„But I like living in the past. It’s where I grew up”. Jörg-Uwe Albig liest der Moralkritik die Leviten (Rezension)

Moralkritik war in den letzten Jahren schwer angesagt. Deshalb war ein Buch wie dieses überfällig. Der Schriftsteller Jörg-Uwe Albig legt mit „Moralophobia“ ein launiges Pamphlet darüber vor, „wie die Wut auf das Gute in die Welt kam“. Er tut das, indem er eine Reihe historischer Charaktere beleuchtet, die sich jeweils gegen neumodische Moralvorstellungen aufgelehnt haben und sich dabei doch immer nur auf einem Rückzugsgefecht gegen das befanden, was der Soziologe Norbert Elias in seinem klassischen Werk den „Prozess der Zivilisation“ genannt hat.

Das gelingt mal ganz vorzüglich, wie etwa beim Raubritter Götz von Berlichingen, bei Friedrich Nietzsche („gegen die schändliche, moderne Gefühlsverweichlichung“) oder bei Bertold Brecht („erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“). Teils wirkt es auch etwas gewollt aus der Biografie gehoben (Niccolò Machiavelli, Marquis de Sade). Besonders unterhaltsam ist es, wenn Albig historische Konstellationen mit zeitgenössischen Begriffen anreichert. Beim Bemühen, sich „der eigenen Überholtheit“ entgegenzustemmen, kämpften die bedeutungslos gewordenen Ritter des 16. Jahrhunderts als „zornige Waisenkinder der frühen Modernisierung“ in „immer grotesker wirkenden Rüstungen – quasi den SUVs des 16. Jahrhunderts.“ Wenn es um damalige Bündnisse aus Altadeligen und Bauern gegen die Parvenus von Landesfürstentum und Klerus geht, sieht Albig die Koalition aus „Porsche-Fahrern“ und „ländlich-proletarischen Gelbwesten“ gegen zu hohe Spritpreise vorweggenommen – vom Pakt des Multi-Milliardärs Donald Trump mit den „Abgehängten“ und „Deklassierten“ gegen „die linksliberale Elite“ ganz zu schweigen. Und was bewirken die Buch-Verleger des Nordens am Vorabend des US-Bürgerkrieges, indem sie progressive Autoren drucken, die für die Abschaffung der Sklaverei eintreten? „Zweifellos eine frühe Form der cancel culture.“

albig cover

Heutzutage toben die Rückzugsgefechte gegen den Prozess der Zivilisation mal wieder besonders laut. Von moralischen Erwägungen als zumindest partielle Entscheidungsgrundlage will man dabei dort oft nichts wissen, wo man sich in eine Art „Widerstand“ hineinimaginiert. In einer gelehrten „Kritik des Moralismus“ (2020) wird der Moralismus selbst zur „defizitären moralischen Reaktion auf die moralische Qualität eines Gegenstands“ erklärt. Auch zum aktuellen Krieg Russlands gegen die Ukraine fanden sich die entsprechenden Stimmen schnell wieder: Man dürfe das Geschehen nicht moralisch bewerten, auf „bequeme“ Einordnungen in „Gut“ und „Böse“ müsse verzichtet werden. Stattdessen wird dann traditionell für eine „nüchterne“, „sachorientierte“, „realistische“ oder auch „verantwortungsethische“ Betrachtung plädiert.

Auf der linken Seite des politischen Spektrums zitiert man in solchen Momenten gerne Egon Bahr (SPD), der da sagte, dass es „in der internationalen Politik (…) nie um Demokratie oder Menschenrechte“ gehe. Dass dieser Satz heute so viel Widerhall findet und politische links denkende Menschen jetzt selbst den Altmeister des Realismus, Henry Kissinger, bemühen, wenn es um die vermeintliche Alternativlosigkeit einer Verhandlungslösung in der Ukraine geht, ist bemerkenswert. Bei der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht oder dem Dramaturgen Bernd Stegemann hat die Moral-Kritik sogar Methode, die sie in erfolgreichen Sachbüchern an die geneigte Leser:innenschaft bringen. Weniger überraschend ist die starke Resonanz, die die Moralismus-Kritik auf der rechten Seite des politischen Spektrums findet. Hier kommt das ganze schließlich her.

Vorhang auf für Arnold Gehlen (1904-1976), seines Zeichens „der klügste aller deutschen Faschisten“, so Hans Magnus Enzensberger über den notirischen Moralkritiker, dem Albig zurecht ein eigenes Kapitel widmet. Gehlens Klassiker „Moral und Hypermoral“ (1969) dient als Stichwortgeber für eine ganze Industrie von Moralkritik, die sich in unseren Tagen über die Seiten von CICERO, NZZ, WELT und zahlreicher anderer Publikationen ergießt. Gehlen warnte seinerzeit vor der „überdehnten“ Moral, vor der „zur ethischen Pflicht gemachten unterschiedslosen Menschenliebe“, die das „familiale Ethos in die großen rationalen Geschäfte“ übertrage. So etwas durfte nicht sein, denn: Die „moralische Korrosion“ zerstöre „die Hierarchien“, „den Begriff der Autorität selbst“, „den Willen, Grenze und Identität zu behaupten – mit einem Wort: den Patriotismus.“ Was eigentlich ganz sympathisch klingt, war für einen strammen Altnazi wie Gehlen natürlich ein Grauen: „So nimmt der Leviathan mehr und mehr die Züge einer Milchkuh an.“ Fatal in diesem Zusammenhang: Die Frauen, die „instinktiv“ die sachlichsten Debatten mit ihrem „Frauendenken“ prägten, das nur „die Sorge für Nestwärme“ kenne.

Wer heute vorschnell über „Hypermoral“ klagt, nur weil Menschen sprachlich nicht nur „mitgemeint“, sondern regelrecht angesprochen werden wollen, sollte sich dieser Herkunft bewusst sein, die auf konservativer Seite beherzt weitergetragen wurde. 1984 hielt der Philosoph Hermann Lübbe einen Vortrag über „Politischen Moralismus“ und attestierte diesem einen „Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“. 2019 wurde das Büchlein neu aufgelegt, da es erneut wunderbar in die Zeit passte. Denn noch immer hätte der politische Moralismus die Neigung, „dem Verstand zu gebieten, doch endlich den Mund zu halten“. Sekundiert wurde Lübbe vom Tübinger Boris Palmer (Grüne), der „erst die Fakten, dann die Moral“ (2019) betrachten möchte und überzeugt ist, dass „Politik mit der Wirklichkeit beginnen muss“. 1993 hatte der Schriftsteller Botho Strauss bereits dem Geist Gehlens gehuldigt, in dem er in seinem berüchtigten „Anschwellenden Bocksgesang“ der verhassten „öffentlichen Moral“ attestierte, sie sei die „Verhöhnung des Eros, die Verhöhnung des Soldaten, die Verhöhnung von Kirche, Tradition und Autorität“.

Die Gehlen-Epigonen der Gegenwart wissen oftmals nichts von ihren geistigen Vorläufern. Jörg-Uwe Albig beschreibt sie folgendermaßen: „Der Moral-Rebell des 21. Jahrhunderts sorgt sich um die Freiheit, Minderheiten zu verunglimpfen, Mitmenschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen oder mit einem bösen Virus anzustecken und, wenn man ihm diesen letzten Spaß auch noch nehmen will, mit Fackeln und Trommeln vor dem Fachwerkhaus einer Gesundheitsministerin aufzumarschieren.“ Es gehe ihnen „um den libertären Narzissmus, möglichst umfassende Rechte für sich selbst und die eigene Gruppe zu konservieren – auf Kosten jener, die nicht kräftig, ungeniert oder zeitig genug zugegriffen haben.“

Das ist ziemlich robust ausgeteilt und wird nicht unwidersprochen bleiben. Wenig überraschend wurde Albigs Buch in der LITERATISCHEN WELT zum Verriss des Monats gekürt. Der Autor wird es mit Fassung tragen und als Bestätigung sehen. Doch macht er es sich in der Tat etwas leicht, eröffnet der Kritik vielmehr eine breite Flanke, wenn er Schattenseiten des Moralismus, die es ja gibt, überhaupt nicht thematisiert. Der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Absichten gepflastert. Die ein oder andere totalitäre Verirrung kann man auch auf der progressiven Seite des politischen Spektrums nicht übersehen.

Doch nach der Lektüre von tausenden Essays über „hypermoralische Gutmenschen“, „Lifestyle-Linke“, „Woko Harams“, „Virtue Signallers“, „Haltungs-Journalisten“, „Snowflakes“ und „Bleeding Heart Liberals“ tut die Lektüre eines Bandes, der die Moral einmal vorbehaltlos zur treibenden Kraft im Zivilisationsprozess erklärt, einfach gut. Mit Hannah Arendt gesprochen: Von der „Verachtung der Gutmeinenden“, die sich Hitler auf die Fahne geschrieben hatte, haben wir ein für alle Mal genug.

BILDCRREDITS: Henry Mosler (1841-1920), The Lost Cause

„But I like living in the past. It’s where I grew up“ – Text einer Zeichnung des langjährigen «New Yorker»-Chefkarikaturisten Bob Mankoff, im Buch erwähnt auf Seite 211. Es handelt sich um eine Therapiesitzung.

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