Ralph Bollmann: Angela Merkel. Die Kanzlerin und ihre Zeit (Rezension)

Die Ära Merkel geht vorüber und die Historisierung der jüngsten deutschen Vergangenheit ist in vollem Gange. Historisierung meint dabei nicht lediglich Geschichtsschreibung, sondern auch den Versuch neutraler, quellengesättigter Bewertung aus einigem Abstand. Bei Zeitgeschichte, die noch buchstäblich qualmt, kann da das letzte Wort kaum gesprochen sein. Zäsuren werden ja in der Regel erst im Nachhinein erkennbar, und vorerst dominieren Kontinuitäten, wo später mal Brüche ausgemacht werden mögen.

Der FAZ-Journalist Ralph Bollmann unternimmt mit „Angela Merkel. Die Kanzlerin und ihre Zeit“ den ehrgeizigen Versuch, das gesamte politische Leben der Bundeskanzlerin mitsamt der Welt, in der sie wirkte bzw. ja noch wirkt, in den Blick zu nehmen. Schnell wird erkennbar, dass dies auf gut 700 Seiten nur durch eine beträchtliche, sich zum Ende hin immer mehr ins Weltpolitische aufschwingende Flughöhe zu erreichen ist. Landtagswahlen oder Parteiveranstaltungen finden da schon kaum mehr Raum, und wenn doch, dann nur, wenn sie für das große Ganze dieser Kanzlerschaft von Bedeutung sind. Ein Andreas Scheuer, eine Anja Karliczek – sie haben es mangels welthistorischer Bedeutung nicht einmal ins Buch geschafft. Da sind spätere, mehrbändige Darstellungen angezeigt und Desiderate der Forschung.

Was Lesende mit diesem Opus Magnum derweil geboten bekommen ist ein Vierfaches: Die dichte Darstellung des Aufwachsens und Werdens in der DDR, das nicht vielen so geläufig sein dürfte; eine Art Bundekanzlerin-Prequel in den 1990ern, in denen sich spätere Regierungsmuster deutlich ankündigen und von Bollmann präzise analysiert werden; ein Gang durch das kaskadierende Krisengeschehen der Merkel-Jahre sowie allerneuste Zeitgeschichte bis hin zu Corona. Insbesondere bei Letzterem lohnt die Querlektüre mit Robin Alexanders „Machtverfall“ (2021). Bei WELT-Autor Alexander wird alles Handeln durch Zynismus, Machtstreben und Intrigantentum bestimmt, bei Bollmann geht es durchaus auch um Haltungen, Werte und Moral. Das sagt vielleicht ebenso viel über die beiden Autoren aus wie über die handelnden Personen, es lohnt jedoch auch der Vergleich mit dem anderen Bestseller Alexanders, der Darstellung der sogenannten Flüchtlingskrise mit dem Titel „Die Getriebenen“ (2017).

Über die entscheidenden September-2015-Tage heißt es nun bei Bollmann in Widersprich zu Alexanders zentraler These: „Angela Merkel war bei ihrer Linie geblieben, die Polizeibehörden hatten sich zu beugen. Man hat das später auf die reine PR-Frage reduziert, die Kanzlerin habe nicht in schlechtem Licht erscheinen und deshalb keine Verantwortung übernehmen wollen. Aber konnte sie eine Entscheidung mittragen, deren rechtliche und faktische Konsequenzen die Verantwortlichen nicht zu Ende gedacht hatten?“

Man kann dies als Verteidigung der Linie der Bundeskanzlerin in ihrer schwersten Krise begreifen, die ihr bis heute Wut und Missgunst aus dem konservativen Lager bis nach Rechtsaußen eingebracht hat. Bollmann ist jedoch keineswegs kritiklos. Die immer wieder herbeigeredete „Sozialdemokratisierung“ der Bundeskanzlerin sieht er nicht. Vielmehr spricht er davon, dass sie im Zuge der Eurokrise „zur Konservativen“ geworden sei:

„Ihre hohen Sympathiewerte waren nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass sie den Deutschen nicht bloß alle Zumutungen vom Leib hielt, sondern im Grunde jede Art von Beunruhigung. Auch zwei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs dominierte noch immer das alte Sicherheitsdenken die Perspektive der Westdeutschen. Das hatte die Physikerin, die ihre politische Karriere im Systembruch von 1989/90 begann, spät begriffen, dafür aber umso mehr verinnerlicht.“

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Zweimal, so eine zentrale These Bollmanns, sei die Kanzlerin von diesem Paradigma abgewichen: Beim Leipziger Parteitag 2003 mit dem Kurs des Neoliberalismus, der ihr 2005 beinahe die Kanzlerschaft gekostet hätte, und eben im Zuge der Flüchtlingskrise 2015, als sie mit dem „Wir schaffen das!“ einen Erwartungshorizont gegenüber den Bürger:innen aufspannte, auf den diese bis dato doch so gerne verzichtet hatten.

Dass eben jener im Grunde banale Satz derart skandalisiert wurde, führte bei der Bundeskanzlerin bald zu Desillusionierungserscheinungen hinsichtlich der Veränderungsbereitschaft der deutschen Bevölkerung. Die Folgen waren eine gewisse „Überkompensation“, am einmal eingeschlagenen Kurs wenn auch spät, aber dann mit „übertriebener“ Konsequenz festzuhalten sowie eine Tendenz, sich angesichts all der hanebüchenen Kritik aus dem erstarkenden rechtspopulistischen Langer auch gegen berechtigte Kritik zu „immunisieren“.

An der Haltung Merkels gegenüber Geflüchteten gibt es dabei nichts zu romantisieren. Als es einige Jahre später um die Seenotrettung geht, urteilt Bollmann folgendermaßen: „Aus der (…) hitzig geführten Debatte, ob man die Flüchtlinge (…) aus Seenot retten oder ertrinken lassen solle, hielt sich die angeblich so großherzige deutsche Kanzlerin dann weitgehend heraus – anders als ihr CSU-Kontrahent Seehofer, der sich drei Jahre später als Innenminister für die Aufnahme der Geretteten einsetze, sehr zum Ärger der eigenen Partei.“

Die CSU – sie ist, so viel wird in der Gesamtschau klar, eine konstante Irritation im politischen Leben Merkels. Es ist erkennbar der Sound der späteren Jahre, wenn sie im Jahre 1990 als stellvertretende Regierungssprecherin der letzten DDR-Regierung über die Aussage des bayerischen Ministerpräsidenten Streibl, die DDR dürfe „keine müde Mark mehr aus dem Bonner Steuersäckel“ bekommen, urteilt, diese sei „nicht dienlich“. Und auch „Lektionen über die Verlässlichkeit deutscher Wirtschaftskapitäne“ darf schon die Umweltministerin im Kabinett Kohl erleben, was sich dann – durchaus auch aufgrund eigener Fehleinschätzungen – beim Atom- und auch beim Kohleausstieg widerspiegelt – vom Dieselskandal bei VW & Co. ganz zu schweigen. Und auch der erste „abgesägte“ Staatssekretär im Bundesumweltministerium erscheint in der Rückschau wie ein Menetekel für viele männliche Politiker, die folgen sollten.

Dabei kann Bollmann eindrücklich zeigen, wie selbstherrlich die Unions-Granden oft vorgingen und die Zeichen der Zeit verkannten. Hatte Friedrich Merz 2002 ernsthaft geglaubt, die CDU-Parteivorsitzende überlasse ihm aus purer Nettigkeit die Rolle des Oppositionsführers im Bundestag? Das spricht – damals wie heute – für „eklatante Mängel in der Beherrschung der politischen Grundrechenarten“. Und offenbar hatte Edmund Stoiber 2005 wirklich geglaubt, „Merkel werde in ihrer eigenen Regierung nicht die Führung übernehmen“. Der Rückzug als designierter Superminister war die Folge dieser sträflichen Unterschätzung der Machtpolitikerin Merkel. Was den legendären Anden-Pakt angeht, jene Vereinigung von CDU-Nachwuchspolitikern, die sich später der Reihe nach an der Bundeskanzlerin verhoben, staunte diese im Nachhinein, warum „ambitionierte Jungunionisten“ (Bollmann) dem diktatorischen Pinochet-Regime in Chile überhaupt einen Freundschaftsbesuch abstatten mussten. Das musste nicht nur der diktatursozialisierten Merkel befremdlich vorkommen.

Es sind diese und zahlreiche andere Fundstücke, Einordnungen und Urteile, die Bollmanns Werk zu solch einer lohnenden Lektüre machen. Der Autor geht chronologisch vor, greift jedoch immer wieder vor und zurück, macht damit Entwicklungen und Deutungen plausibel. Zwischendurch geht es auch um sehr Weltliches bzw. Kulturhistorisches: Kleidung, Freizeitaktivitäten, Urlaube, Einkaufen – auch derlei Details sind bei der ersten Bundeskanzlerin der deutschen Geschichte von Interesse.

In der Gesamtbeurteilung dieser Kanzlerschaft gelingt Bollmann eine überzeugende Synthese: Erstmals sei eine Anwärterin auf den Plan getreten, die sowohl in der Wirtschafts- als auch in der Gesellschaftspolitik „liberale Ideen“ verfocht. „Sie nahm in ihren politischen Positionen eine Entwicklung vorweg, die wenig später fast alle Demokratien erfasste: die politische Frontstellung zwischen einem liberal-kosmopolitischen und einem sozial-nationalen Milieu.“ Sie wurde damit „zu einem perfekten Hassobjekt für die Populisten“.

In ihrer letzten Amtszeit fungiert Merkel – hier wie bei Alexander auf Geheiß des scheidenden US-Präsidenten Obama – als Statthalterin der liberalen Demokratie angesichts von Brexit und Trump. Ob die Phase des Populismus heute, im Jahre 2021, bereits vorbei oder im Abklingen ist, ob Merkels Politik dessen Aufstieg mit begünstigt, aber auch wieder mit beseitigt hat, was von dieser Kanzlerschaft bleiben und was vergehen wird – all diese Fragen werden mit größerem Abstand leichter beantwortet werden können. Eine fulminante Grundlage dafür bildet dieses Werk.

Titelfoto: Thomas Imo/photothek.net

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