Olaf Scholz und die Dialektik als Aufhebung von Gegensätzen

Wer hätte im Dezember 2019 gedacht, dass die SPD auf ihrem Linkskurs den ehemaligen Agenda-Architekten Olaf Scholz auf‘s Kanzlerkandidatenschild heben wird? Ein beeindruckender Vorgang innerparteilicher Befriedung war das, und eine gute Grundlage für den Wahlkampf 2021. Was am Ende dabei herauskommt? Niemand kann das heute wissen.

Um „R2G“, also Rot-Rot-grün, ist es jedenfalls erstaunlich still geworden. Was Katja Kipping mit ihrem Linke-Bündnisse-Kurs vorne aufbaut, reissen die irrlichternden Diktatur-Freunde ihrer Partei hinten wieder ein. 

Eine weitere dialektische Volte wäre es, wenn am Ende eine Scholz-Ampel mit Grünen und FDP herauskommt. Doch solange der neue Generalsekretär der „Liberalen“ sich nicht entblödet, angesichts der staatlichen Pandemiehilfen von „Corona-Sozialismus“ zu sprechen, scheint das ziemlich unwahrscheinlich. 

Und überhaupt – warum sollten die Grünen sich eine derart unbequeme Dreier-Konstellation antun, wenn doch eine Zweier-Kombo mit der Union mehr Ministerien und Einfluss verspräche?

Hegels Jahrhundert, das 19., ist ja die große Zeit der Dialektik als Aufhebung von Gegensätzen. Napoleon versöhnt die „linke“ Revolution mit der „rechten“ Monarchie. Bismarck versöhnt den vormals „linken“ Nationsbegriff mit „rechtem“ Obrigkeitsstaat.

Das 20. Jahrhundert war hingegen dialektikarm. Nicht umsonst nennt man es das „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm). Nicht vermischen, sondern auf die Spitze treiben – so schien die Devise. 

Und das 21.? Schwarz-Grün besorgt die Heimkehr des Umweltschutzes in die Bürgerlichkeit? Der Franke Söder schafft zunächst die innerbayerische Befriedigung und anschließend die Synthese aus BRD und dem im Marsch der Institutionen abgeschliffenen links-ökologischen Gegenentwurf? Dazu gehört aber noch einiges an Phantasie und die Grünen müssten sich fragen, ob die ehrgeizige Agenda, die sie sich vorgenommen haben, mit der Union wirklich umzusetzen wäre …

Gar keine Dialektik verströmt das Kandidaten-Trio Merz, Laschet, Röttgen. Merz verströmt eher den diskreten Charme der neoliberalen Neunziger, Laschet die Quengeligkeit eines Überforderten, Röttgen die Gravitas eines grundsoliden Außenministers.

Da scheint eine andere Dialektik doch wahrscheinlicher: Sechszehn bzw. zwölf Jahre SPD-Zwangsehe mit Angela Merkel bleiben nicht ohne Folgen. Bei Strindberg heißt es: „Wer zu lange gegen Drachen kämpft, wird selbst zum Drachen.“ Damit soll keineswegs die Bundeskanzlerin als Drachen charakterisiert werden. 

Doch merke: Die Gegenwart erscheint oft mühsam und unerträglich und erst viel später dann als „gute alte Zeit“. Könnte Bundeskanzler Olaf Scholz das Land als etwas progressivere Merkel II in die Zukunft führen? Und wäre das eigentlich so schlecht?

Der Weltgeist, so scheint es jedenfalls, ist ein altes Schlitzohr.

2 Kommentare

  1. Hm,
    einiger Gedankenstoff und Bedarf zum Nachfragen:
    „Das 20. Jahrhundert war hingegen dialektikarm.“
    Erinnere ich mich richtig, dass wir damals Adorno und Horkheimers
    „Dialektik der Aufklärung“ lasen?
    Bitte um Aufklärung!
    Während Union und Grüne noch rumüberlegen,
    hat die SPD einen Personalvorschlag,
    den ich nicht als „Merkel II“ vorab ablehnen würde.
    Im Gegenteil, dialektisch begrüße.
    Gute Wünsche
    und beste Grüße
    Bernd

  2. Lieber Bernd,
    aber ich begrüße das ja auch sehr und bin da keineswegs unparteiisch! Zum Dialektik-Begriff bei A/H: Da ging es ja eher um die „Verschlingung von Mythos und Aufklärung“ (Habermas). Mir geht es hier um die Hegel‘sche Trias von These, Antithese und Synthese. In diesem Sinne: Möge der Scholz gewinnen 😁

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