Penelope spricht. Torsten Körner erzählt Zeitgeschichten aus der Männerrepublik Deutschland (Rezension)

„Wir verlangen und erwarten gleichen Lohn für gleiche Arbeit.“

Nein, es handelt sich nicht um eine Forderung aus aktuellen Wahlprogrammen der SPD, es handelt sich um einen Ausspruch der Politikerin Helene Weber (CDU), einer der Mütter des Grundgesetzes, in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag am 2. Dezember 1949. Siebzig Jahre sind seither vergangen, auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter sind bedeutende Fortschritte erzielt worden. Gleichwohl beträgt die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen im Jahre 2020 immer noch rund 20 Prozent.

Die Studie „In der Männerrepublik“ des Autors, Journalisten und Fernsehkritikers Torsten Körner zeigt nicht, wie es im Untertitel des Verlags irreleitend heißt, „wie Frauen die Politik eroberten“. Denn eine solche „Eroberung“ würde ja mit einer Dominanz, wenigstens mit echter Gleichberechtigung einhergehen. Tatsächlich dreht sich mancherorts die Uhr schon wieder rückwärts: Der aktuelle 19. Bundestag liegt mit einem Frauenanteil von 30,7 Prozent 5,8 Prozent unter der vorherigen Wahlperiode. In der CDU vermag die Diskussion um eine verbindliche Frauenquote noch immer die Gemüter zu erhitzen, ganz als hätte Rita Süssmuth nicht 40 Jahre dafür gekämpft. Und in der FDP tauscht Parteichef Christian Lindner, bedrängt durch eigenes Führungsversagen, seine Brandenburger Generalsekretärin Linda Teuteberg gegen einen „Wirtschaftsfachmann“ aus dem Westen aus.

Dennoch: Was Körner hier vorlegt, ist nicht weniger als eine „weibliche Geschichte der Bonner Republik“. Es handelt sich in weiten Teilen um ein bundesrepublikanisches Sittengemälde – eines, das erschüttert, beschämt, wütend macht. Der Autor halt dabei mit seiner Empörung nicht hinter dem Berg. Zu eindeutig sind die himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die den Lesenden hier Seite für Seite präsentiert werden. Gleichzeitig wird deutlich, welche gewaltige Männerschlagseite bisherige Geschichten der Bundesrepublik hatten: Es waren ja nicht nur die Politiker, die Adenauer, Erhard, Brandt, die alles dominierten, es war und ist ja auch „die unkritische Verlängerung (…) gestriger Bilder (…) in heutige Bildwelten“, die so viele politisch engagierte, kluge und charismatische Frauen der Vergessenheit anheimfallen lässt.

Aus dieser Vergessenheit holt sie Körners Buch, das als Vorlage für einen Film dient, der im Herbst in die Kinos kommen soll, zurück. So begegnen uns mit Jeanette Wolff (SPD), Friedericke Nadig (SPD), Elisabeth Schwarzhaupt (SPD), Margot Kalinke (Deutsche Partei), Helene Wessel (Zentrum), Marie Schlei (SPD), Marie-Elisabeth Klee (CDU), Lenelotte von Bothmer (SPD) und Ursula Männle (CSU) Politikerinnen, deren Lebensläufe uns heute so viel mehr über die Geschichte unseres Gemeinwesens erzählen können, als die x-te Wiederholung herkömmlicher Männer-Hagiographien.

Es ist dann der Einzug der Grünen 1983, der einen gewaltigen Modernitätsschub in Sachen Geschlechtergerechtigkeit bringt: „Wir fordern Sie alle auf, den alltäglichen Sexismus hier im Parlament einzustellen!“ Die epochemachenden Worte der Abgeordneten Waltraud Schoppe wurden quittiert mit Zwischenrufen wie „Mit dir will ja sowieso keiner pennen“, „Hexe“ oder „hässliches Weib“.

Vieles hat sich geändert, auch gebessert. Das ist dem Einsatz der genannten Politikerinnen zu verdanken. Geschenkt wurde nichts. Jeder Minischritt musste hart erkämpft werden. Vieles bleibt im Argen. Von sich aus haben die selbsternannten Herren der Schöpfung noch keine Stellung geräumt. Bevor es verbindliche Quoten bei Konservativen und Liberalen gibt, wird dort lieber noch hundert Jahre auf ergebnislose Freiwilligkeit gesetzt. Doch auch in linken Kreisen wurde die Geschlechterfrage lange zum „Nebenwiderspruch“ degradiert, der neben dem „Hauptwiderspruch“, jenem von Kapital und Arbeit, zurückzutreten habe. Heute heißt es dort oft, man solle es mit den „Identitätsthemen“ – als solches firmiert Geschlechtergerechtigkeit heute – nicht übertreiben, da dies nur den Populisten Zulauf bescheren würde.

Wenn Körners Buch, dem eine breite Leserschaft zu wünschen ist, jedoch etwas lehrt, dann, dass es nie zu früh ist, engagiert für seine Rechte zu kämpfen. Penelope, die Frau des Odysseus, musste in Homers Epos noch stumm ertragen, wie die Freier und Zecher in der Halle ihres abwesenden Mannes hausten. Körner nutzt ihr Bild zur geistesgeschichtlichen Einbettung der Studie. Penelope lässt sich nicht länger mundtot machen. Längst spricht sie, öffentlich, zum Wohle aller.

5 Kommentare

    1. Oh ja, die kommen im Buch ebenfalls prominent vor, ebenso Käte Strobls prägnantes Zitat: „Politik ist eine viel zu ernste Sache, als dass man sie allein den Männern überlassen könnte.“

  1. Danke für Käte Strobls Satz dazu.
    Penelope und Odysseus. Sie wusste sich durch Hoffen und endloses Weben den zudringlichen Freiern zu entziehen. Er hatte zehn Jahre Krieg und zehn Jahre „Irrfahrt“, ließ sich becircen, und richtet bei der Rückkehr ein Blutbad an. Was spricht sie schließlich?
    Viele Grüße

    1. Körner nutzt Penelope hier sinnbildlich. Sie spricht nichts Spezielles, sondern sie beginnt überhaupt öffentlich zu sprechen. Mit Homer beginnt die westliche Kultur und er lässt dann auch gleich den Telemachos, Odysseus’s Sohn, zu seiner Mutter sagen: „Du aber gehe ins Haus und besorge die eigenen Geschäfte/Spindel und Webstuhl (…) die Rede ist Sache der Männer/aller, vor allem die meine! Denn mein ist die Macht hier im Hause.“

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