Ausgesödert?

Warum Markus Söder einen Image-Wechsel zuviel hingelegt haben könnte

Markus Söder ist ein Phänomen. Sein Machtwille legendär. Seine Wandelbarkeit atemberaubend. Und doch spricht vieles dafür, dass er den Bogen mittlerweile überspannt, sein Instinkt für Stimmungen in der Bevölkerung ihn verlassen hat.

Auf einer Weihnachtsfeier 2012 sprach Söder-Vorgänger Horst Seehofer von „charakterlichen Schwächen“ seines Möchtegern-Nachfolgers, von einem „Hang zu Schmutzeleien“. Hatte Söder im Jahre 2007 die BILD-Zeitung über das uneheliche Kind Seehofers informiert?

All das ist lange her. Auch der Amtsantritt Söders als bayerischer Ministerpräsident 2018 und als CSU-Chef 2019. Wir erinnern uns: Ein Kruzifix in jeder Amtsstube. Geflüchtete als „Asyltouristen“. Die AfD rechts überholen, um verirrte Konservative „zurückzuholen“. Das alles aber erkennbar nicht erfolgreich: 37,2% bei der Landtagswahl 2018. Ein Minus von 10,5%! Söders Damaskus-Erlebnis?

Jedenfalls dann die Wandlung vom Saulus zum Paulus: „Wir haben festgestellt, dass man in der Mitte mehr verliert, als man rechts zu gewinnen hofft“. Bäume umarmen. Grüne Avancen. Frauenquote. Zusammen mit CSU-Generalsekretär Markus Blume wird plötzlich ein Feuerwerk gezündet: Moderner, liberaler, ökologischer, zukunftsorientierter Konservatismus. Von Victor Orbans illiberaler Demokratie will man nun nichts mehr wissen. 

Dagegen sieht die CDU alt aus: AKK gewinnt mit einem Mitte-Ticket den Vorsitz und muss um das konservative Lager in ihrer Partei werben. Das wirkt unglaubwürdig. Am Ende verliert sie auf allen Seiten. Armin Laschet macht exakt dieselben Fehler und scheitert noch spektakulärer.

Eine Zäsur in diesem Prozess: Thüringen und die Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) mit den Stimmen der Höcke-AfD. Daran scheitert schließlich AKK, denn die Landes-CDU macht, was sie will. Nur durch die Autorität der Bundeskanzlerin kann diese Scharte notdürftig ausgewetzt werden.

Praeceptor Germaniae Jürgen Habermas erkennt daraufhin – ziemlich vorschnell – die „Klärung einer politischen Frontlinie“ zwischen CDU, FDP auf der einen und der extremen AfD auf der anderen Seite. 

Und Söder? Der klingt plötzlich wie der oberste Antifaschist der Bundesrepublik, spricht von einem „inakzeptablen Dammbruch“ und erklärt: „Das ist kein guter Tag für Thüringen, kein guter Tag für Deutschland und erst recht kein guter Tag für die Demokratie in unserem Land.“

Er muss sich als Vorsitzender einer Bayern-only-Partei nicht mit unbotmäßigen Landesverbänden im Osten herumplagen und muss auch keine Braunkohle-Tagebaue stilllegen lassen. Nun strahlt Söder plötzlich weit ins linksliberale Lager aus, vorerst ohne dabei die Zustimmung im Unions-Lager zu verlieren. 

Es folgt die Zeit seiner wirkmächtigsten Inszenierung: Die Corona-Pandemie. Landesväterlich, paternalistisch, dabei gesellschaftlich liberal, vernünftig – hier könnte ein Bundeskanzler entstehen. Dazu das Thronzeremoniell mit der Kanzlerin im Schloss Herrenchiemsee. Fast drängt sich der Nachfolge-Gedanke von allein auf. Dass Söder während der entscheidenden Pandemie-Monate auch noch öffentlich präsenter Bundesratsvorsitzender ist, wirkt als glückliche Fügung des Schicksals. 

Und hier entsteht auch der unheilvolle Dualismus mit Armin Laschet, der überfordert, genervt, unvernünftig und ziellos wirkt. „Team Vorsicht“ gegen „Team vorschnelle Öffnung“. All diese Inszenierungen verlaufen im Übrigen vollkommen losgelöst von der Realität. Denn die Infektionswerte sind in Bayern über lange Strecken höher als in NRW.

Die Rivalität der beiden kommt zum Showdown im April 2021: Laschet wird Kandidat, Söder zieht sich grollend zurück – und hört fortan nicht mehr auf, gegen den CDU-Kandidaten zu sticheln.

Erste Risse zeigen sich in der Fassade des modernen Konservativen Söder: Wollte er tatsächlich nach dem Vorbild von Macron oder Kurz die Union zu einer „Liste Söder“ machen und damit der altehrwürdigen parlamentarischen Parteiendemokratie nachhaltigen Schaden zufügen? Was wäre von der Union danach noch übriggeblieben?

Vorerst jedoch kann Söder seine moderne Synthese durchhalten: Während Laschet beim Thema Hans-Georg Maaßen den Parteifrieden wahren muss, kann Söder unumwunden seine Ablehnung gegen irrlichternde Rechte kundtun. 

Aber dann beginnt er zu überreizen: Während des Bundestagswahlkampfs denken nach wie vor viele im Unions-Lager, mit Söder wäre die Sache besser gelaufen. Aber sein Gestänkere wirkt nun zunehmend boshaft. Immer schon musste man sich bei Söder das Augenzwinkern dazu denken und immer schon galt auch für ihn der alte, anerkennend gemeinte, ursprünglich auf Strauss gemünzte Ausspruch: „A Hund is er scho‘“. Aber: Niemand mag schlechte Verlierer.

Nun wirken die permanenten Tritte in Laschets Kniekehlen nicht mehr wie die Kritik eines Politikers, dem es um die Sache zu tun ist, sondern teilweise wie das Wirken einer beleidigten Leberwurst und oft auch einfach nur noch dreist. Verschiedentlich geäußertes, immer halb vergiftetes Lob für den Kanzlerkandidaten Laschet wirkt da fast schon wie Realsatire („der Armin macht das schon ganz gut“).

Das Ergebnis ist bekannt: Die Bundestagswahl ging für die Union krachend verloren. Nicht wenige geben Söder daran eine ordentliche Portion Mitschuld. Und auch die CSU-Umfragewerte ein Bayern sind alles andere als berauschend. Mehrheiten jenseits der ewigen Regierungspartei geraten in Sichtweite. Im Herbst 2023 wird in Bayern gewählt. Und: Söder hat noch nie so richtig eine Wahl gewonnen. Erweist er sich am Ende gar als Scheinriese, der nur eine kurze Saison hatte, in der alles möglich schien, sogar, dass ein Franke Bundeskanzler wird?

Zeit, so dachte sich wohl Söder, für den nächsten Image-Wechsel. Womit sich die Frage stellt, wie ernst gemeint und innerlich überzeugt wohl die letzten waren. Nun also „der freie Süden“ gegen den – ja was eigentlich? gefangenen? – Norden. Bayern gegen Preußen reloaded. „Der gerade noch ergrünte staatsmännische Bäumeumarmer macht die Rolle rückwärts in den Populismus und die Lust an Spaltung“, urteilte Daniela Vates im RND.

Ob dieses neue Frame verfängt? Die Zeiten sind unübersichtlich. Stimmungen drehen schnell. Niemand weiß, wie gut die Ampel funktionieren wird, so sie denn überhaupt zustande kommt. Doch aktuell sieht es nicht so aus, als ob Söder besonders viel Wind unter die Flügel bekommt. Die Verletzungen in der CSU und auch im Verhältnis zur Schwesterpartei liegen tief. So könnte Söder der bayerische Ministerpräsident werden, der nicht nur nicht Bundeskanzler geworden ist, sondern – Fanal aller Fanale – Bayern für die CSU verloren hat. 

Auf einer grundsätzlichen Ebene gehen dem deutschen Konservatismus langsam die Entwicklungsoptionen aus: Söders Move von der dunklen zur hellen Seite der Macht war ja – zumindest vorübergehend – überraschend erfolgreich und definitiv zukunftsträchtiger als die kulturkonservativen Kämpfe gegen das Gendern, die Merz & Co. immer noch meinen ausfechten zu müssen. Das Thema „Die Union als Bewegung“ ist mit der Implosion des Systems Kurz wohl ad acta gelegt. Nun soll die Basis entscheiden. Diese wird mit hoher Wahrscheinlichkeit mittels Friedrich Merz versuchen, die 1990er Jahre nochmal in die Gegenwart zurückzuholen, während Söder vorerst mit der Verteidigung Bayerns beschäftigt sein wird.

Alles in allem versprechen das gute Zeiten für das progressive Lager zu werden. Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders, denn: Das öffentliche Gedächtnis ist ein kurzzeitiges.

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