Literatur und Politik: Ein deutsches Verhängnis

Der Journalist Deniz Yücel ist als PEN-Präsident unter Protest zurückgetreten und hat das deutsche Zentrum der „Poets, Essayists, Novelists“, das er wenig schmeichelhaft als „Bratwurstbude“ bezeichnet, dann auch noch ganz verlassen. Der Blick zurück im Spott, den Yücel nun in Interviews und auf seinen Social-Media-Kanälen sehr offenherzig mit der Welt teilt, liest sich ungemein amüsant. Man kann die bedrückenden Verhältnisse, die Wichtigtuerei, die raumgreifenden Egos und die Selbstüberschätzung vieler Beteiligter nahezu körperlich spüren.

Jeder, der auch nur sporadisch mit dem Literaturbetrieb zu tun hat, kennt dieses prätentiöse Gehabe, das bei PEN-Deutschland extreme Ausmaße angenommen zu haben scheint. Dass Yücel mit Verve für seine Themen streitet, musste das deutsche Literaturspießertum, für das die „Wahrung der Contenance“ heiligste Pflicht und jede Gefühlsregung eine böse Entgleisung ist, natürlich überfordern.

Der Literaturkritiker und Walser-Biograf Jörg Magenau greift mit seiner Analyse im Deutschlandfunk viel zu kurz, wenn er lediglich erklärt: Beide Seiten, Yücel und PEN, hätten doch vorher wissen müssen, mit wem sie es zu tun haben.

Vielmehr handelte es sich beim Clash of Gotha um die aktuelle Ausgabe eines sehr alten Konflikts: Den zwischen littérature engagée und l’art pour l’art, zwischen Engagierter Literatur und bloßem Ästhetizismus. Yücel steht für Ersteres, die Gegenseite hat indes gesiegt. Ob es ein Pyrrhussieg war, wird sich zeigen.

Stories wie diese bewegten einst die Republik. Man lese nur die Raddatz-Tagebücher, um einen wunderbar bösartig-zärtlichen Eindruck von den Nickeligkeiten im bundesdeutschen Literaturbetrieb zu erhalten. Doch die Zeit der großen öffentlichen Intellektuellen ist längst vorüber. Émile Zola hatte durchaus seine Epigonen in Deutschland: Die Grass, Böll oder Lenz. Doch mit dem Wissen der Nachgeborenen müssen ja auch sie verblassen: Grass wegen der Waffen-SS, Böll wegen seiner RAF-Irrtümer und seiner kaum noch lesbaren Romane, und sogar Lenz‘ „Deutschstunde“ liest sich heute, wo Emil Noldes Rolle im Nationalsozialismus präsenter ist, nicht mehr ganz so überzeugend. Juli Zeh oder Nora Bossong wären heute als Epigoninnen der öffentlichen Intellektuellen zu nennen. Was sie sagen und schreiben hat gesellschaftliche Relevanz, ob man es teilt oder nicht.

Doch die Fläche darüber hinaus wird dominiert vom ewigen Walser, der sich spätestens 1998 als Stimme der Humanität disqualifiziert hat, von individualistischer Selbstbespiegelung à la Meyerhoff, von ästhetisierenden Provokationen à la Kracht oder gleich von Daseinsekel à la Handke.

Deniz Yücel jedoch war nicht „nur“ DER öffentliche Intellektuelle, weil auch DER politische Gefangene der letzten Jahre. Darüber hinaus konnte doch auch niemand so schön die ehrlose AfD-Bande provozieren, wie nun einmal er. Sprachen sie ihm, dem Flörsheimer, doch nicht nur das Deutsch-Sein ab, sondern ihm, dem „Deutschenhasser“, auch gleich noch das Journalist-Sein. So twitterte Fraktionschefin Alice Weidel 2018: „Wenn die #Medien heute berichten, der ‚deutsche Journalist‘ Deniz Yücel sei freigelassen worden, dann sind das gleich zwei #fakenews in einem Satz.“

Als Journalist per se der Engagierten Literatur verpflichtet, lagen die Schwerpunkte seines Wirkens klar auf den „Writers in Exile“- und „Writers at Risk“-Programmen. Soll man deshalb, wie Jörg Magenau, von einer Art „Schriftsteller-Amnesty“ sprechen, deren Job auch Amnesty International selbst übernehmen könnte? Das mutet nicht nur in einer Zeit merkwürdig an, in der ebenjene Menschenrechtsorganisation gegenüber Israel durch handfesten Antisemitismus auffällt.

In Wahrheit sind doch bei den altlinken Johanno Strassers dieser Welt die Kategorien gehörig ins Wanken geraten, weil mit Yücel eben ein WELT-Journalist der „Springer-Presse“ linke und progressive Aktionsformen im Hier und Jetzt kultivierte. Wer setzte sich denn für die Verfolgten und Unterdrückten ein und welche politischen Kräfte kuschelten denn am heftigsten mit den Diktatoren dieser Welt? Und war es nicht ausgerechnet DIE WELT, die in Zusammenarbeit mit „Reporter ohne Grenzen“ durch die #FreeThemAll-Kampagne von 2019-2021 täglich an die zahlreichen anderen Journalist:innen erinnerte, die rund um die Welt in Haft sind? Und es ist auch der Springer-Verlag, der im aktuellen Krieg ukrainische Journalist:innen finanziell sponsort, damit diese weiter aus ihrem Land berichten können. Das alles zu einer Zeit, in der sich links nennende Blätter wie die Berliner Zeitung oder der Freitag noch überlegen, ob nicht Russland doch auch ein bisschen Recht hat.

Yücels Äußerungen hinsichtlich der Einrichtung einer NATO-Flugverbotszone war wohl der Tropfen, der das randvolle Fass zum Überlaufen brachte. Nun hat die vielbeschworene „Zeitenwende“ auch die altehrwürdige Schriftstellervereinigung erreicht. Denn analog zur Situation der SPD sind die zugrundeliegenden Fragen ja auch hier nicht neu.

Der ebenfalls ausgetretene Schriftsteller Friedrich Christian Delius hat darauf hingewiesen, dass es auch in den 1980er Jahren entsprechende Scharmützel gab: „Solidarność kontra DKP- und DDR-Ideologie“. Heute heißt das: „Die Freiheit der Ukraine verteidigen kontra Russland nicht verärgern“.

Beim PEN-Deutschland sollte man über die Gelegenheit froh sein und die aktuelle Krise zum reinigenden Gewitter umdeuten. Soviel Reframing ist der schreibenden Zunft doch wohl zuzutrauen. Denn das PEN-Mitglied Ralf Bönt hat ja Recht, wenn er den aktuellen Zustand beklagt:

„Das ist in den Tagen, in denen Julian Assange ausgeliefert werden soll, das russische Militär in Mariupol gezielt Jagd auf Künstler macht und der Elon dem Donald seinen Account zurückzugeben plant, wahrlich keine gute Nachricht.“

Die Frage ist nur, ob es sich, wie Bönt schreibt, wirklich um „Kleinlichkeiten“, oder vielmehr um eine Richtungsentscheidung handelt. Wieviel Yücel wird nach Yücel beim PEN verbleiben? Wie kleinlich will man in punkto Reisekostenabrechnung künftig sein? Was ist unseren Intellektuellen mehrheitlich wichtiger? Frieden oder Freiheit? Welches PEN-Mitglied unterschreibt bei Alice Schwarzer und welches bei Ralf Fücks? Wie wird es künftig um das Verhältnis von Literatur und Politik bestellt sein? Bleibt es, wie der Bonner Politikwissenschaftler Günther Rüther eine Untersuchung zum Thema betitelt hat, bei einem „deutschen Verhängnis“?

Und vor allem: Wann endlich darf die Öffentlichkeit am legendären Dia-Vortrag über den Rolandsbogen (am Rhein) teilhaben, den PEN-Mitglied Kurt Roessler im Jahre 2019 geruhte, vor den Mitgliedern zu halten?

FOTO: „Deutschstunde“ nannte der Publizist Eberhard Seidel diesen Schnappschuss unübertroffen treffend. Ein zeitgeschichtliches Dokument erster Güte. Seit Heinrich Manns „Untertan“ oder seit den Gemälden von Otto Dix wurde Reaktionärstum nicht mehr so prägnant eingefangen.

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