Beiträge und Positionen zur Geschichte der CDU, herausgegeben von Norbert Lammert (Rezension)

„Bei den bisher neunzehn Bundestagswahlen haben CDU und CSU sechszehn Mal die meisten Stimmen bekommen; zusammen erreichten sie 1957 die absolute Mehrheit – bislang ist das keiner anderen Partei gelungen. Unser Grundgesetz, die Einbindung in den Westen, die Soziale Marktwirtschaft, die deutsche Einheit und die europäische Integration sind als zentrale Merkmale unserer Geschichte und unseres politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systems untrennbar mit der CDU verbunden.“

Im Vorwort des ehemaligen Bundestagspräsidenten und heutigen Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, Norbert Lammert, wird pointiert deutlich, was Deutschland bislang an der CDU hatte. Lange Jahre „Kanzlerwahlverein“ in einem „CDU-Staat“, hat die Christlich-Demokratische Union, die „inoffizielle deutsche Staatspartei“ (Andreas Rödder), die sich bewusst nicht „Partei“, sondern eben „Union“ nannte, es vermocht, auf Grundlage ihrer sozialen, liberalen und konservativen Wurzeln gesellschaftliche Mehrheiten hinter sich zu versammeln und die Geschicke des Landes nachdrücklich zu prägen.

Ein 75-jähriges Jubiläum – womit die CDU jetzt etwa halb so alt ist wie ihre alte Rivalin SPD – gibt allein schon Anlass genug, Bilanz zu ziehen und Ausblicke zu wagen. Darüber hinaus ist die Union jedoch in einer höchst irregulären Situation: Bei der nächsten Bundestagswahl im Herbst 2021 wird erstmals keiner der Kanzlerkandidaten über einen Amtsbonus verfügen. Nach einer langen Durststrecke, in der die CDU in Umfragen regelmäßig unter der 30%-Marke landete und zeitweilig sogar von den Grünen überholt werden konnte, sonnt sie sich derzeit bei regelmäßig über 40% Zustimmung. Dabei besteht weitgehende Einigkeit, dass dies allein dem überwiegend als überzeugend empfundenen Management der Corona-Krise zu verdanken ist und dass die Werte der Bundeskanzlerin gelten, die ja eben nicht mehr antritt.

Annegret Kramp-Karrenbauers Parteivorsitz hingegen ist nach zwei Jahren bereits wieder Geschichte. Damit reiht sie sich ein in die Reihe der erfolglosen Kurzzeitvorsitzenden (Erhard, Kiesinger, Barzel, Schäuble), die weit hinter den „großen“ Kanzlern zurückblieben (Adenauer, Kohl, Merkel). Corona sorgt dafür, dass „AKK“ das Amt fast ein ganzes Jahr – quasi kommissarisch – weiterführen muss, da der Parteitag zur Neuwahl des Vorsitzes – wenn überhaupt – erst im Dezember stattfinden kann. Doch weder der ewige Hoffnungsträger Friedrich Merz, noch der leutselige, doch in der Corona-Krise überforderte Armin Laschet scheinen derzeit allzu viele Phantasien zu beflügeln; Norbert Röttgen schon gar nicht, auch wenn dieser sich de facto wohl auf ein Ministeramt bewirbt. Vielmehr steht mit Markus Söder zum dritten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ein CSU-Mann als – zunächst noch potentieller – Kanzlerkandidat am Ring.

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Wie auch immer das Corona-bedingt nur inoffiziell verlaufende Ringen um Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur dann ausgehen mag – um Zukunftsperspektiven zu zeichnen, bedarf es zunächst der Verständigung über Vergangenheit und Gegenwart. „Zukunft braucht Herkunft“, hat der Philosoph Odo Marquard das einmal genannt und der vorliegende Band liefert hierfür instruktive Beiträge zu einer Vielzahl von Themen.

Große Würfe gelingen Günter Bannas, Thomas Brechenmacher, Andreas Rödder, Andreas Wirsching und Herfried Münkler, indem sie in längeren Essays die Geschichte der CDU im Ganzen oder in bestimmten Perioden in die Geschichte der Bundesrepublik einordnen. Das ist immer dann besonders interessant, wenn jüngste Zeitgeschichte in einem größeren Kontext erzählt und deutlich wird, dass auch frühere Generationen bereits von einem Verlust des spezifisch „Konservativen“ an der Union sprachen – oftmals, ohne wirklich ausdrücken zu können, worum es sich dabei im einzelnen handelte.

Neben diesen Einordnungen gibt es Tiefenbohrungen zu Themen wie Europa (Michael Gehler), Sozialpolitik (Wolfgang Schröder), Parteienrecht und Parteienfinanzierung (Heinrich Oberreuter), NATO (Klaus Naumann), die CDU und die Frauen (Mariam Lau) oder zum spezifisch Christlichen der Partei mit dem „C“ (Antonius Liedhegener).

Ob es ein Fingerzeig ist, dass der Grüne Ralf Fücks einen Text über „Perspektiven und Koalitionsoptionen der Union“ vorlegen darf? Entsprechende Lockerungsübungen sind auf beiden Seiten seit längerem im Gang. Schließlich muss die Union in den Worten Norbert Lammerts darauf achten, nicht zum „wandelnden Denkmal“ zu werden, sondern „lebendige Membran“ sein – „in beide Richtungen“.

Der Weg dahin ist offen – gelingt es der Union erstmals, nach sechzehn Jahren erneut das Kanzleramt zu erobern, oder muss sie zum dritten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik auf die Oppositionsbänke wechseln?

Den Weg von 1945 ins heute können Lesende mit diesem gewichtigen Band detailliert nachvollziehen, der weniger als Festschrift daherkommt, sondern vielmehr ernsthafte Auseinandersetzung mit seiner Materie bietet. Prädikat: Lesenswert.

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