuellen” prägnant zusammengefasst. Dass sein Text eine deutlich erkennbare Schlagseite in Richtung des Teams Ralf Fuecks aufweist, liegt meines Erachtens in der Natur der Sache: Es handelt sich um den Text, dem es um die Sache an sich – den Krieg in der Ukraine und die Logik des russischen Revisionismus – zu tun ist, und nicht um deutsche Befindlichkeiten und autobiographische Quer(front)verweise, wie im Text des Teams Alice Schwarzer.

Ein anderer Aspekt ist jedoch noch nicht hinreichend gewürdigt worden: Jahrzehntelang hieß es von ganz rechts bis weit in die gesellschaftliche Mitte hinein, Deutschland sei durch seine Erinnerungskultur schwer belastet. Ständig müsse man sich als Deutscher im In- und Ausland entschuldigen. Andere Nationen des Westens würden Deutschlands „Schuldkult“ – so ein Begriff von NPD, AfD & Co. – schamlos ausnutzen, um uns ständig neue Kosten für dieses oder jenes aufzubürden.

Das war natürlich immer schon Unfug. Der deutsche Pass ist einer der stärksten der Erde.

In Wahrheit galt und gilt das genaue Gegenteil: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ist ein Zeichen der Stärke und hatte bestenfalls ein befriedende, wenn nicht befreiende Wirkung. Deutschland ist stark nicht trotz, sondern auch wegen seiner Erinnerungskultur.

Doch wie erfolgreich war diese wirklich? Schaut man dieser Tage auf die veröffentlichte Meinung oder in die Kommentarspalten der sozialen Medien, kommen erhebliche Zweifel auf.

Bereits in der Griechenlandkrise konnte man nicht gerade den Eindruck bekommen, die Deutschen seien aufgrund vergangener Verbrechen von allzu viel schlechtem Gewissen gegenüber den Hellenen angekränkelt.

Im Gegenteil: Die Herrenmenschenattitüde schimmerte an allen Ecken und Enden durch (Volker Kauder (CDU): „Endlich wird in Europa wieder deutsch gesprochen“).

Und heute?

Längst ist die anfängliche Ukraine-Solidarität zu weiten Teilen einer gehässigen Besserwisserei gewichen. Menschen, die sich in einem Überlebenskampf befinden, werden durch deutsche Offenebriefeschreiber darüber belehrt, wann es im Interesse des großen Ganzen besser wäre, doch lieber die Waffen zu strecken.

Wie zynisch muss das nicht nur den Menschen in Mariupol vorkommen?

Dabei geht es hierzulande doch im Grunde um eine einfache Transferleistung: „Nie wieder“ nach 1945 heißt im Jetzt und Hier konkret, ohne jedes Zögern an der Seite der Ukraine zu stehen.

Stattdessen herrscht bis weit ins linke Lager hinein purer Tribalismus. Die primitivsten Regungen, Vorstellungen von „Stolz“ und „Ehre“, brechen mit Macht hervor:

„Die haben unseren Präsidenten beleidigt“, „Der Botschafter soll mal nicht so frech sein“, „Wir sind doch hier keine Bestellabteilung“, „Der Präsidenten-Schauspieler soll mal nicht übertreiben“.

Wir erleben – man kann es leider nicht anders sagen – die Rückkehr des hässlichen Deutschen, der sich, selbstgefällig und ignorant, von den Wechselfällen der Geschichte nicht aus der Ruhe bringen lässt, und falls doch, seine Angst wie eine Trophäe vor sich her paradiert.

Der heilige Spritpreis ist ja emotional so viel bewegender als das Massensterben dort drüben, irgendwo im fernen Osten.

Gerhard Schröder warnte die Ukraine noch am Vorabend des russischen Angriffs vor „Säbelrasseln“. Alice Schwarzer bedauert unter dem Beifall der AfD, dass der ukrainische Präsident „nicht aufhört zu provozieren“. Den Vogel aber schoss vorerst der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer ab, der bei Anne Will (ARD) den ukrainischen Botschafter Melnyk vor einem Millionenpublikum regelrecht abkanzelte.

Der Journalist Julian Hans hat das traurig-treffend auf den Punkt gebracht:

„Ein Nachfahre der Täter belehrt einen Nachfahren der Opfer und Vertreter einer Nation unter Bomben und stützt sich dabei AUF DIE WELTKRIEGSERFAHRUNG IN SEINER EIGENEN TÄTERFAMILIE. »Bleiben Sie mal beim Zuhören…«.“

Kein schlechtes Gewissen, keine Lehren der Geschichte, keine Verantwortung aus Erinnerung, nirgendwo.

Was all das für Gegenwart und Zukunft bedeutet, muss erst noch erdacht und analysiert werden. Vorerst äußert sich diese unheilvolle Ambivalenz 1:1 im außenpolitischen Kurs der Bundesregierung.

Man bekommt den Eindruck eines Fahrens mit angezogener Handbremse.

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