Spurensuche am Abgrund IV: Der populistische Planet (Rezension)

Über den Populismus ist viel geschrieben worden. Zwar beginnen die Probleme bei der Beschreibung des Phänomens schon beim Namen – was kann schließlich schlecht daran sein, Politik für das Volk (lateinisch populus) zu machen? – doch werden Grundzüge dennoch erkennbar:

Der Alleinvertretungsanspruch der Populisten und die Absage an Pluralität, die Jan-Werner Müller in den Vordergrund gestellt hat. Das diffuse Benachteiligungsgefühl und der daraus resultierende Zorn, den Cornelia Koppetsch und Ivan Krastev diagnostizieren. Tatsächliche und postulierte Verfehlungen des Linksliberalismus, die Nils Heisterhagen oder Jan Zielonka sehen, und die auf das Stimmenkonto der Populisten einzahlen mögen. Hinzu kommen zahlreiche Versuche, die dahinterstehenden gesellschaftlichen Konfliktlinien zu benennen: Kommunitaristen gegen Kosmopoliten (Wolfgang Merkel), Somewheres gegen Anywheres (David Goodhart), Undemokratischer Liberalismus gegen Illiberale Demokratie (Yascha Mounk).

Nimmt man das Jahr 2016 mit der Brexit-Entscheidung und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten als Startschuss der aktuellen Phase des Populismus (besser: der Populismen), dann können wir mittlerweile auf ein halbes Jahrzehnt Erfahrung verweisen. Da wird es Zeit für Bilanzen und Einordnungen. Der globale Briefwechsel, den der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher („Kraft“) und der Salzburger Philosoph Michael Zichy hier angestoßen haben, ist eine erhellende, inspirierende, teils verwirrende, teils enttäuschende, teils versöhnliche Lektüre.

Teilnehmende sind Naren Bedide (Indien), Yvonne Adhiambo Owuor (Kenia), Carol Pires (Brasilien), Youssef Rakha (Ägypten) und Maria Stepanova (Russland). Gewidmet ist der Band der Philosophin Ágnes Heller (Ungarn), die im Juli 2019 verstorben ist und noch zwei Briefe beitragen konnte. Ihre zentrale These, statt von Populismus solle man bei Orban & Co. von „Ethnonationalismus“ sprechen, setzt sich jedoch im weiteren Verlauf nicht durch.

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Überhaupt zeigen sich manchmal gemeinsam erdachte Konturen, nur um dann wieder zu zerfasern. Zu vielfältig sind die „Populismus“-Beispiele aus aller Welt. Es stellt sich schnell die Frage, ob der Populismus ein spezifisch „westliches“ Phänomen ist. Geht es an, die Entwicklungen in Indien, Kenia oder Ägypten mit demselben Rubrum zu versehen, das wir uns in den letzten Jahren für entsprechende Umtriebe in Europa und den USA angewöhnt haben? Andererseits: Der „tropische Proto-Faschist“ Jair Bolsonaro mit seiner brasilianischen „Nekropolitik“ (Pires) gehört ja unbedingt in die Reihen der starken Männer, die „für das Volk“ gegen „das Establishment“ kämpfen, aus dem sie selbst stammen.

Doch wenn der Populismus zum „liberal-kapitalistischen Modell der westlichen Welt“ gehört, wie Youssef Rakha schreibt, ist er dann ein „Aspekt“ dieses Modells oder ein „Angriff darauf“? Yvonne Adhiambo Owuor zieht mit ihrer offen zu Schau getragenen „Schadenfreude“ jedenfalls einigen Unmut auf sich. Populismus sei Normalität in afrikanischen Gesellschaften, die eben nach westlichen Modellen geformt wurden. Das berichtet auch Naren Bedide aus Indien: Insbesondere Wahlen seien auf dem Subkontinent immer „populistisch“. Vom „Pluriversalismus“, der Ablehnung universeller Werte, die Owuor zur Debatte stellt, möchten die Initiatoren, die sich dem Menschenrechtsuniversalismus verpflichtet sehen, zum Glück nichts wissen. Und der in den Briefen oftmals unternommene Versuch, eine „demagogische Führerfigur“ zum jeweils zentralen Merkmal der globalen Populismen zu erklären, muss ja auch scheitern, wenn wir mit dem Politikwissenschaftler Torben Lütjen zumindest den hiesigen Populismus als „grundsätzlich misstrauende und paranoide, vor allem aber tendenziell antiautoritäre Bewegung“ verstehen. Gleichzeitig und nur scheinbar im Widerspruch dazu, überzeugt Lüschers angewidertes Urteil populistischer Ästhetik: „Da war er wieder: der alte stiernackige, grauenhafte Maskulinismus. Die breitbrüstige Grobheit. Die feixende, antiintellektuelle Männlichkeit. Der dümmliche Heroismus.“

Selbstkritik an „den Intellektuellen“ gibt es auch im Sinne des „liberalen Mea Culpa“, das der Populismus-Forscher Jan-Werner Müller in den letzten Jahren gehäuft beobachtet: Beschäftigt sich „die größere linksliberale Gemeinschaft“ (Rakha) genug mit den Themen, die den „Menschen aus der Seele sprechen“ (Zichy)? Sind die Dichtenden und Denkenden ihrer Aufgabe als „kulturelle Elite“ im Sinne Ágnes Hellers nachgekommen, einer kulturellen Elite, die sich „essentiell von der politischen und ökonomischen Elite unterscheidet“, und ohne die eine Gesellschaft „zu einer reinen Massengesellschaft ohne Substanz verkommt“? Und ist der Populismus in dieser Lesart gar kein Angriff auf die liberale Demokratie, sondern eine Reaktion auf übertriebene politische Korrektheit? Auch diese Lesart hat in den vergangenen Jahren einige Verbreitung gefunden.

Die Briefe starten im April 2019 und enden im Januar 2021. Das Thema Populismus wird irgendwann durch die Corona-Pandemie fast verdrängt. Insbesondere Maria Stepanova scheint am Beispiel Russlands anzudeuten, dass Freiheitsbeschränkungen – Pandemie hin oder her – immer falsch seien. Bedenkt man, dass der Lockdown in Russland für einen grundlegenden Umbau der Verfassung genutzt wurde, der Putin de facto die Herrschaft auf Lebenszeit ermöglicht, mag man das nachvollziehen. Ob es sich aber bei den Anti-Corona-Maßnahmen Ägyptens um eine „überwiegend verfrühte Überreaktion“ gehandelt hat, wie Rakha noch im Mai 2020 behauptet, mag sich mittlerweile revidiert haben.

Was also tun in Punkto globaler Populismus? Es kommt den beiden Initiatoren zu, sich an Zusammenfassungen und Synthesen zu versuchen: Beim Thema Identität findet Lüscher zwischendrin zu einer bemerkenswerten Selbstreflektion:

„Ist nicht vielleicht (…) meine Perspektive – die eines weißen, mitteleuropäischen Mannes, materiell sorgenlos, in einem Akademikerhaushalt hineingeboren, selbst geisteswissenschaftlich gebildet, das heißt, in seinem Denken zutiefst in der europäischen, humanistischen Tradition verwurzelt, unüberwindbar geprägt durch die Denker der Antike, der Aufklärung, des Liberalismus, der Sozialdemokratie – mehr Teil des Problems als der Lösung? Ist meine Stimme einfach gerade gar nicht gefragt?“

Nur eine Sache bliebe mit Gewissheit: „Grausamkeit muss verhindert werden.“ Die an Judith Shklars „Liberalismus der Furcht“ gemahnenden Worte werden ergänzt durch: „Anständig zu sein bedeutet kein Arschloch zu sein.“ Darauf sollte man sich einigen können, doch es kommt Lüschers Kollegen Zichy zu, auch hier wieder Wasser in den Wein zu gießen:

„Was aber – und dies ist vielleicht meine größte Befürchtung –, was aber, wenn die Leute wirklich wissen, was sie da wählen? Wenn, mit anderen Worten, die Leute nicht einfach geblendet, sondern tatsächlich so voller Ressentiment sind und gerade dies es ist, was sie in die Arme der Populisten treibt?“

Am Ende dieser Überlegungen steht die Frage, ob dieser Briefwechsel ein „Erfolg“ war. Wurde eine Definition dessen, was Populismus ist, zumindest erfolgreich eingegrenzt, oder wurde das Problem lediglich noch genauer beschrieben? „Symptom einer Epochenwende“ (Zichy) – das ist der Populismus in jedem Fall. Und Projekte wie dieses geben einen fernen Ausblick auf eine Weltgesellschaft, gegen die der Populismus ein letztes Aufbäumen darstellen mag.

Noch findet sich keine gemeinsame Sprache, man redet oft aneinander vorbei, Missverständnisse sind unvermeidlich. Und doch offenbart sich die nachdrückliche Erkenntnis, dass uns alle über Länder-, Kultur- und Sprachgrenzen hinweg letztlich die gleichen Dinge bewegen. Fremdenhass wird sich auflösen, wenn es gar keine Fremden mehr gibt.

Weitere Rezensionen zum Thema Populismus:

Spurensuche am Abgrund III: Die große Transformation

Spurensuche am Abgrund II: Die große Regression

Spurensuche am Abgrund I

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