Schneeflöckchen im Hagelgewitter? Antwort auf Simon Strauss

Ein Krieg wie der, der gegen die Ukraine geführt wird, lädt verschiedene Weltanschauungsvertreter dazu ein, ihr Süppchen mit ihm zu kochen. Simon Strauss, der den „anschwellenden Bocksgesang“ seines Vaters Botho etwas lighter weiterschreibt, bedient sich dazu der Sprache US-amerikanischer Rechtspopulisten.

„Schneeflocken“ werden Millenials genannt, denen laut Wikipedia unterstellt wird, „extrem sensibel, emotional hochverletzlich und wenig resilient zu sein sowie sich für einen hohen Lebensstil anspruchsberechtigt zu sehen“. Man beschäftigt sich, so das Zerrbild weiter, in diesen Kreisen den ganzen Tag mit nichts anderem als politisch korrekter Sprache, ökologischer Lebensführung und Identitätsgedöns.

Doch nun, so Strauss in beinahe triumphierendem Ton, würden die Verhältnisse endlich wieder zurechtgerückt: „Von russischen Erober*innen spricht (fast) niemand“. Selbst das Wort „Volk“ werde jetzt „von jedem (!) Millennial wie selbstverständlich verwendet“.

Es ist die alte konservative Fama von der Dämonie der Weltgeschichte, die friedensverwöhnte „bleeding heart Liberals“ einfach nicht verstünden. In Deutschland wurde dieses Denken lange von dem konservativen Historiker Gerhard Ritter geprägt, der einen großen Einfluss auf die Geisteswissenschaften der Nachkriegszeit hatte. 1947 mokierte er sich über die „naive amerikanische Ideologie an die Möglichkeit zu glauben, durch Schulerziehung und öffentliche Aufklärung die Dämonie der Macht zu bannen und die Menschen zu friedlichen Lämmern zu erziehen (…).“ Bei dieser Dämonologie, die viele konservative Wissenschaftler teilten, war nie ganz klar, ob der Aufstieg der Dämonen verhindert, begünstigt oder gar aktiv herbeigeführt werden sollte.

Der Krieg als „gewaltsamer Lehrer“ (Dieter Langewiesche) also? Steht hierfür auch Robert Habecks Appell für eine „neue Sachlichkeit“? Ob sich Strauss hier mal nicht irrt!

Es waren doch gerade die in gewissen Kreisen als postmaterialistische Woke-Truppe diffamierten GRÜNEN, die das Putin-Regime besser verstanden haben als jede andere deutsche Partei. Als Armin Laschet und Olaf Scholz von Nord Stream 2 noch als rein wirtschaftlichem Projekt gesprochen hatten, wandte sich Annalena Baerbock klar gegen das Vorhaben. Als Warnungen vor einem russischen Angriff auf die Ukraine noch als antirussische NATO-Hetze diffamiert wurden, war es Robert Habeck – im Mai 2021 –, der sich für die Lieferung von Defensivwaffen an die Ukraine aussprach.

Es sind auch die Grünen, die sich seit den 1980er Jahren in Auseinandersetzung mit dem Sündenregister der USA zu den profiliertesten Vertreter:innen des Besten gemausert haben, was die USA zu bieten haben: Der liberalen Demokratie, mit allem, was dazugehört: Freiheit, Gleichstellung, Antidiskriminierung. Die „feministische Außenpolitik“, über die sich manch eineR so lustig macht, ist also keine Verirrung von gestern, die angesichts der Ernsthaftigkeit der Lage über den Haufen geworfen wird, sondern ein Konzept der Gegenwart und Zukunft. Und das ist auch gut so.

Zu lernen haben also eher Konservative, so wie es ja derzeit auch massenhaft geschieht („Ich muss sagen, die Baerbock habe ich echt unterschätzt“). Oder, Vorschlag zur Güte: Man lernt gerade voneinander. Es könnte etwas kraftvolles Neues dabei herauskommen.

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