Geert Mak: Große Erwartungen. Auf den Spuren des europäischen Traums (Rezension)

Die gut 600 Seiten europäische Zeitgeschichte von 1999-2019, die der niederländische Publizist Geert Mak hier präsentiert, lesen sich über weite Strecken wie ein Trauerspiel und führen unweigerlich zu der Frage: Woran hat’s gelegen? Warum ist der hoffnungsfrohe Aufbruch in ein neues Jahrtausend so jäh verglüht? Wie konnte die Euphorie der weltpolitischen Wende von 1990, die Verheißung vom „Ende der Geschichte“ in Trump, Brexit, Orban & Co. münden?

Allerneuste Zeitgeschichte hat den Vor-, aber auch den Nachteil, dass die meisten Lesenden die Ereignisse von denen berichtet wird, aktiv miterlebt haben. Das meiste darf also als bekannt vorausgesetzt werden. Doch anders als bei den entsprechenden Werken etwa eines Heinrich-August Winkler, die wie verlängerte Zeitungslektüre anmuten, bietet Maks Stil immensen Mehrwert: Er ist einfach ein begnadeter Erzähler, ein Geschichtsliterat, empathisch und neugierig, gesegnet mit echtem Erkenntnisinteresse; er hat ein feines Gespür für die gleichsam individuellen wie typischen Geschichten hinter der Geschichte; er changiert zwischen der großen Politik und ihren Auswirkungen im Alltag; zwischen der europäischen Ebene und den Städten; zwischen Regionen und Nationen; zwischen Lebensläufen und Strukturen.

Dabei erleben wir, zunächst gleichsam auf der Makroebene, nochmal die prägenden Ereignisse der letzten 20 Jahre: Der Machtantritt Waldimir Putins, 9/11 und der Terror, Irak und Afghanistan, die EU-Osterweiterung und die Nachwehen der Balkankriege, die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 als Kipppunkt, dann die Krisenkaskaden der EU-Staatsschulden und vor allem Griechenlands, die russische Annexion der Krim, die fortdauernde Krise der Geflüchteten mit ihrem vorläufigen Kulminationspunkt im Jahre 2015, der Aufstieg des Populismus, der Doppelschlag des Jahres 2016 mit Brexit und Trump und zuletzt die Corona-Krise, der Mak einen eigenen, lesenswerten Epilog widmet.

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Seine intellektuellen Gewährsleute dabei sind der unvergessene Tony Judt, der die sozialdemokratische Nostalgie besorgt, Adam Tooze, zuständig für die jüngste Krisengeschichtsschreibung, Luuk van Middelaar aus dem Umfeld der EU-Institutionen, Ivan Krastev als „eigensinniger“ Denker Osteuropas; dazu George Orwell und John Steinbeck, auf deren Spuren der Autor den Brexit und Trump zu ergründen versucht. In Zwischenkapiteln sprechen aus der Ich-Perspektive Geflüchtete und MigrantInnen mit ihren Hoffnungen und Erfahrungen, ein Banker im Zuge der Finanzkrise, griechische Ladeninhaber und ihre Sicht auf die Sparmaßnahmen, die Zigaretten verkaufenden Jungen auf der „Brücke von Istanbul“, die polnische Schriftstellerin und Journalistin Anna Bikont über das sich wandelnde gesellschaftlich-kulturelle Klima ihres Landes, ein Bürgermeister in Flamen über seine Sicht auf Nationalismus und Geflüchtete. Adressatin ist eine fiktive Geschichtsstudentin des Jahres 2069, die, so Maks Hoffnung, einen klareren Blick auf die Jahre 1999-2019 haben wird, als wir Heutigen, die wir noch zu nah an den Geschehnissen sind.

„Woran hat’s gelegen?”, wurde eingangs gefragt. Dass in der heutigen EU die Zentrifugalkräfte an vielen Ecken und Enden zu überwiegen scheinen, liegt Mak zufolge an grundlegenden Konstruktionsfehlern der Staatenunion. Er wirft den Staats- und Regierungschefs vor, ein ums andere Mal den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht zu haben. So seien die unter dem Stichwort „Schengen“ bekannten offenen Binnengrenzen ohne durchdachte gemeinsame Einwanderungspolitik „eine grandiose Geste ohne Inhalt“ gewesen. Auch bei der Einführung des Euro habe man sich „nicht an die natürliche Reihenfolge“ gehalten: Ohne harmonisierte Wirtschafts- und Finanzpolitik könne die Gemeinschaftswährung auf die Dauer nicht erfolgreich sein.

Das kann man so sehen. Aber liegt das Versagen nicht vielleicht eher bei den heutigen Entscheidern? Haben sie noch genug Kenntnis von den visionären Lehren der Geschichte, die ihre Vorgänger gezogen hatten? Statt jenes Aufbauwerk substantiell zu unterfüttern, was zweifelsohne nötig wäre, verliert man sich heute oft im technokratischen Kleinklein, fürchtet sich vor den Populisten und substituiert den Fortschrittsmangel mit bloßer Ankündigungspolitik.

Der Lesefreude tun solche Ansichtssachen keinen Abbruch. Das tut zuweilen das mangelhafte Lektorat, dem für ein Werk dieser Güteklasse doch eine Menge Schnitzer durchgerutscht sind. Es finden sich nicht nur Rechtschreibfehler, es kommt auch immer wieder zur Verwechslung von Jahreszahlen und Namen. Da sollte vor der nächsten Auflage nachgearbeitet werden.

Der Titel „Große Erwartungen“ steht seit dem gleichnamigen Roman von Charles Dickens (1861) als Synonym für enttäuschte Hoffnung. Bei Mak geht es im Allgemeinen um die Hoffnungen des Kontinents zur Jahrtausendwende, und um die Hoffnungen der Mittel- und Osteuropäer im Speziellen. Heute scheint ein Gefühl der Enttäuschung zu überwiegen. Doch es ist ja nie aller Tage Abend: Auf Anraten eines Freundes schrieb Dickens sein Romanende seinerzeit nochmal um. Der Protagonist findet später doch noch mit seiner großen Liebe zusammen, auch wenn sich bereits neues Unheil am Horizont zusammenbraut. Wie sollte es auch je anders sein?

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