Jochen Buchsteiner: Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie (Rezension)

Die Urteile, zumal auf dem Kontinent, fallen eindeutig aus: Der Brexit sei ein Desaster, ein Fehler, der größte Akt politischer Selbstbeschädigung, den sich eine Demokratie in Friedenszeiten je zugefügt hat, dazu noch ein erstklassiges Argument gegen Volksabstimmungen. Seine Protagonisten erscheinen als populistische Hasardeure; als Spieler, die in unverantwortlicher Weise Halbwahrheiten und waschechte Lügen präsentierten, um ihre Landsleute von den Vorteilen einer EU-Scheidung zu überzeugen. Der ehemalige Premier David Cameron: Ein Zauberlehrling, der von der Geschichte zu Recht verdammt werden wird; Ex-Außenminister Boris Johnson: Ein prinzipienloser Hallodri, dem es nur um sein Ego und nicht um die Sache geht; Ex-UKIP-Chef Nigel Farage: Ein Brandstifter, der sich im Moment, als sich der Schaden materialisierte, den sein Wirken angerichtet hat, feige zurückzog.

Immer, wenn sich ein derart breiter Konsens herausbildet, ist es besonders interessant, die „andere“ Meinung zu hören. Der London-Korrespondent der F.A.Z., Jochen Buchsteiner, betätigt sich im vorliegenden Essay als „Brexit-Versteher“. Sein Tenor: „Nicht alle Argumente, die für den Brexit vorgetragen werden, sind gleichermaßen stark; vielen lässt sich widersprechen. Aber gemeinsam ist den meisten ihr rationaler Kern.“ Buchsteiner blickt zurück in die Geschichte, und reflektiert eine bewährte Tradition britischen „Eigensinns“, die den Brexit weniger als Betriebsunfall, als vielmehr als Glied in einer langen Kette erscheinen lassen: Die Magna Carta von 1215 als frühe Wegmarke auf dem Weg zum Parlamentarismus; der Bruch mit dem Papsttum unter Heinrich VIII. im Jahre 1534, nicht umsonst „erster Brexit“ genannt; die elf Jahre „Republik“ von 1649-1690 unter „Lord Protector“ Oliver Cromwell, während jenseits des Ärmelkanals der Absolutismus seiner Hochzeit entgegen strebte, die splendid isolation zum Ende des 19. Jahrhunderts, als Großbritannien Genugtuung darin fand, das weltgrößte Kolonialreich zu regieren und keinerlei feste Bündnisse mit anderen eingehen zu müssen; die heldenhafte, doch nach Lage der Dinge mehr als gewagte Entscheidung Winston Churchills, Nazi-Deutschland den Kampf anzusagen; selbst noch die frühe Umsetzung der neoliberalen Agenda unter Thatcher, während andernorts noch der korporatistische Nachkriegskonsens vorherrschte – immer wieder zeigten sich die Briten in ihrer Insellage als willens und fähig, aus dem kontinentalen Mainstream auszuscheren, um ihr Glück im Neuen, Unbekannten, Risikohaften zu suchen. Dabei weist Buchsteiner darauf hin, dass streng genommen von einem „Enxit“ gesprochen werden müsste: Es waren die Engländer (und Waliser), die für den Austritt votiert haben, während Schotten und Iren mehrheitlich in der EU bleiben wollten. Der Brexit sei damit vielleicht „die letzten Verlängerung der englischen Dominanz ins 21. Jahrhundert hinein“.

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Der Autor argumentiert natürlich nicht im luftleeren Raum. Sein Standpunkt blitzt immer wieder dann auf, wenn er die Reaktionen der EU auf den Referendumsausgang vom 23. Juni 2016 einordnet. Schon im Titel wird deutlich: Es handele sich nicht um die Entscheidung in einer, wenn auch gewichtigen, Sachfrage, sondern um eine „Flucht“, noch dazu nicht aus dem europäischen Einigungsprojekt, sondern aus der „europäischen Utopie“. Die Reaktionen auf dem Kontinent fielen deshalb so besonders giftig aus, weil es der Brexit einen „Angriff auf den modernen europäischen Dreifachkonsens“ bedeute: „Dass die EU als zivilisatorisches Fortschrittsprojekt, als ‚immer engere Union‘, wie es im Gründungsvertrag heißt, weiterzuentwickeln ist; dass es den Nationalstaat zu schwächen und nicht zu stärken gilt; und dass aufgeklärte demokratische Gesellschaften Wohlstand über kulturelle Identität stellen.“

Das alles ist nicht neu, aber an dieser Stelle konzise und gut lesbar zusammengeführt. Die Auseinandersetzung mit der Gegenmeinung hilft nicht zuletzt bei der Schärfung des eigenen Standpunkts. Denn wenn besagter Dreifachkonsens umgedreht wird, darf jede und jeder selbst entscheiden, wie attraktiv ein solches Szenario klingt: „Die EU ist nicht weiterzuentwickeln; der Nationalstaat muss wieder gestärkt werden; kulturelle Identität geht über Wohlstand.“

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