Wie Kalte Krieger zu Populisten wurden. Anne Applebaum befragt ehemalige Weggefährten (Rezension)

„We always knew, or should have known, that history could once again reach into our private lives and rearrange them. We always knew, or should have known, that alternative visions of our nations would try to draw us in. But maybe, picking our way through the darkness, we will find that together we can resist them.”

Über den Populismus ist viel geschrieben worden. Zwar beginnen die Probleme bei der Beschreibung des Phänomens schon beim Namen – worauf Thomas Schmid zuletzt noch einmal hingewiesen hat; was kann schließlich schlecht daran sein, Politik für das Volk (lateinisch populus) zu machen? – doch wurden Grundzüge dennoch erkennbar: Der Alleinvertretungsanspruch der Populisten und die Absage an Pluralität, die Jan-Werner Müller in den Vordergrund gestellt hat. Das diffuse Benachteiligungsgefühl und der daraus resultierende Zorn, den Cornelia Koppetsch und Ivan Krastev diagnostizieren. Tatsächliche und postulierte Verfehlungen des Linksliberalismus, die Nils Heisterhagen oder Jan Zielonka sehen, und die auf das Stimmenkonto der Populisten einzahlen mögen. Hinzu kommen zahlreiche Versuche, die dahinterstehenden gesellschaftlichen Konfliktlinien zu benennen: Kommunitaristen gegen Kosmopoliten (Wolfgang Merkel), Somewheres gegen Anywheres (David Goodhart), Undemokratischer Liberalismus gegen Illiberale Demokratie (Yascha Mounk).

Die konservative US-amerikanische Journalistin und Historikerin Anne Applebaum, die bislang vornehmlich mit Büchern über den Kommunismus hervorgetreten ist, legt nun mit Twilight of Democracy ein Werk vor, das sich prominent in die beschriebenen Bemühungen einreiht und gleichzeitig einen ganz anderen, sehr persönlichen Weg beschreitet: In der Tradition von Julien Bendas „Der Verrat der Intellektuellen“ (1927) und auch von Ralf Dahrendorfs „Versuchungen der Unfreiheit“ (2006) stehend, exemplifiziert Applebaum das Abgleiten in den Populismus anhand von ausgewählten Biografien ihr ehemals nahestehender Konservativer. Es handelt sich für sie bei dem Phänomen um das Aufbrechen jener Koalition, die den Kalten Krieg gewonnen hat. Ausgangspunkt ist eine Silvesterparty im Jahre 1999: Man war damals in Applebaums Freundeskreis „rechts“ im Sinne von Thatcherite oder Reaganite, antikommunistisch, vielleicht auch markt- oder klassisch liberal, überzeugt von Rechtsstaatlichkeit, checks & balances, Befürworter des Beitritts der mittel- und osteuropäischen Staaten in NATO und EU. Doch heute: Mit der Hälfte der damaligen Gäste und Freunde sei kaum noch ein Gespräch möglich.

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Jener Optimismus der Post-Cold-War-Coalition war im Laufe der Neunzigerjahre schnell verbraucht. Bruchlinien traten hervor: Die Gegnerschaft gegen die Sowjetunion, so wurde nun erkennbar, hatte sich aus ganz unterschiedlichen Gründen gespeist. Manche standen in der Tradition klassischer Realpolitik, andere wandten sich generell gegen Totalitarismus und Diktatur (so auch Applebaum), wieder andere hatten vornehmlich religiöse Gründe, das atheistische Sowjet-Regime abzulehnen. Mit der weltpolitischen Wende von 1990/1991 verlor die heterogene Koalition ihren gemeinsamen Gegner. Laut Applebaum bewirkte der 11. September 2001 noch einmal eine Verlängerung, die es andererseits wohl nicht gegeben hätte. Applebaums Bruch mit den US-amerikanischen Republikanern erfolgte 2008 mit dem Aufstieg von Sarah Palin, die sie als Proto-Trump vorstellt.

Wer sich selbst nicht als konservativ versteht, wird kaum in das Lob Reagans und Thatchers einstimmen können – die Folgen ihrer staatsabbauenden, neoliberalen Politik plagen die Welt noch heute. Gleichwohl ist es ungemein erhellend, Applebaums Beispiele des Familienstreits im Konservatismus zu lesen und zu sehen, wie hier Menschen, die sich zeitlebens gegen Tyrannei eingesetzt haben, jetzt ernsthaft Loblieder auf Donald Trump singen; wie die altehrwürdigen Tories in England einem Lügenbaron wie Boris Johnson folgen; wie die Freiheitskämpfer von einst in Polen und Ungarn heute am Abbau von Demokratie und Rechtsstaat wirken; wie auch in Spanien ehemals Konservative ihr Glück mit der rechtspopulistischen Vox-Partei suchen.

Applebaum sucht das Gespräch mit ihnen, mit PolitikerInnen, PublizistInnen und sonstigen Intellektuellen. Ein Austausch erweist sich jedoch als kaum mehr möglich: Nicht jene hätten sich geändert, sie selbst sei es, die nun zur viel geschmähten kosmopolitischen, linksliberalen Elite gehöre – so das Feedback in der Zusammenfassung.

Es gibt nicht viel, was in diesem Buch Hoffnung macht, dass es in näherer Zukunft zu einer Verständigung kommen könnte. Tatsächlich, so Applebaum, könnten wir uns bereits in der Abenddämmerung der Demokratie befinden. Geschichte verlaufe in dieser Hinsicht zyklisch und die Vorbehalte, die bereits antike Autoren wie Aristoteles oder Platon, aber auch die US-amerikanischen Gründerväter gegen die ungezügelte, direkte Demokratie hatten, bewahrheiteten sich gerade in anschaulicher Weise.

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