Das Wunder vom Dnepr

Wird nicht genug gewürdigt, wie unendlich wundervoll ein solches Foto eigentlich ist? 

Die Bundesaußenministerin spricht vom „freien Kiew“, das sie besucht. Wer hätte am 24. Februar gedacht, dass ein solcher Besuch im Mai stattfinden kann? 

Das eigentlich realistischere Szenario war: Kiew wird überrannt, Selenskyj von Spezialkommandos ermordet, ein russisches Vasallenregime herrscht über die gesamte Ukraine.

Die Katerstimmung, auch hierzulande, kann man sich ja ausmalen: Nach Kabul nun auch Kiew gefallen. Wie viel sind Demokratie, Menschenrechte, das gesamte Projekt des Westens noch wert? Wer hat alles versagt? Warum haben wir nicht mehr Waffen geliefert? 

Doch es ist anders gekommen. Durch Heldenmut, durch Freiheitswillen, durch das Bündnis der Demokratien.

Die Freude darüber muss durch den andauernden Krieg, die Grauen von Butcha und Irpin und die Zerstörung von Städten wie Mariupol und Charkiw getrübt bleiben. 

Aber dennoch ist es falsch, das Wunder vom Dnepr einfach als selbstverständlich hinzunehmen. Während hierzulande Salonpazifisten salbadern, Tribalisten geifern und Putinversteher weiter agitieren, wird im Osten die Freiheit Europas verteidigt.

Das ist keine nachträgliche Projektion, keine fromme Legende, kein erbauliches Narrativ, das lediglich die kalte Geopolitik zukleistern soll – das ist schlicht und einfach die Realität. 

Apropos „schlicht und einfach“: Ein durch nichts gerechtfertigter Angriffskrieg, wie der, den Russland gegen die Ukraine mit geradezu lächerlicher Propagandarhetorik vom Zaun gebrochen hat, ist auch ein großer Vereinfacher – oder besser: sollte es sein.

Während auf der einen Seite entschlossenes Handeln gegen den Aggressor gefordert wird, um der Ukraine im Hier und Jetzt zu helfen und eine Ausweitung des Krieges auf andere Länder zu verhindern, nehme ich auf der anderen Seite etwas anderes wahr: 

Das scheinbar unstillbare Verlangen, ganz viel zu „differenzieren“, „beide Seiten“ zu sehen, an der Ukraine erstmal einen Demokratiecheck durchzuführen, Putin‘sche Motive verstehen zu wollen und plausibel zu machen, schier endlose Nabelschauen zu betreiben über das, was „wir“ gegenüber Russland alles falsch gemacht haben oder gar die ethisch-moralische Legitimität des ukrainischen Widerstands in Frage zu stellen. 

„Tatenarm und gedankenvoll“ nannte Hölderlin einst die Deutschen. Diese Kombination hat sich in weiten Teilen der Bevölkerung bis heute gehalten. Doch verwechsele niemand Nachdenklichkeit mit der Fähigkeit, ganz viele Worte zu machen. „Ein jegliches hat seine Zeit“, heißt es in der Bibel. Es ist jetzt die Zeit, Waffen zu liefern.

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