Der Mann ohne Gesicht

Es ist erstaunlich, wie viele Menschen hierzulande russischer Regime-Propaganda auf den Leim gehen. Da ist der Friedensengel Putin, der 2001 im Deutschen Bundestag die Hand zur Versöhnung ausgestreckt hat. Aber Deutschland, die USA, der Westen – sie haben Russland immer weiter verärgert, es „eingekreist“, sich nicht an Versprechen gehalten. Uns deshalb ist es ja auch kein Wunder, dass sich Russland jetzt „wehrt“. Schließlich stehen seine „Sicherheitsinteressen“ auf dem Spiel. Und überhaupt: Karl XII., Napoleon und Hitler! Und die russische „Volksseele“, völlig demokratieunfähig. Da braucht man halt einen starken Führer. So der Tenor.

All das, während die politischen Gefangenen in Gefängnissen und Lagern dahinsiechen. Während Mord, Tod- und Giftanschlag gegen Oppositionelle an der Tagesordnung sind, Memorial verboten wurde. Auch der Belarus-Komplex gehört in diesen Gewaltzusammenhang. Haben wir die wunderbare Maria Kolesnikowa mit ihrer Herz-Geste bereits vergessen? Elf Jahre Haft drohen ihr. Wofür?

Polen, Ungarn, Tschechien, das Baltikum – sie prosperieren heute als Demokratien und Teile des Westens. Ihr Lebensstandard hat sich seit 1990 verdutzendfacht. Sie sind Mitglieder der EU, doch ihre Sicherheit kann gegenwärtig nur die NATO gewährleisten. Wer sind wir, dass wir ihnen erklären sollten, ihre demokratisch gewollte Aufnahme sei leider ein Fehler gewesen?

Es gibt zur gegenwärtigen, auf Ausgleich bedachten Realpolitik der Bundesregierung kaum sinnvolle Alternativen. 

Aber es sei nochmal daran erinnert, mit wem wir es hier zu tun haben: 

Der Mann, der 2001 im Deutschen Bundestag sprach, war gerade erst ins Amt gekommen. Wer erinnert sich noch an die angeblichen Terroranschläge 1999 auf Wohnhäuser in Russland? 367 Menschen kamen ums Leben und über 1.000 wurden verletzt. Gemäß offizieller russischer Ermittlungsergebnisse waren die Täter „tschetschenische Separatisten“. Und so dienten die Anschläge auch als Anlass für den Zweiten Tschetschenienkrieg, in dessen Verlauf der ehemalige FSB-Direktor Wladimir Putin als neuer russischer Präsident seine Position an der Staatsspitze konsolidieren konnte.

Die „Verstrickung“ des russischen Geheimdiensts FSB in die angeblichen Terroranschläge sind aktenkundig. 

Unter anderem die russische Publizistin und Exilantin Masha Gessen zeigt das in ihrem Buch aus dem Jahre 2012 ganz deutlich. Es ist die spektakulärste und schockierendste Geschichte im Umfeld von Putins Aufstieg, der geprägt war von zahlreichen weiteren mysteriösen Unfällen und Toden. Man schaue nur mal – als ein Beispiel unter vielen – auf den plötzlichen „Herzinfarkt“ des einstigen Putin-Förderers Anatoli Sobtschak, mit dem er sich kurz zuvor überworfen hatte …

Das alles war weit VOR der „hybriden“ Kriegsführung als „Reaktion“ auf den Westen, VOR den massiven Desinformationskampagnen ab ca. 2014, den Troll-Fabriken, der Verpestung der öffentlichen Meinung, der Förderung destabilisierender Parteien in Europa.

Und mit diesem Regime, und allem, wofür es steht – Kleptokratie, Mafia, Gewalt, Unterdrückung –, verhandelt der Westen gerade. 

Es geht nicht um „russische Sicherheitsinteressen“. Die Interessen des Putin-Regimes sind nicht die Interessen des russischen Volkes. Es sind die Interessen einer De-Facto-Diktatur.

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