Ernst von Weizsäcker und das Ende des „Gentleman Nazi“

Zu Fridolin Schleys Doku-Roman „Die Verteidigung“

Vielleicht ist unsere Zeit die erste, die nicht nur ohne Verklärung auf die Zeit des Nationalsozialismus schauen kann, sondern es mitunter auch tut. Weniger Apologetik, weniger Verstrickungen, weniger Relativierungen – ein solcher Blick ist nach einem ebenso langen wie quälenden Prozess spätestens jetzt endlich geboten. Die Quellen wurden gehoben, die Legenden dekonstruiert, die Schlüsse können gezogen werden und wurden auch verschiedentlich gezogen. Das gilt sowohl für die Forschung als auch gesamtgesellschaftlich.

Nur vereinzelt – wie jetzt in der sogenannten Hohenzollerndebatte – kommt es noch zu „lärmenden Nachzugsgefechten der Arrièregarde“ zeithistorischer Forschung (F.A.Z. vom 16.12.2021). Und die unselige Tradition der Holocaust-Relativierung, die ohne Forschung und ohne Erkenntnisgewinn auskommt, wird zwar jetzt eher von linker Seite in Form verquer argumentierender, postkolonialer Diskurse angestrengt, jedoch fachlich kaum ernstgenommen. Gestern der GULag als „kausaler Nexus“ von Auschwitz (Ernst Nolte), heute die Erinnerung an den Holocaust als „deutscher Katechismus“ (A. Dirk Moses). Da rauscht zwar das Feuilleton, die Forschung bewegt sich jedoch keinen Millimeter weiter.

Die heute vorbehaltlosere Betrachtung der Zeit des Nationalsozialismus geht jedoch paradoxerweise kaum mit einem besseren Verstehen-Können einher. Vielmehr werden die Verbrechen in der Rückschau noch monströser und gewinnen in unserer Gegenwart mit ihrem feinen Gespür für Ungerechtigkeiten ein immer größeres Ausmaß. Und das nicht nur – um diesen möglichen Einwand gleich zu entkräften – wenn man aus heutiger Sicht auf das damalige Handeln schaut, sondern dieses Handeln gerade auch aus zeitgenössischer Sicht versteht.

Eine Figur, die in der direkten Nachkriegszeit eine unmittelbare Plausibilität genoss, die jedoch heute nicht mehr haltbar ist, ist diejenige des „Gentleman Nazi“. Erwin Rommel, Albert Speer, Ernst von Weizsäcker – sie galten ja lange – und das beileibe nicht nur in Deutschland – als so etwas wie Ehrenmänner, die als aktiv Handelnde zwar mitten im Geschehen gewesen waren, es aber irgendwie fertiggebracht hatten, kaum Schuld auf sich zu laden. Das nahm eine um individuelle Entlastung bemühte Gesellschaft gerne auf.

Doch die Legende vom „vorbildlichen deutschen Soldaten“ Rommel hat Ralf Georg Reuth spätestens 2012 zum Einsturz gebracht. Dasselbe geschah mit dem Lügengebäude, das der angeblich „unpolitische Architekt“ Albert Speer – unterstützt durch seinen willfährigen Biographen Joachim Fest – von sich entworfen hatte. Magnus Brechtkens Opus Magnum von 2017 lässt in dieser Hinsicht keine Fragen mehr offen: Nach der Lektüre stellt sich Speer als mustergültiger Kriegsverbrecher dar, der seinen Komplizen allerdings intellektuell weit überlegen war und es dazu meisterhaft verstand, sich ins rechte Licht zu setzen. Dabei half ihm schon vor dem Krieg eine komplette Propagandaabteilung, die eine Unzahl von Bildern, Berichten, Videos und Filmen unter das Volk brachte.

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Auf seine Kameraden verlassen konnte sich auch Ernst von Weizsäcker, Ribbentrops Staatssekretär im Auswärtigen Amt, dem seine Verteidigung vor Gericht eine zumindest geistige Nähe zum Widerstand gegen Hitler attestierte, es jedoch im Praktischen bis zum bitteren Ende an echten Widerstandshandlungen fehlen ließ. Die Fakten: Aufnahme in die NSDAP zum 1. April 1938, seit 20. April desselben Jahres Ernennung zum SS-Oberführer und Mitglied des persönlichen Stabs Himmlers, von dem er 1942 persönlich den Ehrendegen des Reichsführers und den SS-Totenkopfring verliehen bekam. Dagegen konnte er, der angeblich „keine Machtmittel mehr im Großen“ besaß, helfen, „einzelne Leben“ zu retten, „was viele Briefe jetzt bezeugen, auch von Juden, die ihm danken“. Doch: „Selbst Göring hat (…) jüdische Entlastungszeugen beigebracht“.

Als es vor dem Kriegsverbrechertribunal von Nürnberg darum ging, dem Angeklagten eine „hohe moralische Reputation“ zu bescheinigen, da gingen auch die schriftlichen Fürsprachen ehemaliger Funktionsträger des Regimes reihenweise ein: „Der Austausch von Gefälligkeiten erfolgte passgenau.“ Man bestätigte sich gerne dieses oder jenes quasi-widerständige Verhalten, wenn man auf ähnliche Unterstützung auch im eigenen Prozess rechnen durfte. Eine Hand wusch hier gerne die andere.

Es sind diese präzis beobachteten Dynamiken und Wirkmechanismen, die Fridolin Schleys „Die Verteidigung“ zu solch einer faszinierenden und anregenden Lektüre machen. Für Ernst von Weizsäcker fehlt bislang die große Enthüllungs-Biografie, wenn auch die kontrovers diskutierte Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ (2010) bereits einige Mythen von den ebenso altehrwürdigen wie „anständig gebliebenen“ Eliten der Wilhelmstraße nachgerade zurechtgerückt hat. Der Zeithistoriker Norbert Frei urteilte seinerzeit, die Forschungsergebnisse der von Bundesaußenminister Fischer eingesetzten Historikerkommission bedeuteten das „Ende der Weizsäcker-Legende“.

Schley nun ist Romancier und Essayist und was er hier vorlegt, ist ein Doku-Roman auf der Basis zeitgenössischer Gerichtsdokumente. Die Methode erinnert an den Franzosen Éric Vuillard, der es wie kein zweiter versteht, historische Begebenheiten mit Leben zu füllen. Auch Schley gelingt eine packende Verdichtung des Sachverhalts. Anklage und Verteidigung von Weizsäckers werden zu Synonymen für das Versagen einer ganzen Gesellschaftsschicht und der Autor hat ein sensibles Gespür für Zwischentöne und Ambivalenzen, die aus heutiger Sicht freilich weniger ambivalent anmuten.

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Wir folgen dem Blick des Sohnes und späteren Bundespräsidenten, Richard von Weizsäcker. Als Mitglied der Verteidigung lesen wir von seinen Reflexionen, Zweifeln und Hoffnungen im Angesicht der ungeheuerlichen Verbrechen des Nationalsozialismus im Allgemeinen und der Rolle seines Vaters im Speziellen. Ist es nicht so, wie die Mutter ausgerufen hatte, als es um jene Schriftstücke ging, die die Grundlage für tausendfache Morde darstellten? „Sehen Sie sich die Hände meines Mannes an. Es ist ausgeschlossen, dass diese Finger so etwas unterzeichnet haben.“ Doch sie taten es, wenn sich der Unterzeichner auch zum „Briefträger in dieser scheußlichen Angelegenheit“ – der sogenannten „Judenfrage“ – herabstilisierte.

War es die Sprache des Regimes oder doch die genuine Sprache des Autors, wenn er vor „missverstandener Humanität“ bei Bedenken gegen die  Erschießung von Geiseln warnte? Gibt es da eigentlich einen Unterschied und was ist dieser wert? Was hilft, fragt sich da auch Sohn Richard, „eine menschliche Gesinnung gegen das Versagen in politischer Verantwortung“? Was gibt es denn noch zu deuteln, wenn der Staatsekretär dekretiert, dem Ausland falle es schwer, „anti-jüdische Aktionen zu begreifen, (…) denn es hat diese Judenüberschwemmung eben nicht am eigenen Leibe verspürt“? Ist es da nicht ein bitterer, schlechter Scherz, wenn der Angeklagte zu Protokoll gibt, er sei „in direktem, sichtbarem Widerstand an die Grenze des Möglichen gegangen“? Hat so jemand wirklich nicht verstanden, was mit dem Begriff „Sonderbehandlung“ von Juden in Polen wohl gemeint gewesen sein konnte? „Dass darunter so etwas Scheußliches zu verstehen war, wie ich es jetzt glaube und wie ich es jetzt weiß, das kam mir damals nicht in den Sinn.“ Ging er wirklich an die „Grenzen des Möglichen“, wenn er in einer Rede noch am 6. Mai 1945 erklärt, „die deutsche militärische Ehre in diesem Krieg ist gewahrt“?

Fragen all diese, die sich fast von selbst beantworten, die mittlerweile aktenkundig beantwortet sind; bei denen es im Nachhinein merkwürdig anmutet, dass es überhaupt möglich war, sie so lange anders zu beantworten. Fragen, die auch beim Weizsäcker-Sohn die Zweifel an der moralischen Integrität des Vaters überhandnehmen lassen. Er mag seine Schlüsse gezogen haben. Welche das waren, wäre der Stoff für spätere Bände. Denn Protagonist ist hier Vater Ernst, der am Ende lediglich dreieinhalb Jahre einsitzt und dann 1951 an einem Schlaganfall stirbt.

Insgesamt gilt für ihn, was Christopher Clark einmal über den Generaloberst Blaskowitz geschrieben hat, „dass nämlich Einzelpersonen, die für ihre grundsätzliche Ablehnung gegen bestimmte Merkmale des Regimes bekannt waren, ihm aber dennoch weiter dienten, auf subtile, aber bedeutsame Weise zur Stabilisierung des Regimes beitrugen.“

Das Buch von Fridolin Schley bietet dreierlei: Eine anschauliche Einführung in den historischen Sachverhalt, eine mustergültige Darstellung der Dynamik von historischer Schuld und Gerechtigkeit und eine Idee vom zeitlosen Sound apologetischer Rhetorik; irgendwo dort, wo konkretes Handeln zu bloß subjektiver Wahrnehmung herabgestuft werden soll, wo Tatsachen in überbordender Aktenlage versinken, wo tausende Nebelkerzen Fakten verschleiern.

4 Kommentare

  1. Danke für die Buchvorstellung,
    „Keine Apologetik, keine Verstrickungen, keine Relativierungen – ein solcher Blick ist nach einem ebenso langen wie quälenden Prozess spätestens jetzt endlich geboten.“
    Doch wer hat keine Verstrickung, Entschuldigung oder Rechtfertigung, …
    Viele Grüße Bernd

    1. Ich nehme die Auseinandersetzung mit dem NS in weiten Teilen als mittlerweile 76-jähriges Abwehrgefecht wahr. Jeder Millimeter Aufklärung musste mühsam erkämpft werden. Und wenn ich heute bspw. die 10-teilige ZDF-Doku über den NS sehe, nehme ich weitaus weniger Verklärung, Apologetik, Schutzbehauptungen o. ä. wahr. Dies nur in aller Kürze! Beste Grüße

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