Per Leo: Tränen ohne Trauer. Nach der Erinnerungskultur (Rezension)

Für das Cover kann der Autor wahrscheinlich nichts: Fischstäbchen in einer Pfanne, die irgendwie nach Hakenkreuz aussehen. Dennoch passt das Bild ziemlich gut zum Tonfall, der „Tränen ohne Trauer“ durchzieht. Er ist gekennzeichnet durch eine Lust an der schnellen Pointe, der originellen Formulierung, auch durch sophistische Wortklauberei, eine Süffisanz in der Argumentation, die im seltsamen Kontrast zur Ernsthaftigkeit des behandelten Themas steht.

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„Nach der Erinnerungskultur“ sieht uns Per Leo – ehemals Historiker, jetzt Schriftsteller – bereits angekommen. Was das Gedenken und Erinnern an den Holocaust angeht, wurde bislang, so müssen Lesende hier lernen, so ziemlich alles falsch gemacht, was falsch zu machen ging. Nachdem dann über zirka hundert Seiten alle bisherigen Protagonist:innen und Kommentator:innen dessen, was wir heute Erinnerungskultur nennen, ihr Fett weg bekommen haben, fragt man sich irgendwann schon, was eigentlich die revolutionären Änderungen, das neue Denken ist, das nach Meinung des Autors jetzt ansteht.

Der in den digitalen Medien aktive Leo schießt jedoch erstmal gegen den erinnerungspolitischen Status Quo. Denn einen solchen kann es seiner Meinung nach gar nicht geben. Alle Fragen müssten immer wieder neu und ergebnisoffen diskutiert werden. Ex-WELT-Herausgeber Thomas Schmid, dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp und vor allem Ex-CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz wird eine zu tiefe „Verstrickung“ in die „politische Kultur der alten Bundesrepublik“ attestiert, da sie in verschiedenen Variationen an der Singularität des Holocaust – Kernpunkt des Historikerstreits der 1980er Jahre – festhalten und sich klar gegen relativistische Tendenzen, wie sie heute von einigen Vordenker:innen des Postkolonialismus vorgenommen werden, aussprechen. Das ist noch nicht der „Katechismus der Deutschen“, von dem der australische Historiker A. Dirk Moses zuletzt fabuliert hatte, geht aber erkennbar in diese Richtung.

Insbesondere Polenz, der sich mit seinen umfangreichen Aktivitäten und seiner Follower-Schar in den digitalen Medien quasi eine zweite Karriere aufgebaut hat, bekommt Leos Wut zu spüren. Wer in den Jahren 2017ff. die epischen Facebook-Schlachten rund um das Buch „Mit Rechten reden“, dessen Mitautor Leo war, mitbekommen hat, den wird das nicht wundern. Für Polenz‘ dankenswertes und klares Engagement gegen die AfD bekäme dieser den „tosenden Applaus baden-württembergischer Hausfrauen“ und lassen sich von diesen zum „ersten «Antifaschisten» der Twitterrepublik krönen“. Es ist diese mangelnde Seriosität, die bereits Teile von „Mit Rechten reden“ zu solch einem Ärgernis machten. Auf andere „Entgleisungen“ hat Thomas Schmid in seiner Rezension hingewiesen.

„Ob die Gefahr einer deutschen Rechtsdiktatur nach 1945 je real war“, fragt sich Leo, attestiert dem Wehret-den-Anfängen jedoch immerhin eine Rolle im „Geschichtstheater, in dem die Bundesrepublik allmählich zu sich selbst fand“. Diese von keinerlei Rezeption des Präventionsparadoxes angekränkelten Überlegungen erklären, warum Leo auch die Warnungen vor den „Bad Boys“ der AfD für maßlos übertrieben hält. Zwar könne dieser Partei „in ihrer gegenwärtigen Verfassung (sic!) kein vernünftiger Mensch etwas anderes wünschen als Misserfolg“, doch würden – etwa, wenn es um die Wahlergebnisse in den neuen Bundesländern geht – erst von den Amerikanern entnazifizierte „Fragebogendemokraten“ heutzutage „AfD-Wähler pauschal als «Nazis» und «Faschisten» verachten“. Das tut zwar so explizit im Grunde niemand, doch gegen diesen Pappkameraden lässt sich natürlich treffen argumentieren. Muss man wirklich „am eigenen Leib Rassismus und Antisemitismus erfahren haben, um bei der nationalistischen Rechten wirklich nicht mehr den geringsten Spaß zu verstehen?“ Nein, das muss man nicht. Zu solch einer Erkenntnis kann man auch ohne diese Einschränkung gelangen.

Es sind solche Fehlwahrnehmungen der politischen Kultur der Bundesrepublik, aus denen dann auch keine zutreffenden Schlüsse gezogen werden können. So sei die „Trias aus Nationalismusverbot, Westbindung und Singularitätssatz“ Grundlage jener bundesrepublikanischen Kultur, die Leo aufbrechen will. Diese Trias sei von einer ominösen „Habermaspartei“ derart felsenfest platziert worden, dass seither im Grunde niemand mehr ernsthaft über diese Fragen nachgedacht habe.

Doch wo findet all dies statt? Die Nation gilt heute immer noch bis weit ins progressive Lager hinein als Nonplusultra. Die Westbindung ist keineswegs gesichert und wird durch autoritäre Ostsehnsüchte jeglicher Art quer durch alle politischen Lager bedient – und besonders ganz lechts und ganz rinks. Der Singularitätssatz schließlich, also die allgemeine Bewusstwerdung der Monstrosität und Unvergleichbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen, bleibt in Deutschland nach wie vor Desiderat. Aus hunderten von Büchern, die dieses belegen können, greife man lediglich zu Samuel Salzborns „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“ (2020) oder auch zu Ronen Steinkes „Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt“ (2020).

Doch geht Leos Kritik an der deutschen Erinnerungskultur nicht immer fehl. Insbesondere die von ihm beklagte „opferzentrierte Gedenkkultur“ im Land der Täter verweist auf zahlreiche Leerstellen, die sich auch noch in der berühmten Weizsäcker-Rede von 1985 zeigten. Denn wer waren die Täter? Noch im Jahr 2019 trug ein „ZEIT Geschichte“-Themenheft über das Jahr 1939 ganz unumwunden den Titel „Hitlers Krieg“. Dabei war doch das, was da begann, ein vom Deutschen Reich begonnener Angriffskrieg. Hitler und die Nazis waren nicht allein. Es waren deutsche Bürger, die in der Wehrmacht kämpften, und „ganz normale Männer“ (Christopher R. Browning) waren es auch, die den Holocaust ins Werk setzten. Doch statt nach 1945 den Nationalsozialismus „schrittweise in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren“, hielten sich die Deutschen ihn „durch Bannformeln und magische Namen dauerhaft vom Leib“.

Eine solche Formel mag diejenige vom Holocaust als „negativem Gründungsmythos“ der Bundesrepublik sein, die der damalige Außenminister Joschka Fischer 1999 im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg gebrauchte. Der verstorbene Historiker Tony Judt sprach von einem deutschen „Republikanismus der Angst“. Anders als dessen englisches oder amerikanisches Pendant, das sich naturrechtlich herleitet, begründet sich diese Art von deutschem Republikanismus als Gegenentwurf zum Holocaust und bleibt ohne positive Herleitung gefährdet. Und dieser Zusammenhang ist es auch, der Leo davon schreiben lässt, die Bundesrepublik sei „auf Furcht gebaut“.

Doch das sind Ausnahmen. Zum Ende des Buches versteigt sich der Autor zu der Aussage: „Nichts belastet Deutschland so sehr wie die Geschichte seiner Judenfeindschaft“. Ein Sonntagnachmittagsspaziergang durch eine durchschnittliche deutsche Stadt dürfte darüber belehren, dass es wahrlich nicht dieses Thema ist, das die Menschen primär bewegt. Das gilt auch für das Agenda-Setting der wechselnden Bundesregierungen. Dass Deutschland unter irgendeiner Art von Schuldlast leidet, die es loszuwerden gelte, hört man sonst nur von älteren Herren, die nicht allzu viel von der Welt sehen. Allen anderen gilt der deutsche Pass als wahres Glückslos. Sie werden in so ziemlich jedem Land der Erde – inklusive Israel – freudig begrüßt.

Die „frische Sprache“, mit der die Deutschen über ihre Vergangenheit reden sollen, statt sich weiterhin in vermeintlichen „Bußübungen“ zu ergehen, sie ist ja längst da. War es nicht eine zeitgemäße und würdige Konstellation, als Charlotte Knobloch und Marina Weisband zum diesjährigen Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag sprachen, und die erste über das Erlebte im Holocaust und die zweite über den Antisemitismus der Gegenwart sprach?

Doch den deutschen Gedenk- und Erinnerungskalender hält Leo längst für überholt, den Antisemitismusbegriff für „entgrenzt“ im Rahmen einer „begriffspolitischen Kampagne, deren Ziel die einseitige Parteinahme für Israel ist.“ Dass in diesem Zusammenhang der BDS-Beschluss des Bundestages ebenfalls kritisiert wird, überrascht kaum. Doch bei alldem möchte man dann doch lieber an den aktuellen Formen der Erinnerung verbleiben und sie behutsam weiterentwickeln. Denn folgten wir Leos Anregungen – was wäre gewonnen, was wäre verloren?

Sein Vertrauen in die Macht des besseren Arguments – ironischerweise eine Volte, die eher dem Team Habermas zuzurechnen wäre – verrät einen ziemlich ausgeprägten Optimismus, der sich doch spätestens dann erübrigt haben sollte, wenn man einmal die von Antisemitismus triefenden, gänzlich evidenzfreien Verschwörungserzählungen der Querdenker-Querfront gehört hat. Doch Leo ist überzeugt:

„Wo ein böser Instinkt unverstandene Gefühle auf dem falschen Fuß erwischt, da lässt sich gesichertes Wissen gegen einen wehleidigen, dummdreisten Stolz ja spielend leicht verteidigen.

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