Die CDU, die SPD und die moderne Sehnsucht nach Authentizität

Das Rennen um den CDU-Parteivorsitz ist entschieden. Nicht der gefühlte Kandidat der Basis-Herzen Friedrich Merz, sondern der vermeintliche Vertreter des Partei-Establishments Armin Laschet konnte eine knappe Mehrheit hinter sich versammeln. Die Partei mit intaktem Machtinstinkt entschied sich für konkretes Regieren im Hier und Jetzt und gegen einen ungedeckten Scheck, für den Spatz in der Hand und gegen die Taube auf dem Dach.

Über weite Teile der Geschichte der Christdemokraten war das schiere Normalität. Doch auch an der größten deutschen Volkspartei geht der populistische Zeitgeist nicht spurlos vorüber. Schaut man in die Kommentarspalten der sozialen Medien, überwiegt im Merz-Lager ein Narrativ des schlechten Verlierens. Die eingangs erwähnten Zuschreibungen – Merz für die Basis und Laschet für das Establishment – sind ein Teil davon. Sie entsprechen nicht der komplexen parteiinternen Realität, sondern bedienen ein Framing von interessierter Seite. „Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre“, so heißt es oft bei Populisten, „dann hätten natürlich wir gewonnen.“

Die Faust in der Tasche

Allein das Zustandekommen eines offenen Auswahlprozesses kann in Parteien zu vielerlei Unmut führen. Die SPD hat das im Jahr 2019 vorgemacht. Argwöhnisch beäugten sich die Kandidat*innen und ihre Lager: Nutzt da jemand in Amt und Würden seine Apparate um sich einen Vorteil zu verschaffen? Die Möglichkeiten, den anderen böses Foul-Spiel zu unterstellen und sich selbst als Opfer der Verhältnisse zu inszenieren, sind da schier endlos. Bereits 2018, als Merz gegen AKK verlor, machte die Mär die Runde, dem Kandidaten sei in böser Absicht das Mikrofon leise gedreht worden. Nur deshalb habe er nicht wie gewohnt performen können.

Nun also macht der Spalt-Bazillus, der die SPD bereits seit Jahren traktiert, auch in der CDU die Runde. Man fühlt sich im Merz-Lager vielerorts diffus betrogen. Hinzu kommt, dass Laschets Team-Kollege Jens Spahn in der Tat ein böses Foul beging, als er aus unverständlichen Gründen die Mitglieder-Fragerunde für eine kurze Laschet-Werberede missbrauchte.

Wenn aber demokratisch zustande gekommenen Wahlergebnissen irgendwie der Ruch anhängt, illegitim zu sein, gerät man schnell auf eine schiefe Bahn. Das zeigen nicht erst die Washingtoner Verhältnisse seit der US-Präsidentenwahl im November. Der Zweifel befällt dann primär die Institutionen.

In diesem Fall sind es die Parteitagsdelegierten und die Funktionäre, die irgendwo falsch abgebogen sein müssen. Sie erscheinen dann nicht mehr als diejenigen, die sich etwa durch besonders starkes Engagement für die Partei ausgezeichnet haben, sondern als moralisch irgendwie verkommene Gestalten, die aus reinem Machtstreben den Interessen der Basis zuwiderhandeln.

Die Lösung für dieses Problem, so denkt sich diese Richtung folgerichtig weiter, muss in der Abschaffung des Delegiertensystems und in mehr direkter innerparteilicher Demokratie liegen. Nur sie könne den „wahren“ Willen der Basis „unverfälscht“ wiedergeben.

Doch selbst bei Urabstimmungen liegen zahlreiche Fallstricke aus, über die man stolpern kann: Stehen den Kandidat*innen des Establishments, den Funktionären und Immer-schon-Dagewesenen nicht viel stärkere Mittel zur Verfügung, auf sich aufmerksam zu machen? Wie man es am Ende dreht und wendet: Die unterlegene Seite fühlt wieder diesen Stich und ballt die Faust in der Tasche: „Wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre …“

Die zentrale Sehnsucht nach Authentizität

All diese Phänomene haben viel mit der „zentralen Sehnsucht nach Authentizität“ zu tun, die der Literaturwissenschaftler Erik Schilling in einem der interessantesten Sachbücher des letzten Jahres beschrieben hat. Den gegenwärtigen „Authentizitätsboom“ erklärt er als „Reaktion auf eine zunehmende gesellschaftliche Komplexität“. Der Begriff sei eng verwandt mit „Echtheit“, „Eindeutigkeit“ und „Wahrheit“ und hat darüber hinaus metaphysische Anklänge. Denn zu postulieren, hinter jeder äußeren Erscheinung liege ein wahrer, unverfälschter, eben authentischer Kern, dem zudem eo ipso eine höhere „Qualität“ zugesprochen wird, hat unübersehbar religiösen Charakter.

Der besonders willkürliche Charakter von Authentizität zeigt sich darin, dass hiermit „ausschließlich die Übereinstimmung einer Beobachtung mit einer Erwartung des Beobachters“ gemeint ist. Wenn ich jemanden als authentisch bezeichne, sage ich also im Grunde nichts anderes als: „Genauso stelle ich mir das vor.“

Was nun aber im privaten Bereich noch angehen mag und in der Therapeutensprache bedeutungsschwer daherkommt („ein wahrhafter Charakter“), führt in unserer Konkordanzdemokratie, die auf Kompromiss und Vermittlung ausgerichtet ist, zu allerlei Problemen. Die inflationär gebrauchten Formeln vom „Durchregieren“, von der besonders bei der SPD beliebten „klaren Kante“, von „CDU Pur“ und „SPD Pur“ können ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass eben das in unserem politischen System nicht vorgesehen ist. Vielmehr beruht der gesellschaftliche Friede auf zahlreichen Ausgleichsystemen, auf der Einbindung zahlreicher Akteure und Veto-Spieler, auf Vermittlungsausschüssen nach erster, zweiter und dritter Lesung.

„Authentizität versus Pluralität“

Aus diesem Grund bietet Erik Schilling unter der Überschrift „Authentizität versus Pluralität“ Begriffe an, die einer parlamentarischen Demokratie wesentlich besser anstehen als vermeintliche Eindeutigkeiten: „Handeln“ statt „Sein“, „Rolle“ statt „Wesen“, „Veränderung“ statt „Kontinuität“, „Distanz“ statt „Unmittelbarkeit“, „Kompromiss“ statt „Konsequenz“ und „Geheimnis“ statt „Transparenz“.

Der gesellschaftliche Diskurs über die Parteiendemokratie ist von solcher Art der „Ambiguitätstoleranz“ (Thomas Bauer) derzeit jedoch meilenweit entfernt. Es herrscht eine gegenläufige Bewegung vor: Immer größere Parteienauswahl bei größerem Abgrenzungsbedürfnis führt zu immer höherem Kompromissenzwang, um Regierungsmehrheiten zu zimmern. Das Ergebnis ist oft Frust.

Wenn Volksparteien dann lange an der Regierung sind, kann es zu den erwähnten Fremdheitserscheinungen kommen: „Sind das eigentlich noch wir?“, „Erkennt man eigentlich noch unsere eigene Handschrift?“, „Wann können wir endlich wieder wir selbst sein?“ Ein Gang in die Opposition kann in dieser Situation tatsächlich heilsam sein. Dort können Identitätsreserven wieder aufgefüllt und die sogenannte reine Lehre vertreten werden. Ein gestalterischer Anspruch wird damit jedoch aufgegeben.

Wird dem Spalt-Bazillus nicht Einhalt geboten, kommt man am Ende beim allerkleinsten Karo an; dort, wo innerparteilich alle in gleichem Maße unzufrieden sind. Die Wähler*innen spricht das natürlich dann immer weniger an.

„Nach Art der Vorväter“

Es lohnt vielleicht, einmal in die Spätantike zu schauen, als die sogenannten Ostgoten gerade dabei waren, Italien zu verlieren. Der bedeutende Herrscher Theoderich war lange tot. Die Oströmer eroberten die Apenninen-Halbinsel Stück für Stück zurück. Da wurde im Jahre 536 ein gewisser Witichis zum König ernannt. Er kam nicht aus dem üblichen Establishment der führenden Herrscherfamilie, sondern aus „dem Volk“. Von ihrer traditionellen Führung hatten sich die Ostgoten längst „entfremdet“. Witichis nun verzichtete auf den Prunk des Palastes, sondern nächtigte „nach Art der Vorväter“ im Felde. Der Rest ist schnell erzählt: Nach vier erfolglosen Jahren dankte der neue König ab und verbrachte seinen Lebensabend als wohlhabender Pensionär bei den ehemaligen Feinden in Konstantinopel. Heute kennt Witichis niemand mehr.

Er war sicherlich sehr authentisch. Erfolgreich war er nicht.

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