Bücher zur Lage

Was können Bücher denn helfen, wenn doch von all den schlauen Leuten nur die allerwenigsten es für möglich gehalten hätten, was am 24. Februar mit der russischen Invasion der Ukraine dann dennoch geschehen ist?

Oft leider nicht viel.

Ex-Post-Prophetie darüber, warum alles genau so kommen musste, wie es gekommen ist, muss abgelehnt werden. Aber spannend kann es sein, in der Rückschau zu erkennen, welche Prognosen eintraten, welche Begründung stichhaltig ist und welche nicht, was Information und was Desinformation ist.

Hintergründe zum russisch-ukrainischen Verhältnis liefert Andreas KAPPELER mit „Ungleiche Brüder“. Den Erbstreit darüber, wer jetzt aus wem heraus gegründet wurde, hält er indes für „wissenschaftlich unergiebig“.

Putins Revisionismus bezieht sich mitnichten auf die letzten 30 Jahre. Er geht zurück bis zur Nationalitätenpolitik der Bolschewiki und bedauert, dass diese eine ukrainische Nation überhaupt „zugelassen“ hätten. Grund genug, sich Martin AUSTS prägnante Darstellung der Russischen Revolution nochmal zu Gemüte zu führen.

Der 2018 verstorbene Walter LAQUEUR erklärte bereits 2015 in „Putinismus“, was dieses System so einzigartig macht: „In der Geschichte hatten in verschiedenen Regimen Reiche und Superreiche politische Machtpositionen erklommen, und in Militärdiktaturen waren Oberste und Generale an die Spitze gelangt. Aber die politische Polizei hatte noch nie das Kommando gehabt, nicht im Faschismus und in anderen politischen Regimen ohnehin nicht.“

Von den vielen Putin-Biographien sticht immer noch Masha GESSENS „Mann ohne Gesicht“ aus dem Jahre 2012 hervor. Wer nach der Lektüre immer noch denkt, der Mann, der 2001 im Deutschen Bundestag gesprochen hat, hätte irgend etwas Gutes im Schilde geführt, dem ist kaum zu helfen.

GESSEN ist es auch, die ihn „Die Zukunft ist Geschichte“ am Beispiel einiger Einzelpersonen anschaulich nacherzählt, wie „Russland die Freiheit gewann“ – und wieder verlor.

Ähnliches vollbringt Martin AUST in „Schatten des Imperiums“, das sich vornehmlich mit Russlands postimperialen Phantomschmerzen beschäftigt.

Nicht vergessen werden darf bei all dem Belarus, das sich ebenfalls im Würgegriff eines Diktators befindet, der auch noch Putin-Vasall ist. „Die Frauen von Belarus“ von Alice BOTA ist ein eindrücklicher Bericht über die unfassbar mutigen Heldinnen dieses Landes, der einmal gelesen unvergessen bleibt.

In der Negativ-Kategorie soll noch Horst TELTSCHIKS „Russisches Roulette“ genannt werden, das sich vornehmlich an echten und vermeintlichen Fehlern des Westens und der NATO abarbeitet und an der Vision einer Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok festhält.

Nicht annährend genug skandalisiert wurde 2021 das Machwerk „Letzte Chance“ von Altkanzler SCHRÖDER und die Erlanger Historiker Gregor SCHÖLLGEN. Wer nach der deutschen Entsprechung der historisierenden Essays Wladimir Putins sucht, wird hier fündig. Eigentlich nur zu gebrauchen, um den Puls hochzutreiben oder aber auch um zu verstehen, wie es hierzulande soweit kommen konnte, Putin als „lupenreinen Demokraten“ zu behandeln.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s