Heinrich-August Winkler: Wie wir wurden, was wir sind. Eine kurze Geschichte der Deutschen (Rezension)

Historiker und andere Beobachter der Zeitläufte warnen gern vor mangelndem „Realismus“ und vor fehlender „Nüchternheit“, wenn Ihnen die aktuelle Richtung der öffentlichen Dinge nicht passt. Heinrich-August Winkler, dessen Werke zur „Geschichte des Westens“ längst in den Rang der Staatsräson aufgestiegen sind, bildet da keine Ausnahme. Mehr noch als in früheren Veröffentlichungen und auch mit einer gewissen Verhärtung sieht Winkler die Bundesrepublik erneut auf einem Sonderweg – womit in der deutschen Geschichtswissenschaft traditionellerweise nichts Gutes gemeint ist.  

Aus der Bewältigung der Vergangenheit, insbesondere aus dem Zivilisationsbruch des Holocaust, würde heute vielerorts ein von keinem anderen europäischen Staat geteilter, postnationaler Irrglaube abgeleitet. „Von der Perversion zur Prädestination“ nennt Winkler das. Ehemals pervertierter Nationalismus führe nun zur übertriebenen Ablehnung desselben. Dieses neue deutsche Sendungsbewusstsein, das sich am krassesten in der sogenannten Flüchtlingskrise der Jahre 2015-16 gezeigt habe, sei im Grunde ebenso anmaßend wie das nationalistische Schwadronieren von Deutschland als „Heiland der Völker“ der Fichte, Arndt und Jahn zu Beginn des 19. Jahrhunderts, mit denen Winkler seinen knappen Überblick über die letzten 200 Jahre beginnt. 

Wie stets bleibt die Antike terra incognita, das Mittelalter wird kursorisch anhand einiger ideengeschichtlicher Schlüsselszenen durchlaufen und schon sind wir am Anfang der deutschen Nationalgeschichte, da, wo laut dem Historiker Thomas Nipperdey Napoleon steht.  

Drei Grundtatsachen macht Winkler dabei aus: Den universalistischen Anspruch des „Reichs“-Gedankens, der sich noch heute im Wirken an einer Staatswerdung Europas zeige; die Glaubensspaltung im 16. Jahrhundert mitsamt ihren verheerenden Folgen und den unterschiedlichen Entwicklungen in den jeweiligen Konfessionsgebieten; und den preußisch-österreichischen Gegensatz mit den damit zusammenhängenden klein- und großdeutschen Lösungen im Laufe der Jahrhunderte.  

Es hätte dem Buch gut angestanden, eine weitere Grundtatsache eingehender zu thematisieren, nämlich die Kleinstaaterei, die seit dem frühen 10. Jahrhundert eine Kontinuität in denjenigen Gebieten blieb, die später „Deutsch“ genannt werden sollten. Von Stammesherzögen über Kurfürsten bis hin zu den Ministerpräsident*innen – deutsche Gemeinwesen waren stets föderale Gebilde – außer im Nationalsozialismus. Diese Tatsache hätte einen passenden Brückenschlag zum Corona-Kommentar bieten können, den Winkler noch anfügt, ist doch in diesen Tagen wieder viel vom „Flickenteppich“ der föderalen Ordnung die Rede, während anderswo der Zentralismus als in der Krise zu wenig passgenau empfunden wird. So hingegen gerät jenes Corona-Nachwort zu einer etwas farblosen Inhaltsangabe des jüngst Geschehenen.

Dass Winkler in einem Buch namens Wie wir wurden, was wir sind die gesamte deutsche Geschichte auf eine gegenwärtige „Selbstexzeptionalisierung“, auf „Anmaßung“ und „moral overstretch“ im Zuge der Flüchtlingskrise zulaufen lässt, muss befremden. Hier vermag er nur „Gesinnungsethik“ zu erkennen, wo etwa ein Autor wie Herfried Münkler, der in einer ähnlichen Preisklasse operiert, durchaus verantwortungsethische Gründe für das deutsche Handeln ausmacht. ZEIT-Politikchef Bernd Ulrich bemerkte bereits 2017, dass „in Winklers Gedankengebäude (…) die Möglichkeit einer strategisch richtigen, aber nur von den Deutschen getroffenen Entscheidung quasi denkunmöglich“ sei. Seine Argumentation scheint in vielen Teilen im Jahre 1990 stehen geblieben zu sein, als der Tag gekommen war, „an dem“, in den Worten Bundespräsident von Weizsäckers, „zum ersten Mal in der Geschichte das ganze Deutschland seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen Demokratien“ fand. Der Zielort der westlichen Demokratie hat sich jedoch kurz nach dieser Ankunft radikal gewandelt: Die USA stehen im Bann des Trumpismus, Großbritannien taumelt durch das Brexit-Chaos und Frankreich scheint mit der Implosion seines Parteiensystems am Ende der Fünften Republik angekommen. Allzu vorbildhaft stellen sich unsere westlichen Verbündeten momentan nun einmal nicht dar, aller bleibenden Verbundenheit ungeachtet.

Auch das Narrativ, die deutsche Bereitschaft, den Nationalstaat hinter sich zu lassen, sei eine Art Ablasshandel für die Schuld am Holocaust, überzeugt nicht, so sehr dies in den 1980er Jahren auch von Oskar Lafontaine, Günter Grass und anderen mitgeformt wurde. Bereits 1870 ließ sich Wilhelm Liebknecht, einer der Gründerväter der Sozialdemokratie, folgendermaßen vernehmen: Elsass und Lothringen (..) könnten ruhig französisch bleiben, weil „es ja in Zukunft, wo es kein Deutschland und kein Frankreich, sondern nur noch ein vereinigtes Europa geben würde, gleichgültig sei, ob jene Provinzen von Deutschen oder Franzosen beherrscht würden.“ 

Bei Winkler hingegen erscheint noch heute, 150 Jahre später, jede deutsche Initiative, die Europäische Union zu stärken, als gefährlicher Irrweg, der nur zu Selbstisolation und Populismus führen kann. Seine Kritik an dieser Europäischen Union, deren Institutionen er wiederholt als „verselbständigte Exekutivgewalt“ (Karl Marx) darstellt, erscheint oftmals wohlfeil: Sicher hat das Europäische Parlament ein Repräsentationsproblem. Dass ein EU-Parlamentarier aus Malta 70.000 Bürgerinnen und Bürger, einer aus Deutschland aber knapp 830.000 Menschen vertritt, ist bekannt. Nur, wie wäre dem zu begegnen, insbesondere da Vertragsänderungen für Winkler „auf absehbare Zeit“ ausgeschlossen sind? Immer wieder nur die Beharrungskräfte der Nation zu beschwören, ist jedenfalls wenig innovativ und steht für eine verbreitete technokratische Utopie-Erlahmung. Auch dass die EU-Parlamentsmehrheit „ihre“ Kommission gegen die Opposition verteidigt, statt sie zu kontrollieren, ist beileibe keine EU-Spezialität. Auch in Deutschland verteidigt die Bundestagsmehrheit die gleichfarbige Bundesregierung gegen Angriffe der Opposition. Regierung und Parlament stehen sich auch bei uns nicht so gegenüber, wie in der klassischen Gewaltenteilungslehre vorgesehen.

Diese bis hin zum Quietismus gehende Mitte- bis Mitte-Links-Verortung hatte Winkler bereits in der Vergangenheit bei der Deutschen Revolution von 1918 mobilisiert: Ohne Trennung der SPD vom Marxismus und dem Bündnis mit „der Bourgeoisie“ keine Weimarer Demokratie, so das Credo. Hier weitet er diese Dynamik auch auf die gescheiterte Revolution von 1848 aus:  Je weiter sich die Linken damals radikalisiert hätten, desto eher hätten sie die Liberalen ins Lager der Konservativen getrieben. Eine „linkere“ Niederlage, hätte einen umso stärkeren konservativen Rollback ausgelöst. Kann das überzeugen, insbesondere wenn Winkler später die Ernennung Hitlers durch Reichspräsident Hindenburg als zwar keine Zwangsläufigkeit, aber doch eine Spätfolge der „Verschleppung der Freiheitsfrage im Deutschland des 19. Jahrhunderts und die Geburt der Weimarer Demokratie aus der Niederlage im Ersten Weltkrieg“ einordnet? 

Letzteres Urteil ist doch schon nahe an Walter Benjamins Diktum, wonach jeder Aufstieg des Faschismus von einer gescheiterten Revolution zeugt. In die Gegenwart gewendet: Welche Umwälzungen werden aktuell „verschleppt“ und welcher zeitgenössisch gewendete „Faschismus“ steht bereits heute wieder bereit?

Das Gespenst im Raum, der Rechtspopulismus, wird kaum benannt und tritt hier als Gefahr im Vergleich zu erwähnten Sonderwegen erstaunlich weit in den Hintergrund. Dabei lesen sich viele Passagen des Werkes doch aus der Perspektive der politischen Gegenwart bedrohlich aktuell: Hitlers Kronjurist Carl Schmitt, der 1932 von der Weimarer Reichsverfassung als „neutral bis zum Selbstmord“ sprach; der strukturelle Vorteil der Demokratiefeinde in der Weimarer Endphase, als insbesondere die SPD aufgrund ihrer „halbgouvernementalen“ Rolle als Opposition weitgehend ausfiel; die Passagen über das Ermächtigungsgesetz vom März 1933, wonach „der Staatsgründungspartei (…) die bürgerlichen Partner abhandengekommen waren, ohne die die Demokratie sich nicht gegen ihre Feinde behaupten konnte“; der Zusammenhang zwischen Autokratie und plebiszitärer Bestätigung, der in den insgesamt vier Volksabstimmungen zum Ausdruck kommt, die die Nationalsozialisten während ihrer Herrschaft mit großem Erfolg durchführten. All das verdichtet sich in dem von Winkler zitierten Satz des ehemaligen Reichsfinanzministers, Rudolf Hilferding (SPD), von 1931: „Die Demokratie zu behaupten gegen eine Mehrheit, die die Demokratie verwirft, und das mit den politischen Mitteln einer demokratischen Verfassung, die das Funktionieren des Parlamentarismus voraussetzt, es ist fast die Lösung der Quadratur des Kreises.“

Wie wir wurden, was wir sind kann mit Gewinn gelesen werden. Es ist gleichsam die Essenz des Werks eines Historikers, der die neuere deutsche Geschichte wie kein zweiter durchleuchtet hat. In Teilen liest es sich dennoch wie alter Wein in neuen Schläuchen. Dieser Wein passt jedoch immer weniger in die Saison. Die Prämissen haben sich in den letzten dreißig Jahren radikal verändert. Und eine neue Meistererzählung, die an den „Weg nach Westen“ anknüpft, steht längst aus. 

Wie so etwas aussehen könnte, zeigt gerade die Münchner Historikerin Hedwig Richter mit „Demokratie – Eine deutsche Affäre. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“. Es handelt sich bei Richters Buch um eines, das nüchtern und gleichsam zuversichtlich nach vorne weist und den Heutigen so viel mehr zu erzählen hat als die x-te Sonderwegsvariation. 

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