Die Position der Anderen. Der Schriftsteller Ilija Trojanow und der Krieg (Close Reading)

Kürzlich sprach der Schriftsteller Ilija Trojanow („Der Weltensammler“) bei der Eröffnungsfeier der Salzburger Festspiele. Trojanow ist hinsichtlich des Krieges in der Ukraine einer der Unterzeichner offener Briefe an den Bundeskanzler, gegen Waffenlieferungen, für Verhandlungen mit Putin.

Gäbe es nur „Bellizisten“ oder „Appeaser“ zur Auswahl, Trojanow wäre eindeutig in letzterer Gruppe zu verorten. Soll er. Es ist ja hier, in der Europäischen Union, ein freies Land. Anders als in Putins Reich oder in seinen Satrapien. Deshalb dürfen wir uns aber auch Trojanows erläuternde Worte zur Rede, die er später in einem NDR-Interview geäußert hat, genau anschauen. Und da gibt es einiges zu sehen:

„Seit Kriegsausbruch sprechen wir die Sprache des Krieges,“ sagt er. „Antworten auf jede Frage mit einem entschiedenen Ja oder Nein. Oft, ohne die Frage wirklich verstanden zu haben. Reden von Kriegsverbrechen und vergessen, dass der Krieg an sich ein Verbrechen ist, unabhängig davon, wie gerechtfertigt die Selbstverteidigung sein mag, egal, wie die Aggressoren vordringen, der Krieg ist perverse, redundante Monotonie.“

Was soll uns das sagen? Was haben die Menschen in der Ukraine davon? Sollte man besser nicht von Kriegsverbrechen sprechen? Sind die Verteidiger – „unabhängig davon, wie gerechtfertigt“ ihr Kampf ist – letztlich ebenso schuldig wie die Angreifer, nämlich schuldig, sich der „Sprache des Krieges“ zu bedienen?

Möchte Trojanow das den Hinterbliebenen der russischen Massaker von Butscha, Irpin, Hostomel, Borodjanka sagen? Den Überlebenden der Bombardierung von Kramatorsk? Oder den Angehörigen der Toten einer Geburtsklinik des zerstörten Mariupol? Spricht Trojanow hier mit den Einwohner:innen des zerstörten Charkiw? Mit den Menschen, die bei Raketenangriffen auf Krementschuk oder Winnyzja ihre Lieben verloren haben? Richtet er seine Worte an die Vergewaltigten? An die Verstümmelten? An die Entführten, „Filtrierten“, Verschleppten? An die Opfer verbotener Waffen wie Phosphorbomben oder Streumunition?

Möchte er Ihnen sagen: „Sprecht nicht die Sprache des Krieges, verzichtet auf Gegenwehr, hört doch bitte auf mit dieser perversen, redundanten Monotonie.“

Wir wissen es nicht.

Doch Trojanow fährt fort und er treibt die Gleichstellung von Tätern und Opfern so weit, bis es sogar zu einer kompletten Umkehr kommt: „Was haben wir denn aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts gelernt, wenn nicht dies: Nationalismus führt zu Krieg. Nur eine Frage der Zeit.“ Wer frönt hier dem Nationalismus? Russland ja gerade nicht! Es möchte sein Imperium wiedererrichten, einen Gegenentwurf zum Nationalstaat. Putin hat klar ausgeführt, dass er die Nationalitätenpolitik der Bolschewiki für einen fatalen Fehler hält, den es rückgängig zu machen gilt. Das Ziel ist die Vernichtung der ukrainischen Nation, die aus dieser Sicht gar nicht erst hätte „zugelassen“ werden dürfen. Gemeint ist mit den Nationalisten also Kiew, das in Trojanows Augen die Frechheit besitzt, einen eigenen Nationalstaat nach europäischem Vorbild errichten oder vielmehr ausbauen und verbessern zu wollen. Und DAS – nicht etwa der russische Expansionismus, Kolonialismus, Imperialismus – ist es, was „zu Krieg“ geführt hat.

Das ist nicht ganz so offensichtlich dreist wie Sahra Wagenknechts Gerede vom „wahnsinnigen Krieg gegen Russland“. Immerhin ist man intellektuell. Und doch ist es quasi die Entsprechung für die höhere Kulturebene.

Es fehlt jetzt noch die Gelegenheit, irgendwo „NATO“ oder „USA“ einbauen zu können, um Trojanows Umwertung zu vollenden. Und er findet sie: „(…) am wenigsten haben die Ukrainer was davon, wenn es jahrelang das geben sollte, was leider viele Militärexperten, vor allem in den USA, vorhersehen, nämlich einen langwierigen Konflikt.“

Wovon aber haben die Ukrainer:innen was? Trojanow weiß nichts. Es ist ihm auch egal: „Die haben jetzt nichts davon, dass wir hier sitzen und irgendwelche simplen Sprüche von uns geben und irgendeinen russischen Künstler nicht auftreten lassen.“ Damit ist auch noch en passant ein bisschen russische (Kultur)Opferrolle reingemischt in den Relativierungssound, den der Schriftsteller so subtil wie zielsicher anstimmt.

Ein Interview dieser Art wäre heutzutage nicht komplett, wenn nicht noch ein wenig Kritik am Zustand der „Debattenkultur“, „der Medien“ oder „des Diskurses“ geäußert würde.

So konstatiert Trojanow, dass es – wie nach 9/11 – „Denkverbote“ gäbe und dass Sprache jetzt wieder „gewalttätig“ werde. Abgesehen davon, dass es vor allem „gewalttätig“ ist, einen Angriffskrieg gegen ein Nachbarland zu führen und dabei unter anderem Terror gegen die Zivilbevölkerung auszuüben – was für „Denkverbote“ könnten das denn sein?

Wir nähern uns hier der unausgesprochenen Konsequenz der offenen Briefe, wir nähern uns dem, was sachlogisch aus all den „Friedens“-Appellen abgeleitet werden muss: Dass es für die Ukraine aus der Sicht dieser Menschen keine Hoffnung gibt. Das Land soll sich stumm seinem Schicksal ergeben. Sterben. Die andere Wange hinhalten. Im Faschismus leben. Für den Frieden. Wegen Klimaschutz und Welthunger. Und weil Russland eine Atommacht ist. Und weil Freiheit überbewertet ist und auch die USA schon Verbrechen begangen haben.

Währenddessen schauen Intellektuelle wie Trojanow, was „Mechanismen und Strategien (sind), damit wir längerfristig den Frieden in unseren Köpfen, also auch in unseren Gesellschaften verankern.“ Kurzfristig allerdings ist nichts zu machen. Sorry, not sorry.

Da dies aber nicht ausgesprochen werden darf, wegen der „Denkverbote“, muss das Geraune erstmal reichen. Denn leider, leider: Es gibt – mal wieder – „zu viel Polarisierung“, es fehlen – mal wieder – „die Zwischentöne fast gänzlich“.

Polarisierung gibt es tatsächlich kaum. Ebenso wenig wie zu Corona-Zeiten 2020/2021. Es gibt lediglich besonders laute Minderheiten und ansonsten vernünftige Menschen, die es vermögen, sich zivil auszutauschen, auch wenn sie unterschiedlicher Ansicht sind. Die Rede von der Polarisierung hilft vor allem, sich selbst als besonders klarsichtig, differenziert, mutig und nachdenklich hinzustellen: Denn Trojanow leistet sich tatsächlich, in geradezu heldenafter Manier, „eine andere Position“.

Doch warum ist diese Position „anders“? Im Vergleich zu was? Er muss es gar nicht weiter ausbuchstabieren: Anders natürlich, als der „Mainstream“, die „veröffentlichte Meinung“, anders, als die Opinion Leaders es „zulassen“, anders als der polit-mediale Komplex es (mal wieder) vorschreibt.

Es ist der ewige alte Gratismut der Offene-Türen-Einrenner. Das öffentliche Lamentieren darüber, was öffentlich nicht (mehr) gesagt werden darf, der „Meinungskorridor“, der seit vielen Jahren ja immer enger werde und in dieser Logik mittlerweile nur noch wenige Millimeter breit sein dürfte.

Hat man früher noch die Traute gehabt, einfach zu sagen, „das sehe ich anders“, heißt es heute, „ich seh’s differenzierter“. Statt einfach zu seiner Minderheitenmeinung zu stehen, erklärt man jetzt standhaft: „Ich wünsche mir da einen breiteren Diskurs“.

Ein übler Narzissmus ist das, der einfach nicht darüber hinwegzukommen scheint, dass nicht jedes Mal kurzfristig eine Bundestagsitzung anberaumt wird, wenn man sich zu irgendwas öffentlich äußert. So wird der Umstand, dass die eigene subjektive Haltung sich nicht allgemeinverbindlich durchsetzt, zum demokratietheoretischen Problem hochgejazzt und übrig bleibt das Faust-in-der-Tasche-Gefühl, die diffuse Wahrnehmung des Betrogen-worden-Seins, das gleichsam Folge wie Ursache des Populismus ist.

Womöglich hatte Trojanow das alles gar nicht im Sinn, als er beiläufig von seiner „anderen“ Position gesprochen hat. Sein diskursives Zerstörungswerk war da ja längst getan: Die Angegriffenen zu Angreifern gemacht, Schutzbedürftige dem sicheren Tod überantwortet und das alles mit abstrakten Friedensidealen angereichert, die das eigene Weltbild hermetisch abriegeln: „Wir müssen zu jedem Zeitpunkt darauf beharren, dass es grundsätzliche Lösungen gibt und unsere Aufgabe als Intellektuelle ist es, darüber nachzudenken.“

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