Warum ist Deutschland über die Ausladung Steinmeiers so überrascht?

Was der Historiker Andreas Rödder bereits 2018 anmahnte, bleibt einer Mehrheit der Deutschen nach wie vor versagt:

Multiperspektivische Sichtweisen, sich in die Rolle des anderen versetzen, Deutschland mal von außen betrachten.

Hat man hier verstanden, was die Austeritätspolitik der 2010er Jahre in Griechenland und in anderen Ländern Südeuropas angerichtet hat? Wird da etwa noch Dankbarkeit für die großzügigen „Hilfen“ erwartet, an denen Deutschland am Ende sogar verdient hat?

Hat Berlin selbst in entsprechenden Krisen den Gürtel enger geschnallt? Nein, es wurden Investitionsprogramme aufgesetzt und der Sozialstaat ausgebaut (zu Recht, möchte ich anfügen).

Ist allen bewusst, dass unser exportorientiertes Wirtschaftsmodell direkt mit den Handelsdefiziten anderer Länder korrespondiert, sprich: Die Wirtschaft dort auch ein Stück weit abgewürgt wird?

Wer erinnert sich daran, als Deutschland zu Beginn der Corona-Krise Italien Schutzmasken verweigerte? An den fatalen Eindruck, den das machte (und der durch das Corona-Aufbau-Programm zum Glück etwas korrigiert werden konnte)?

Hat man hierzulande den Brexit wirklich verstanden? Weiß man, dass die Europäische Union in Großbritannien vielerorts als hegemoniales Projekt Deutschlands gesehen wird?

Kann die Öffentlichkeit Deutschlands eigentlich ermessen, welch fatale Auswirkungen die Nord-Stream-Politik auf Polen und die Ukraine hatte? Bereits weit vor 2022/2014? „Auf die Deutschen ist kein Verlass“, war noch das Mildeste, was man seit 2005/6 in Polen zu hören bekam. Spätestens als Gerhard Schröder in der Abendsonne seiner Kanzlerschaft, im April 2005, die Pipeline-Vereinbarung gemeinsam mit Putin unterzeichnete, war der deutsche Ruf im Osten (mal wieder) ruiniert.

All das Gedenken und Andenken wirkt vor dieser Kulisse hohl.

Und schließlich: Nord Stream 2 wurde 2015, ein Jahr (!) nach der Krim-Annexion durch Russland, wenige Monate (!) nach dem Abschuss des Malaysia-Airlines-Fluges 17 durch eine russische Flugabwehr-Rakete, vom russischen Konzern Gazprom und fünf europäischen Konzernen aus der Taufe gehoben. Die Gasspeicher in Deutschland gab man, weil es so schön war, auch noch dazu.

Welchen Eindruck machte das wohl auf die Ukraine? Und wie bekannt ist hierzulande eigentlich die „Steinmeier-Formel“, die in Kiew notorisch ist? Im Wesentlichen geht es dabei um die Durchführung von Kommunalwahlen in den sogenannten Volksrepubliken im Donbas – die nach der Lage der Dinge, unter dem Druck der russischen Besetzung, positiv für Moskau ausgehen würden.

Es geht nicht darum, dass die beschriebenen Sichtweisen und Kritiken an Deutschland in allen Fällen zutreffen. Oft genug ist das leider der Fall. Es geht darum, in einem zusammenwachsenden Europa zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung zu unterscheiden, die Sichtweisen der anderen zu kennen und anzuerkennen. Leider findet Deutschland sich oft nämlich toller, als es eigentlich ist. Multilateralismus ist zwar fester Bestandteil von Sonntagsreden. In der Realität verfolgt Berlin eiskalt seine Interessen. Notfalls auch auf Kosten seiner Nachbarn.

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