Unfertige Gedanken zur Nation der Ukraine

Full disclosure gleich zu Beginn: Ich halte die Nation für einen Irrweg der Geschichte. Es handelt sich zumeist um künstliche Gebilde, aus Blut und Eisen geschmiedet, mit viel eingebildeten Traditionen und der Beschwörung einer glorreichen Vergangenheit, die es nie gegeben hat.

Beispielhaft für viele Texte dieser Art HIER ein Essay zur Überwindung der Nation in einem geeinten Europa auf meinem Blog vom Oktober 2021.

Gleichzeitig hatte ich – womöglich durch Herfried Münkler geprägt – immer ein Faible für gewisse Imperien: Der Attische Seebund, das Römische Imperium, das Heilige Römische Reich, die k.u.k-Monarchie oder die Europäische Union fallen darunter.

Es geht um die Idee, durch die Übernahme von bestimmten Regeln, Rechten und Pflichten Teil einer gemeinsamen Werte- und Wirtschaftsgemeinschaft zu sein – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion.

Das heutige Russland nennt sich offiziell „Russländische Föderation“ und nimmt für sich ebenfalls in Anspruch, Hegemon eines übernationalen Staatenbunds als Gegenentwurf zum Nationalismus zu sein. Was diesen Staatenbund indes zusammenhält, ist nichts als Gewalt. Es wird ein wenig Kultur, orthodoxe Kirche und Tradition mobilisiert, aber im Grunde geht es um nichts als den „starken Mann“, der das „Riesenreich“ zusammenhält. Doch wofür eigentlich? Was ist die Mission? Der Kampf gegen die liberale Demokratie zur Rettung russischer Werte? Welche sollen das sein, außer der Putinismus Putins? Die ewig-reaktionäre Anhimmelung des gottesfürchtigen Bauern, wie sie Dostojewski besungen hat?

Zu Zeiten der UdSSR gab es mit dem Marxismus-Leninismus wenigstens noch so etwas wie eine Ideologie, die aber von vornherein auf falschen Annahmen basierte und auch grotesk pervertiert wurde. Heute reichen Putin und seinen „Silowiki“ (starke Männer) ein paar hanebüchene Falschbehauptungen, um ihre Herrschaft zu stabilisieren. So ginge es im Krieg gegen die Ukraine um einen Kampf gegen „Nazis“, „Entnazifizierung“ sei das Ziel.

In seiner bizarren Rede vom 21.02.22 erklärte Putin hinsichtlich der Nationalitätenpolitik der Bolschewiki:

„Warum musste man partout mit Gutsherrengeste alle möglichen, immer weiter in den Himmel schießenden nationalistischen Ansprüche an den Rändern des ehemaligen Imperiums befriedigen? Warum musste man den neu geschaffenen, oft völlig willkürlich zugeschnittenen Verwaltungseinheiten, den Unionsrepubliken, riesige Gebiete übergeben, die oft nicht den geringsten Bezug zu ihnen hatten? Und zwar Gebiete, ich sage es noch einmal, mitsamt ihrer Bevölkerung, die zum historischen Russland gehörte.“

HIER der Volltext der Rede, die sehr lesenswert ist.

Nun, was das „historische Russland“ eigentlich gewesen ist, ist eine vollkommen müßige Debatte. „Der Erbstreit ist wissenschaftlich unergiebig“, erklärte der Osteuropa-Historiker Andreas Kappeler bereits vor einigen Jahren. Man kann da mit guten Gründen alles und nichts behaupten.

Was heißt all das nun für die Ukraine heute? Wie geht jemand, der die Nation für ein Fehlkonstrukt hält, damit um, dass nun überall die ukrainische Flagge gezeigt wird? Man kann am linken Rand durchaus die Kritik antreffen, das sei ja geradezu reaktionär …

Man muss indes kein marxistischer Historiker sein, um die Abfolge gewisser Stationen in der nationalen Entwicklung von Völkern und Bevölkerungen zu konstatieren. Die ukrainische Nation entsteht gerade erst so richtig vor unseren Augen. Und sie entsteht von Anfang an „zu Europa hin“. Der Euromaidan war ein nationales Erwachen, dem das supranationale Element bereits eingeschrieben war. Natürlich lockte ein solches Erwachen auch zweifelhafte Elemente an. Darüber wurde viel geschrieben. Doch das Blau-Gelb der ukrainischen Flagge entspricht dem Blau-Gelb der EU. Es steht für Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung, das Projekt der Aufklärung, das normative Projekt des politischen Westens.

Die Unterwerfung der Ukraine unter die Herrschaft der „russländischen Föderation“ hätte nichts, aber auch gar nichts Progressives. Es wäre der Anschluss an einen Gewaltverbund.

Die Nationenwerdung der Ukraine indes ist anders als es viele westliche Nationenwerdungen waren. Es geht hier nicht um fingierte Kriege gegen Nachbarn – Stichwort Emser Depesche –, sondern um die Verteidigung eines Gemeinwesens gegen einen durchweg ungerechten Angriff von außen. Nichts schweißt mehr zusammen.

Und so kann jeder, der die Nation in einem geeinten Europa überwinden will, heute nur für die ukrainische Nation eintreten. Oder, um es mit der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zu sagen: „Im Laufe der Zeit gehören sie tatsächlich zu uns, sie sind einer von uns und wir wollen sie drinnen haben!“

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