Michael Sommer: Roms orientalische Steppengrenze (Rezension)

Die Entscheidung des Franz Steiner Verlags, eine aktualisierte Auflage der Habilitationsschrift des Oldenburger Althistorikers Michael Sommer herauszubringen, ist zu begrüßen. Die Levante war immer schon eine konfliktreiche Zone politischer, kultureller und ethnischer Fragmentierungen. Dazu tragen nicht zuletzt die geographischen Gegebenheiten, wie etwas das Fehlen von natürlichen Grenzen in Form von Gebirgen oder Flüssen, bei. Eine Bestandsaufname des Historikers und Archäologen Eric H. Cline der Situation von vor 3.000 Jahren klingt erstaunlich vertraut:

„Die griechische Wirtschaft ist am Ende. In Libyen, Syrien und Ägypten ist es zu revolutionsartigen Aufständen gekommen, fremde Mächte und ausländische Soldaten gießen Öl ins Feuer. Die Türkei befürchtet, in die Konflikte mit hineingezogen zu werden. Jordanien ist überfüllt mit Flüchtlingen. Der Iran wetzt die Messer und übt sich in Drohgebärden, während es im auch im Irak drunter und drüber geht.“

Doch 2005, als die erste Auflage erschien, war ein Ort wir Palmyra der breiteren Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt. Die „Grauzone“ zwischen „Altem Orient“ und „klassischer Antike“ fand gerade im deutschen Sprachraum kein gesteigertes Interesse. Doch nach dem Arabischen Frühling, nach dem Terror und Zerstörungswerk des sogenannten Islamischen Staats, nach sieben Jahren syrischem Bürgerkrieg bildet die Region erneut ein Zentrum des Weltinteresses.

Grund genug, sich ausführlich mit den antiken Wurzeln des „Orients“ auseinanderzusetzen. Der Begriff „Steppengrenze“ im Titel – im Gegensatz zum im Englischen gebräuchlichen „Desert Frontier“ –, ist klug gewählt. Denn das Gebiet zwischen Orontes und Tigris, auf das er sich grob bezieht, ist keine Wüste, sondern eine Steppe, wo Landwirtschaft in bescheidenem Umfang immerhin möglich ist.

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Der untersuchte Zeitraum, die ersten drei Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, von der Eroberung durch Pompeius bis zum Vorabend der Christianisierung des Reiches, bedeutete für die Region eine Epoche dynamischen Wandels und revolutionärer Umbrüche. Am Anfang, um die Zeitenwende, standen zahllose Territorien, römische Klientelkönigreiche und Machtvakuen. Zur Zeit der Herrschaft des Diocletian beherrschte Rom dann ganz Syrien und Nordmesopotamien.

Der Zauber der Oasenstadt Palmyra, wo die ehrgeizige Zenobia einst ein Sonderreich begründet hatte, sogar Ägypten annektierte, und dann von Kaiser Aurelian besiegt wurde; der syrisch-stämmige römische Kaiser Varius Avitus Bassianus, später genannt nach dem von ihm verehrten Gott „Elagabal“, der einen Großteil seines Lebens in Emesa (heute: Homs, Syrien) verbracht hatte; das ehemals seleukidische, im Kleinkönigreich Osrhoene gelegene, Edessa (heute: Şanlıurfa, Türkei), mit dem Aufstand gegen die Römer, der Unterwerfung durch Septimius Severus und der Umwandlung in eine colonia sowie der späteren römischen Niederlage gegen die Sassaniden in der Nähe der Stadt, wobei Kaiser Valerian in persische Gefangenschaft geriet; das zerstörte Dura Europos, das „Pompeji des Ostens“, zwischen Römern und Parthern lange umkämpft und schließlich von den Sassaniden erobert; Hatra, einst Hauptstadt eines mesopotamischen Kleinfürstentums im Machtbereich der Parther, später im Grenzbereich zwischen Römern und Persern, wiederholt die Seiten wechselnd, das ebenso wie Palmyra im Jahre 2015 von den Terroristen des IS weitgehend zerstört wurde – all diese faszinierenden Orte werden in der vorliegenden Studie hinsichtlich der Grundprämisse, „Übergänge“ im östlichen Grenzbereich des Imperiums zu untersuchen, eingehend gewürdigt.

Sicher, mittlerweile wurde der Stoff von Michael Sommer in Büchern wie „Syria. Geschichte einer zerstörten Welt“ oder „Palmyra. Biografie einer verlorenen Stadt“ für ein breiteres Lesepublikum aufbereitetet. Wer sich jedoch wissenschaftlich und auf dem neuesten Stand der Forschung mit der römischen Steppengrenze auseinandersetzen will, kommt an diesem Standardwerk nicht vorbei.

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