Deutschland als Wille und Vorstellung (Rezension)

Tillmann Bendikowski dekonstruiert „1870/71“ und den
„Mythos von der deutschen Einheit“

„So zentral »1879/71« für die deutsche Nationalgeschichte ist, so wenig sind die tatsächlichen Ereignisse dieser beiden Jahre in der deutschen Erinnerung präsent.“

Dem Befund des Hamburger Historikers und Journalisten ist zuzustimmen. „Reichseinigung“, „Bismarck“, „Spiegelsaal von Versailles“ – das sind feste Begriffe im Erinnerungshaushalt der Deutschen. Doch wer weiß heute noch von der Schlacht bei Langensalza, bei der das Königreich Hannover im „Deutschen Krieg“ 1866 zwar einen taktischen Sieg gegen Preußen davontragen, kurz danach aber kapitulieren musste? Wer kennt noch die „Welfenlegion“, eine Freischar, die im niederländischen Exil erfolglos auf eine Wiedereinsetzung Georgs V. aus der Dynastie der Welfen hinwirkte? Wer kennt den Ursprung des Wortes „Reptilienfonds“, bei dem es sich unter anderem um das beschlagnahmte Privatvermögen Georgs handelte? Mit dieser schwarzen Kasse erkaufte Bismarck unter anderem die Zustimmung des bayerischen Königs Ludwig II. zur Versailler Kaiserkrönung – nebst guter Presse, auf die der erste Reichskanzler, der sich auf Öffentlichkeitsarbeit verstand, stets Wert legte. Und wer bekommt noch zusammen, um was es in der berühmten „Emser Depesche“, die schließlich zum Deutsch-Französischen Krieg führen sollte, eigentlich ging und warum daraus ein bewaffneter Konflikt erwachsen konnte?

Nur mit Blut und Eisen

Die deutsche Nationalstaatswerdung jährt sich 2021 zum 150. Mal. Grund genug also, diese Ereignisse erneut und kritisch in den Blick zu nehmen: In der „Vitrine der Erinnerung“ steht laut Bendikowski nämlich gar kein Original der „Reichsgründung“. Es handelt sich vielmehr um eine Fälschung, den „Mythos von der deutschen Einheit“. Der Autor erzählt die damaligen Entwicklungen prägnant und gleichsam anekdotisch. Er tut dies anhand von neun Momentaufnahmen, in denen sich das Geschehen zwischen Deutschem Krieg 1866 und Reichsgründung 1871 verdichtet. Dabei wird gleichsam eine Dekonstruktion der von Bismarck geschaffenen Mythen vorgelegt. Das ist bitter nötig, denn diese sind bis heute erstaunlich wirkmächtig. Das „nationale Streben“ war seinerzeit eben keineswegs auf eine Einigung unter preußischer Hegemonie ausgerichtet, wie eine nationalistische Geschichtsschreibung lange Glauben machen wollte. Vielmehr gab es gewichtige Widerstände im Rest Deutschlands, namentlich in Hannover, Hessen, Baden, Württemberg und Bayern. Die Einheit wurde in typisch bismarckscher Manier erst durch das Vergießen und den Einsatz von „Blut und Eisen“ möglich. Die zahlreichen Stimmen, die sich gegen die preußische Hegemonie wandten, und die auch nach 1871 nicht einfach verstummten, bringt Bendikowski (wieder) ins Bewusstsein.

Da gab es katholische Bedenken gegen die Vorherrschaft des Protestantismus, gegen das erste protestantische Kaisertum überhaupt. Da gab es liberale Warnungen vor dem preußischen Autoritarismus ebenso wie Standesdünkel jahrhundertealter Herrschergeschlechter gegen die Parvenüs aus der brandenburgischen Steppe. Und es gab die Anfänge der Sozialdemokratie, in deren Reihen man dem bismarckschen Waffengeklirr naturgemäß wenig abgewinnen konnte. Wilhelm Liebknecht, einer der Gründerväter, hatte doch tatsächlich die Chuzpe, auf einer Kundgebung zu erklären, „Elsass und Lothringen (..) könnten ruhig französisch bleiben, weil »es ja in Zukunft, wo es kein Deutschland und kein Frankreich, sondern nur noch ein vereinigtes Europa geben würde, gleichgültig sei, ob jene Provinzen von Deutschen oder Franzosen beherrscht würden«.“ Wegen dieser und anderer Äußerungen wurden er und die anderen prominenten Sozialisten August Bebel und Adolf Hepner im Dezember 1870 in Haft genommen – ein Vorgeschmack auf die neuen deutschen Verhältnisse.

„Die reinsten Schweinehunde“

Wer bereits zuvor die Debatten im neuen Zollparlament 1868 liest, und sich der zahlreichen Ressentiments vergegenwärtigt, die insbesondere süddeutsche Honoratioren mit nach Berlin brachten, der fühlt sich an die EU-Gipfel der Gegenwart erinnert. Dass aus den gegensätzlichen Interessenlagen und Prägungen, die hier zutage traten, einmal ein Staatsgebilde geformt werden sollte – das schien wenig realistisch. Hoch her ging es damals wie heute: Muss wirklich von einem „Geschachere“ gesprochen werden, wenn heutige Staats- und Regierungschefs nächtelang (und friedlich!) um die EU-Finanzen ringen? Da mag ein Victor Orban schon einmal von einem „Hass“ des niederländischen Ministerpräsidenten Rutte gegen ihn und Ungarn allgemein schwadronieren. Die „Deutschen“ waren sich im Zuge der „Reichseinigung“ ebenfalls nicht immer grün. So schrieb der preußische Gesandte in Bayern, Georg Graf von Werthern, an seinen Dienstherrn Bismarck: „Der Kriegsminister allein hält sich wacker, alle übrigen Minister sind die reinsten Schweinehunde.“

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Provokation im Spiegelsaal

Ein kleines Juwel gelingt Bendikowski mit der Beschreibung der berühmten Kaiserkrönung im Spiegelsaal von Versailles. Es handelte sich bei der verfrühten Aktion im Januar 1871 um eine bewusste Provokation und ein dummstolzes Auftrumpfen gegenüber dem französischen Gegner – eine Saat für künftige Konflikte und Kriege. Und wer kennt nicht jenes Meisterwerk preußischer Propaganda, das Anton von Werner von der Krönungszeremonie erstellte? Noch heute findet es sich in jedem Schulbuch zum Thema. Unter den backenbärtigen Honoratioren, gekrönten Häuptern und Militärs fehlen – typisch preußisch – die Frauen. Und doch waren Frauen anwesend: Krankenschwestern der bayerischen Diakonie Neuendettelsau, die in Versailles ein Feldhospital betrieben – schließlich herrschte immer noch Krieg! Der Krankenschwester Sara Hahn, die sich mit Kolleginnen hinter Fahnenträgern versteckte, und der Zeremonie wenige Meter vom künftigen Kaiser entfernt beiwohnen konnte, verdanken wir eine atmosphärisch dichte Beschreibung des Geschehens. Ein Archivfund erster Güte, den Bendikowski zu einem zeitgenössisch würdigen Aufhänger dieses Kapitels macht.

Vielfalt statt Einheit

Einheit um den Preis der Freiheit, so schließt der Autor, gilt es abzulehnen. Während seinerzeit von Partikularisten gesprochen wurde, wenn es um Widerstände gegen die preußische Hegemonie ging, wird die heutige föderale Ordnung oft – und zuletzt im Zuge der Corona-Krise – als „Flickenteppich“ diffamiert. Aber liegt nicht gerade in Bundesstaatlichkeit und regionaler Vielfalt eine Grundkonstante deutscher Gegebenheiten?

Auf solche und andere Fehlwahrnehmungen neuerer deutscher Geschichte fakten- und diskursgesättigt hinzuweisen, ist Kern dieses Buches, das die Saison der Gedenkschriften zu „1871“ verdienstvoll einläutet.

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