Wie Demokratien enden. Von Athen bis zu Putins Russland, hg. von Christoph Nonn (Rezension)

Menschheitsgeschichtlich ist die Regierungsform der Demokratie eher die Ausnahme. Und selbst die namensgebende politische Ordnung des klassischen Athen kann nach heutigen Maßstäben kaum als voll funktionsfähige „Volksherrschaft“ bezeichnet werden: Frauen und Sklaven blieben bei der Verteilung politischer Macht bekanntlich außen vor. Die Demokratien nach heutigem Verständnis, die von Denkern wie Montesquieu mit der Idee der Gewaltenteilung vorgedacht und in den USA und in Frankreich erstmals Gestalt annahmen, sind Kinder der Neuzeit. Weitet man den Blick, und spricht mit Herfried und Marina Münkler von „bürgerpartizipatorischen Ordnungen“ in einem allgemeineren Sinne, könnten auch die Römische Republik und die Stadtrepubliken der italienischen Renaissance mitgezählt werden. 

In der vorliegenden Studie wird der Demokratiebegriff hingegen eng gefasst: Nach dem kurzlebigen oligarchischen Intermezzo zur Zeit der Athener Proto-Demokratie (411 v. u. Z.) überspringen wir 2.210 Jahre und befinden uns schon am Ende der Französischen Revolution, kurz vor Napoleon. Von hier aus geht es über den plebiszitären Staatsstreich des dritten Bonaparte, des späteren Napoleon III. (1848-1851), zur Zwischenkriegszeit und dem damaligen Scheitern der Demokratien in Italien (1922), Deutschland (1933), Spanien (1936) und Frankreich (1938-1940). Ein globaler Ausblick zu den fehlgeschlagenen Demokratien in Chile, Burma und Pakistan mündet dann ein in die auch als „Demokratur“ bezeichnete Herrschaftspraxis im Russland Wladimir Putins.

Zu Zeiten von aufkeimendem Populismus in Europa und den USA, von Brexit und Trump, von Rechtsstaatsabbau und Medienkontrolle in Mittel- und Osteuropa und allgemein vom Nachlassen der Strahlkraft demokratischer Ordnungen – auch in Zeiten des Aufstiegs Chinas als autoritärer Systemkonkurrenz – liegt es nahe, die Gründe für das Scheitern von Demokratien systematisch zu untersuchen. Die US-amerikanischen Politologen Steven Levitsky und Daniel Ziblatt gingen mit „Wie Demokratien sterben“ (2018) in eine ähnliche Richtung – werden hier jedoch merkwürdigerweise nicht zitiert. Die beiden konnten zeigen, wie es etwa Belgien und Finnland vor dem Zweiten Weltkrieg schafften, die autoritäre Revolte, die ganz Europa erfasst hatte, durch ein konsequentes Zusammenstehen der etablierten Kräfte zu verhindern, während in so vielen anderen Staaten ebenjene etablierten Kräfte versuchten, die Welle durch taktische Bündnisse mit den Demokratiefeinden abzureiten. Berüchtigt ist das Diktum des späteren Vizekanzlers Franz von Papen vom Januar 1933: „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass es quietscht.“ Es handelt sich um eines der fatalsten Fehlurteile der Weltgeschichte. 

Der Herausgeber des vorliegenden Bandes, der Düsseldorfer Historiker Christoph Nonn, trägt in seinem Vorwort einiges an Zahlenmaterial zur Entwicklung der weltweiten Demokratien seit dem 19. Jahrhundert zusammen und stützt sich bei der Interpretation der Gegenwart vornehmlich auf den Harvard-Politologen Yascha Mounk und dessen Auswertung der Zahlen des World Values Survey. Mounk wiederum macht vornehmlich generationsspezifische Gründe für eine nachlassende Zustimmung zur Demokratie verantwortlich. Kurz gesagt: Frühere Generationen verbänden mit Demokratie eher Prosperität und Aufstieg, während spätere Generationen eher an Prekarität, Stagnation oder gar Abstieg dächten. Anders argumentiert der französische Ökonom Thomas Piketty, der vornehmlich die Ungleichverteilung der Vermögen als Ursache für den Aufstieg des Populismus ausmacht. 

Bestenfalls könnten diese Erklärungen, so Nonn, einige, jedoch nicht alle Beispiele für gescheiterte und scheiternde Demokratien erklären. Die Schlussfolgerungen, die Nonn aus den weniger systematisch als vielmehr exemplarisch daherkommenden Beispielen in diesem Band zieht, sind ebenso einleuchtend wie prägnant: 

Wenn eine Demokratie mindestens 20 Jahre überlebe, sei sie so weit gefestigt, dass sie – in der Regel – dauerhaften Bestand hat. Viele Demokratien scheitern jedoch bereits nach einigen Jahren. Meist können sie sich nicht „aus den Eierschalen der autokratischen Systeme und Mentalitäten befreien“, aus der sie hervorgegangen seien. Ist die prekäre Anfangszeit überstanden, kämen jedoch die Mühen der Ebene: Es seien mal Bedrohungen von außen, mal die Attraktivität anderer Herrschafts- und Gesellschaftssysteme oder auch eine innere Abkehr der Bürgerinnen und Bürger von der Demokratie, sei es aus religiösen, ethnischen oder wirtschaftlich-sozialen Gründen – immer jedoch scheiterten Demokratien dann, wenn der Wille zum Kompromiss nicht mehr vorhanden ist, wenn der politische Mitbewerber zum illegitimen „Feind“ erklärt wird, oder wenn demokratisch gewählte Machthaber zu undemokratischen Mitteln greifen, um ihre Macht zu sichern.

Nicht nur der Blick über den Atlantik, auch der Tonfall, der hierzulande mit dem Einzug namentlich der AfD in die Parlamente zurückgekehrt ist, zeigt dieser Tage, dass diese Gefahr (im historischen Sinne: mal wieder) sehr real ist.

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