Gabor Steingart: Rede zur Lage der Nation. Die unbequeme Wahrheit (Rezension)

„Auch die heutigen Medien in ihrer oft nur scheinbaren Vielfalt bringen dich nicht weiter. Sie funktionieren als apokalyptische Reiter, sie erregen dich, sie kuratieren deine Gefühle, sie beuten deinen Hoffnungsvorrat aus, bis nur noch Spurenelemente davon vorhanden sind. Wer ihnen verfällt, endet als zynischer Zeitgenosse, geistig verarmt haust er in den Ruinen seiner Sehnsüchte.“

Wer hier spricht und scheinbar noch nicht einmal merkt, dass er trefflich seine eigene Methode beschreibt, ist Gabor Steingart, Gründer von Media Pioneer, ehemals Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros, dann Chefredakteur und später Herausgeber des Handelsblatts. Man kennt ihn auch als eloquenten Talkshow-Gast, der – stets jovial-freundlich und im Durchblickermodus – ausgemachte Banalitäten als tiefere Einsichten verkauft, dabei hanebüchene Analogien konstruiert (meistens irgendwas mit Diktaturen), und sich insgesamt als so ziemlich einzigen unabhängig denkenden und (noch) „neugierigen“ Journalisten weit und breit versteht.

Während die Kolleginnen und Kollegen Sprache nur noch „kuratierten“ (ein Lieblingswort), sich als Aktivistinnen und Aktivisten für die gerechte Sache missverstünden und zu bloßen „Haltungsjournalisten“ verkämen, gibt es in Steingarts Welt nur bei ihm selbst die wirklich wahre Wahrheit zu bestaunen. Und jedes Mal, wenn diese angekündigt wird, wenn mit riesigem Anlauf dann doch nur sperrangelweit offene Türen eingerannt werden, der Berg kreißt und doch wieder nur eine Maus gebiert, fragt sich der wache Leser: Meint Steingart das eigentlich wirklich ernst oder ist das alles nur eine gewiefte Verkaufsmasche und damit um einiges zynischer als es jeder vermeintliche „Haltungsjournalist“ je sein könnte?

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Es ist dieser Zynismus, der in der vorliegenden Schrift auf die Spitze getrieben wird. Leserinnen und Leser werden hier als „Freundinnen“ und „Freunde“ angesprochen, mit denen im Erweckungspredigerstil jetzt endlich einmal ganz „wahrhaftig“ auf Augenhöhe gesprochen werden soll. Dabei möchte sich Steingart „deutlicher und unmittelbarer“ mit ihnen beschäftigen, „als Gewerkschaften und Arbeitgeberverband je getan haben und es je tun werden.“ Das alles ist so peinlich und verquer, dass man sich wirklich fragen muss, welcher Teufel den Autor geritten hat, ein solches Produkt unter das Volk zu bringen.

Der erste Teil handelt von der Politik der Bundesregierung in der Corona-Krise und dürfte bei Menschen, die das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes für einen grausamen Schachzug des Merkel-Regimes zur Versklavung der deutschen Bevölkerung halten, auf begeisterte Zustimmung stoßen. Es lohnt nicht, all die schiefen, ätzenden und geschmacklosen Vergleiche und Anspielungen aufzuzählen und sich an ihnen abzuarbeiten. Mao, Hitler und Walter Ulbricht haben jeweils ihren Auftritt in Verbindung mit irgendwelchen Allmachtsfantasien der aktuellen „politischen Elite“ (auch so ein Lieblingswort).

Der zweite Teil ist dann leicht erzählt: Alle doof, außer Steingart. In Deutschland geht alles den Bach runter. Man bekommt nichts mehr hin. Es ist ein einziges Trauerspiel. Nur, wenn konsequent auf Steingart und seine imaginären Freunde gehört würde, gäbe es eventuell noch eine Chance. Die großen Themen, wenig originell: Globalisierung, Klimaschutz und Digitalisierung.

Wer bereits bei einem Titel, der großspurig „Wahrheit“ verspricht, ein ungutes Gefühl hat (Pluralismus scheint echt out zu sein), der wird nicht enttäuscht werden. Und wer nachvollziehen will, wo genau die Anknüpfungspunkte zwischen Liberal-Konservativen und Rechtspopulisten verlaufen können, der greife zu diesem Buch.

Steingart indes müsste es eigentlich ja doch besser wissen. In seinem eigenen Podcast hat Ex-Piratin Marina Weisband ihm eben diese unheilvolle sprachliche Nähe einst gut belegt vorgeworfen. Geholfen hat es scheinbar nichts. Dass dann wiederum jemand wie Weisband für Media Pioneer arbeitet und sich Steingart einer solchen Kritik öffentlich stellt, lässt dann doch immer wieder die Hoffnung aufkeimen, dass da irgendwo ein Restverständnis lauert. Aber auch diese Hoffnung dürfte bei Vielen nach der Lektüre von „Rede zur Lage unserer Nation“ dahin sein.

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