Im Bann der Viren: Volker Reinhardt vergleicht die Große Pest mit der Corona-Pandemie (Rezension)

Kann man die Große Pest der Jahre 1347-1353 mit der Corona-Pandemie seit 2020 vergleichen? Sicher kann man das, handelt es sich doch in beiden Fällen um „die weltweite Ausbreitung von Infektionskrankheiten mit hohen Erkrankungszsahlen“, um eine Definition des Robert-Koch-Instituts zu bemühen. In vielerlei Hinsicht sei ein solcher Vergleich jedoch „gefährlich, ja in die Irre führend“. Das schreibt der Autor der vorliegenden Studie, der Fribourger Historiker und Italien-Kenner Volker Reinhardt selbst – um dann doch ein gesamtes Buch daraus zu machen.

Die Unterschiede zwischen beiden Pandemien stechen ins Auge: Von der extrem hohen Sterblichkeit zu Zeiten der Pest abgesehen (selbst konservative Schätzungen sprechen von mindestens 25% der Gesamtbevölkerung), tappten unserer mittelalterlichen Vorfahren auch was deren Ursache anging weitgehend im Dunkeln. Der Auslöser des Massensterbens wurde unter dem Namen Yersinia pestis erst zum Ende des 19. Jahrhunderts identifiziert. SARS-CoV-2 wurde hingegen sehr schnell bekannt und sicher nachweisbar.

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Viele Fragen zu Herkunft, Ursachen und Ausbreitung sind knapp 700 Jahre nach dem „Schwarzen Tod“ immer noch ungeklärt. Im Buch werden die teils Jahrhunderte andauernden Debatten hierüber referiert. Ratten und Flöhe wurden als Überträger identifiziert, aber auch immer wieder in Frage gestellt. Warum die Stadt Mailand fast komplett verschont wurde, während rings herum das große Sterben wütete, bleibt bis heute unklar. Dies alles in vorwissenschaftlichen Zeiten zu eruieren, konnte ohnehin kaum zu überzeugenden Antworten führen. 

Hierbei sind auch die Unterschiede zu heute frappierend: Laien gaben damals wirklichkeitsnähere Ratschläge als die Gelehrten. Sich aus dem Ansteckungsgebiet entfernen und am besten in Einsamkeit zurückziehen, riet der Volksmund. Für die geistigen Eliten handelte es sich bei der Pest um das Ergebnis einer unheilvollen Sternenkonstellation, vor der es kein Entkommen geben konnte. Volker Reinhardt zeigt überzeugend, dass für christliche Theologen ebenso wie für Humanisten niedere Kreaturen wie Tiere nicht für die Übertragung todbringender Keime auf die Krone der Schöpfung, den Menschen, in Frage kamen.

Parallelen zwischen beiden Pandemien finden sich bei der Suche nach Sündenböcken: Für den grausamen Anti-Judaismus des Mittelalters stehen die Pogrome in Würzburg und die Vernichtung des dortigen Judentums. Und auch bei den sogenannten Querdenker-Demos der Gegenwart sind antisemitisch konnotierte Verschwörungserzählungen allgegenwärtig.

Was die langfristigen gesellschaftlichen Folgen angeht, macht Reinhart bedeutende Fortschritte in Folge der Pest-Erfahrung aus: Von einem „neuen Selbstbewusstsein der Unterschichten“ ist die Rede, von einem „Machtverlust der Päpste“ und vom Aufstieg des Humanismus. Die Frage nach den gesellschaftlichen Folgen der Corona-Krise muss naturgemäß noch offenbleiben. Kann mit der „Rückkehr des Staates“ auch die ökosozial-digitale Transformation, die jetzt ansteht, in Gang gesetzt werden? 

Reinhardt stellt andere Perspektiven in den Vordergrund: Die „starken Männer“ jenseits des Atlantiks und in Europa hätten die Krise allesamt schlechter in den Griff bekommen als ihre „«liberalen» Gegenparts“. Der „Wille zum Vergessen“ und zur „Rückkehr in die vertrauten Bahnen“ dürfte schon bald „überwältigend“ sein. Nicht „besonders stimulierend“, aber „einigermaßen beruhigend“ sei diese Perspektive.

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