Zum #WelttagdesBuches

Den Beginn macht der Deutsch-Iraker ABBAS KHIDER mit „Die Orangen des Präsidenten“. Alle Bücher von Khider lohnen sich, immer hinterlassen sie bei mir einen tiefen Eindruck. Es geht um die Milieus der Geflüchteten, der „Ausländer“, „Asylanten“, ihre Sorgen und Nöte und um ihren Blick auf die deutsche Gesellschaft. Im vorliegenden Buch geht es um die brutale Diktatur Saddam Husseins und die willkürliche Verhaftung des Protagonisten. Bei allem Grauen verliert Khider dennoch nie seinen Witz. Und einen solch existentialistischen Witz habe ich selten gelesen … sowas entsteht nur aus echter Menschenliebe.

Dann ist da NADESCHDA MANDELSTAM mit ihrem Schlüsselwerk zum Verständnis vom Leben im Stalinismus: Die Autobiographie „Das Jahrhundert der Wölfe“. Viel wurde geschrieben über das Liebesdreieck aus ihr, ihrem Mann Ossip Mandelstam und der Anna Achmatova. Flucht, Vertreibung, Verbannung, Angst, permanenter Druck, Pflege des dichterischen Erbes ihres verhafteten Mannes, der letztlich wegen eines anstößigen Gedichtes im Lager zu Tode gebracht wurde – wer dieses Buch einmal gelesen hat, wird es niemals vergessen. Mittlerweile liegt auch eine prächtige Neuausgabe in der „Anderen Bibliothek“ vor.

Die Altertumshistorikerin MARY BEARD macht das, was Michael Sommer hierzulande macht: Die Antike spannend und erzählerisch brillant für unserer Zeit neu aufbereiten. „Women & Power. A Manifesto” ist ein kraftvoller Text, der von Cleopatra bis Thatcher und Merkel erklärt, was „Frauen an der Macht“ ausmacht und künftig noch viel mehr ausmachen wird: Es ist nicht nur ein „An die Macht kommen“, es ist eine Veränderung der „Macht“ an sich.

Wer etwas mehr über den Donbass erfahren möchte, von dem dieser Tage so viel die Rede ist, der lese STANISLAW ASSEJEW, sowohl seine „Geschichte eines Konzentrationslagers 2017-2019“ als auch seine „Texte aus dem Donbass“. Niemand kann nach dieser Lektüre ernsthaft noch an so etwas wie eine „Befreiung“ der beiden sogenannten „Volksrepubliken“ durch die Russen glauben. Doch wer das bis hierhin tut, muss ohnehin taub, stumm und blind sein.

THOMAS URBAN erklärt in „Versteller Blick. Die deutsche Ostpolitik“ nochmal alles wichtige über Russland, die Ukraine, Polen und Deutschland. Wer nur ein einziges Buch zum Themenkomplex zur Hand nehmen möchte, ist mit diesen knapp 200 Seiten bestens bedient.

Eine weitere dieser Jahrhundert-Autobiographien ist HEDA MARGOLIUS-KOVAYLS „Ein Jüdin in Prag. Unter dem Schatten von Hitler und Stalin“. Das Ghetto von Lodz, Konzentrationslager, Auschwitz, Flucht nach Prag, Widerstand, Schauprozesse gegen Slánsky und auch ihren Ehemann bis hin zum Prager Frühling mit seinen durch sowjetische Panzer vernichteten Hoffnungen – was für ein unglaubliches Leben einer unglaublichen Frau! Wo ging sie schließlich hin? In die USA, wohin sonst?

In der Abteilung Sinnsuche sind da MICHAEL KÖHLMEIER & KONRAD PAUL LIESSMANN. Der Österreicher Köhlmeier ist einer meiner liebsten Schriftsteller und Geschichtenerzähler. Außerdem liest niemand so gekonnt der FPÖ die Leviten. In diesem Band geht es unter anderem um „Neugier“, „Rache“, „Lust“, „Macht“ oder „Schönheit“. Und dann entspinnen sich von der Bibel ausgehend wundervolle Debatten, vielmehr „mythologisch-philosophische Verführungen“.

Und natürlich NAVID KERMANI. Der darf nicht fehlen. Selten gibt es ein Buch, bei dem bereits der Titel ausreicht, um einen ganzen Sinnkosmos zu entfalten: „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näherkommen“. Kermani versteht es wie kein zweiter, den Islam für moderne, liberale Gesellschaften fruchtbar zu machen. Lesegenuss und praktische Lebenshilfe. 

Im Bereich Belletristik sei YASSIN MUSHARBASHS „Russische Botschaften“ genannt. Es geht um Medien, um Russland, um eine Verschwörung. Es geht um unsere politische Gegenwart. Und es ist der absolut beste Polit-Thriller, den es derzeit gibt. Punkt. Am besten vorher noch „Radikal“ und „Jenseits“ lesen.

Wem all das zu negativ ist, wen angesichts der Schlagzeilen erneut Zweifel am Menschengeschlecht heimsuchen, dem seien noch HANS ROSLING und RUTGER BREGMAN empfohlen. Rosling erbaut mit Zahlen, Daten und Fakten zum menschlichen Fortschritt und Bregman erklärt anhand prägnanter und glänzend erzählter Beispiele, warum der Mensch letztlich doch „im Grunde gut“ ist. 

So long, man liest sich!

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