Ein europäischer Intellektueller: Der politische Klaus Mann heute

Der politische Klaus Mann heute

Die Dinge beim Namen nennen, den Beschwichtigern entgegentreten, sich nicht verwirren lassen, Freiheit und Humanität niemals preisgeben, die nationale Enge überwinden – „den tapferen, klugen Klaus Mann“, wie ihn der Publizist Marko Martin jüngst genannt hat, heute wieder zu lesen, ist ein großer Gewinn. Mehr noch als der Schriftsteller und Essayist, erweist sich der politische Klaus Mann als zeitlose Instanz.

Herkunft und Prägungen

Klaus Mann (1906-1949) war Zeit seines Lebens „der Sohn“. Dagegen war kein Ankommen, so sehr er sich auch mühte. Auf frühe Versuche, unter Pseudonym zu publizieren, ließen sich Verleger gar nicht erst ein. Zu verlockend die Möglichkeit, mit dem Sohn des „Zauberers“, des späteren Nobelpreisträgers, zu werben. Anders als sein jüngerer Bruder Golo, der sich erst spät, und auf einem anderen Gebiet, der Geschichte, etablierte, eiferte Klaus früh dem Vater nach. Neben Theaterstücken, die er gemeinsam mit der Schwester Erika zur Aufführung brachte, veröffentliche Mann bereits mit 19 Jahren erste Romane, versuchte sich darüber hinaus auch als Essayist. Es waren die Romane, die natürlich mit dem Werk des Vaters verglichen wurden und in diesem Vergleich dann abfielen. Thomas Mann selbst sprach davon, sein Sohn habe „zu leicht und zu rasch“ gearbeitet, „was die mancherlei Flecken und Nachlässigkeiten in seinen Büchern erklärt“.

Entsprechend der Generationenfolge, aber auch noch aus heutiger Sicht, war Klaus dabei der modernere Schriftsteller – mit Einschränkungen. Zu seinen Heroen erklärte er Sokrates, Nietzsche, Novalis und Walt Whitman. Man mag in dem Bekenntnis zum Sophisten Sokrates eine stärkere Offenheit gegenüber dem rationalen Argument erkennen, in der Liebe zur Lyrik des US-Amerikaners Whitman einen Drang in die Neue Welt, zu westlicher Zivilisation, mit der Vater Thomas bekanntlich zunächst haderte. Nietzsche und Novalis dokumentieren indes den Zug ins altdeutsch Tiefe, in den unseligen Ästhetizismus, der hierzulande so viele Intellektuelle blind für Politik und Alltagsgeschehen machte, ja, auf derartigen Hypermoralismus avant la lettre, wie etwa durch praktische Maßnahmen und des Aushandeln von Kompromissen das Los der Vielen verbessern zu wollen, verächtlich herabblicken ließ. Da half auch nichts, dass Klaus einräumte, man dürfe Nietzsche nicht „wörtlich“ nehmen, wenn noch sein bekanntester Roman „Mephisto“ (1936) zwar angelehnt an Gustav Gründgens die Figur des Mitläufers zeitlos reflektiert, jedoch den Nationalsozialismus eben nicht auf Politik, sondern auf Teuflisch-Dämonisches zurückführt.

Der Biograf und Chronist Uwe Naumann, Herausgeber vieler Schriften von Klaus Mann, kommt zu dem Urteil: „In mancher Hinsicht war er seiner Zeit voraus, indem er Konventionen brach und Regeln verletzte. (…) So modern und aktuell er auf der einen Seite wirkt – so stark war er doch auch vielen Traditionen verhaftet. In mancher Hinsicht war und blieb Klaus Mann ein Abkömmling des 19. Jahrhunderts.“

Den Schriften zu eigen war dabei stets der Drang ins Autobiographische, Selbstbespiegelnde, Selbstreflektierende. Erste Memoiren legte Klaus bereits 1932 im Alter von 26 Jahren unter dem Titel „Kind dieser Zeit“ vor. Es sollte dieses Gebiet sein, auf dem er es schließlich zur Meisterschaft brachte: Klaus Manns „Der Wendepunkt“ genannter „Lebensbericht“ – erstmals 1942 auf Englisch veröffentlicht und erst posthum, 1952, modifiziert und erweitert auf deutsch erschienen – gehört zu den großen Autobiographien des 20. Jahrhunderts. „Der Wendepunkt“ ist ein Memoirenband, ein Stück Zeitgeschichte, Kulturgeschichte, Intellektuellengeschichte, Exilantengeschichte; es ist ein Buch über Bekanntschaften, Freundschaften, Liebschaften; es ist das Buch eines Rastlosen, Haltlosen, Suchenden; eines unruhigen Geistes, der der Todessehnsucht, die seiner Familie so sehr zu eigen war, schließlich nicht mehr wiederstehen konnte.  Am 21. Mai 1949 starb er an einer Überdosis Schlaftabletten in Cannes. „Der Wendepunkt“ ist aber eben auch ein eminent politisches Buch.

Wiederholung und Farce

Was sehen wir Heutige, wenn wir in dieser großen Autobiographie lesen, in unserer Gegenwart, geprägt durch Klimawandel, Migration, Digitalisierung und zuletzt der Covid-19-Pandemie? Grenzen werden geschlossen, alte Wirtschaftszweige sterben ab, Neues entsteht in rasender Geschwindigkeit. Eine Marktwirtschaft, die sozial und ökologisch geprägt ist, eine gerechtere Wirtschaftsordnung, die ihre schädlichen Nebenwirkungen nicht mehr in den globalen Süden auslagert, erscheint als Möglichkeit am Horizont. Doch dort erscheint ebenso und steht schon länger – der Populismus, der in verschiedenen Ausprägungen als neue und gleichsam altvertraute Variante des Faschismus daherkommt. Details unterscheiden sich, Muster sind dennoch erkennbar.

Das „Nie wieder“ und das „Wehret den Anfängen“ gehörten viele Jahrzehnte zur erinnerungspolitischen Grundausstattung der Bundesrepublik. Zu Zeiten der rot-grünen Koalition erklärte Außenminister Joschka Fischer „Auschwitz“ zum „negativen Gründungsmythos“. Ja, es gab immer und ständig Streit über das, was zwischen 1933 und 1945 eigentlich vorgefallen war: Über Hintergründe und Gründe des Scheiterns von Weimar, über den Charakter des Nazi-Regimes, über Schuld und Verantwortung, über die Konsequenzen, die für die Zukunft daraus zu ziehen seien, über die angemessene Form des Gedenkens und der Vergangenheitsbewältigung, über Schlussstriche und Kontinuitäten.

Von den Nürnberger zu den Frankfurter Prozessen, von der Fernseh-Serie „Holocaust“ bis zum Spielfilm „Der Untergang“, vom Historiker-Streit zur Jenninger-Rede, von der Goldhagen-Debatte bis zu den Wehrmachtsaustellungen – immer wieder zeugten die jeweils begleitenden öffentlichen Debatten von der Ungeheuerlichkeit der Shoah und den Schwierigkeiten im Umgang mit diesem Menschheitsverbrechen. Diese Debatten hatten oftmals die Form von Rückzugsfechten: Bürgerliche Historiker wie Joachim Fest versuchten sehr lange und erfolgreich, zu retten, was zu retten war und gerade so viel vom Versagen der eigenen Gesellschaftsschicht einzuräumen, wie ohnehin offenkundig war. Selbiges galt etwa für Marion Gräfin Dönhoff und ihre versuchte Ehrenrettung des Adels.

Heute sitzt wieder eine Partei im Deutschen Bundestag, deren führende Vertreter all das rückgängig machen wollen. Nicht weniger als eine „erinnungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, mit dem dortige FDP- und CDU-Vertreter Anfang Februar 2020 gemeinsame Sache machen wollten. Eine Partei, deren Ehrenvorsitzender Gauland „stolz“ sein will auf „Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Es sind der grauenvollen Zitate viele mehr. Sie gehörten mittlerweile zum Grundinventar tagespolitischer Diskussionen. Indes – und das ist das Neue – führte keine dieser Entgleisungen zu Rücktritten oder Einbrüchen in der Wählergunst, so wie es in der alten Bundesrepublik der Fall gewesen wäre. Im Gegenteil: Die größten Wahlerfolge erzielte die AfD im Jahre 2019, als die Partei längst in den Radikalisierungssog des „sozialpatriotischen“ Höcke-Flügels geraten war.

Viel ist in diesem Milieu von einem „verrotteten“, „morschen“ und „verfaulten System“ die Rede, das es nun endlich zu überwinden gelte, notfalls mit Gewalt. Es handelt sich um die „Gedankenwelt der westlichen Demokratien und des Parlamentsstaates“, die selbst der Philosoph und Widerstandskämpfer der Weißen Rose, Kurt Huber, für „überlebt“ erklärt hatte. Gegen diese Gedankenwelt hatte auch Thomas Mann bekanntlich in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1917) gewettert.

Eine prägende Lesart dieses Buchs liefert wiederum Klaus Mann im „Wendepunkt“, als er das „eigentümliche Produkt jener schlimmen Jahre“ als „ein großes Rückzugsgefecht“ beschrieb: „literarisch beurteilt, ein Meisterstück, ein glanzvoller tour de force; vom politischen Standpunkt, eine Katastrophe.“ In seinem treffsicheren Urteil unterstellt der Sohn dem Vater, bereits „geahnt“ zu haben, dass die Werte, die er hier preist, „von der Geschichte“ und „vom Leben verurteilt“ sind: „Er meint, eine edle Dame, «Kultur» genannt, zu verherrlichen und zu beschützen, während er in Wahrheit für recht unedle Interessen und Kräfte eine wohlgeschärfte Lanze bricht.“

Ein junger europäischer Intellektueller

Das Bewusstsein für Strömungen und Unterströmungen, die Fähigkeit zur Differenz und analytischen Durchdringung der Gegenwart zeigte Klaus Mann auch bei seinem Urteil über die deutsche Jugendbewegung, die bei den Wandervögeln zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Anfang genommen hatte: „Ohne Frage, die romantische Rebellion gegen unsere mechanisierte Epoche enthielt zukunftsträchtige, wahrhaft progressive Elemente; gleichzeitig aber barg sie auch den Keim des Unheils.“ Die Wandervögel hätten sich nicht damit begnügt, „eine verkalkte und verspießte ältere Generation mittels ausgefallener Trachten und Frisuren zu schockieren; vielmehr machte man sich mit einer «Weltanschauung» wichtig, in der die mannigfaltigsten Stimmungen und Tendenzen wirr durcheinandergingen. Fortschrittsfeindliche, nationalistisch-rassistische Neigungen, die schon bei den ideologischen Begründern der Jugendbewegung (…) spürbar gewesen waren, nahmen bald überhand. Schließlich zerfiel die «Revolution der Jugend» in eine Vielfalt politisch bestimmter Gruppen, von denen die einflussreichsten sich als Wegbereiter des Nationalsozialismus erweisen sollten.“

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Klaus Mann stand als freiheitsliebender Mensch nicht in Gefahr, den autoritären Versuchungen seiner Epoche zu erliegen. Seine Ablehnung erfolgte zunächst aus ästhetischen und weniger aus genuin politischen Gründen. Italien, das er Mitte der 1920er Jahre bereiste, wollte ihm trotz der kulturellen Reichtümer keine rechte Freude bereiten. Grund: Der Faschismus. „Ich hasste ihn damals, im Jahre 1925, wie ich ihn heute hasse, nur, dass zu jener Zeit meine Aversion durchaus instinktiver oder emotioneller Natur war, ohne intellektuelle Grundlage. Noch fehlte mir jede Vorstellung von den infernalischen Methoden und Konsequenten der faschistischen Diktatur; aber ich hatte doch genug Geschmack und Sensibilität, um an den prahlerischen Gesten, der großtuerischen Brutalität des faschistischen Stils Anstoß zu nehmen.“

Klaus Mann gehörte zu jenen, die über das drohende Unheil hinausdachten. „Ein junger europäischer Intellektueller“ wurde ihm als Formel „beinah so etwas wie ein Programm.“ „Europäisch“ als Statement gegen „Nationalismus“ und „Intellektueller“ als Abgrenzung gegen die „«Blut-und-Boden-Romantik» der deutschen Reaktionäre“. „Ich fühlte mich der Nation nicht zugehörig“, schreibt er später, „schon deshalb nicht, weil ich den Begriff des Nationalstaats überhaupt als überholt empfand und an die Notwendigkeit übernationalen Zusammenschlusses glaubte.“ In diesem Sinne hätten die „Repräsentanten dieses Nationalismus“ durchaus recht, wenn sie seinesgleichen als „entwurzelt“ bezeichneten: „Ich hatte keine Wurzeln, wollte keine haben, in dem Boden, den jene, charakteristischerweise, so gerne in Zusammenhang mit Blut brachten: dem Blute nämlich, mit dem sie ihren geliebten Boden tränken wollten.“

Fast Forward in das Jahr 2018, in dem AfD-Seniorchef Alexander Gauland in einem FAZ-Meinungsbeitrag erklärt, warum der neuen „globalen Klasse“, „Menschen aus der Wirtschaft, der Politik, dem Unterhaltungs- und Kulturbetrieb – und vor allem der neuen Spezies der digitalen Informationsarbeiter“, die „in einer abgehobenen Parallelgesellschaft“ lebten und die „kulturell und politisch den Takt“ vorgäben, warum dieser Gruppe nur mit Populismus begegnet werden könne.

Man musste da bei der offenkundigen Parallelität, die den gemeinsamen Denkursprung zu keinem Zeitpunkt verbergen kann, kaum mehr Hitler selbst zitieren, der im September 1933 vor Arbeitern in Berlin Siemensstadt erklärt hatte: „Es ist eine wurzellose internationale Clique, die die Völker gegeneinanderhetzt. Es sind das die Menschen, die überall und nirgendwo zu Hause sind, die nirgends einen Boden haben, auf dem sie gewachsen sind, sondern die heute in Berlin leben, morgen in Brüssel sein können, übermorgen in Paris und dann wieder in Prag oder in Wien oder in London, und die sich überall zu Hause fühlen.“

Ist es nicht ganz wunderbar, was dagegen Klaus Mann schreibt und nicht nur ERASMUS-Austausch-Studenten von heute selig vertraut sein muss? „Man verstand sich“ unter der Jugend Europas, „ob man nun das Französische mit deutschem Akzent sprach oder in einem etwas holprigen Englisch miteinander plauderte; man konnte beim anderen stets gewisse Erfahrungen und Kenntnisse voraussetzen, die einem selber wesentlich waren; man liebte die gleichen Dichter, die gleichen Maler und Komponisten, die gleichen Landschaften, Rhythmen, Spiele und Gebärden.“ Man ersetze die Worte durch „die gleichen Bands“, „Netflix-Serien“, „Playstation-Spiele“ und „Tourismus-Destinationen“ und man hat die alles in allem glückliche Gegenwart vor sich.

Es ist hingegen eine Schwundstufe der schlimmen Kategorisierungen von „Globalisten“ gegen die „einfachen Leute“, wenn auch in linken Diskursen der Gegenwart „Kommunitaristen“ gegen die vermeintlich abgehobenen „Kosmopoliten“ (für die Qualifizierung als solcher reicht es manchmal schon, Englisch zu sprechen) in Stellung gebracht werden. Für Klaus Mann indes bedeute seine weltoffene „Entwurzelung“ in einer insgesamt doch feindlichen Umgebung freilich weiteren Anlass, am Ende völlig den Halt zu verlieren. Mit seiner fragilen Ich-Konstitution suchte der Rastlose im Offenen, dem er sich hingab, am Ende nur noch Ruhe: „Doch Ruhe gibt es nicht, bis zum Schluss.“

Die Schrift an der Wand

Doch wir greifen voraus: Zu den eindrucksvollsten Kapiteln im „Wendepunkt“ gehört das Achte, das den Weg des aufkeimenden Nationalsozialismus in den Jahren 1930-1932 nachzeichnet und mit seinen zahlreichen Beispielen für unerhörte Beschwichtungen gerade heute wieder zu schockieren vermag: „Wir weigerten uns noch immer zuzugeben, dass irgendeine politische Partei, eine Bande von Abenteurern und Fanatikern, die sich prahlerisch «Nationalsozialisten» bezeichneten, dazu imstande sein sollten, den gesamten Bestand abendländischer Werte und Traditionen in Frage zu stellen. In unserer Bedrängnis und Ungewissheit durchsuchten wir die Geschichte nach Analogien, mit deren Hilfe die eigene Situation sich leichter verstehen und ertragen ließ.“

Damals wie heute, denkt der Leser des Jahres 2020, blühten die Fehlurteile und Vergleichsverbote im Stile von: „Es ist doch nicht jeder, der (…), gleich ein (…)“.

Klaus Mann: „Selbstgerechtigkeit und Schwäche, Streitsucht und Dummheit in unseren Reihen wurden zum mächtigsten Bundesgenossen des Feindes. Das Gift kulturfeindlicher Reaktion korrumpierte nicht nur das politische Leben, sondern begann auch schon, auf die Gesinnungen und Ideen der sogenannten «liberalen» Intelligenz zersetzend einzuwirken.“

In einer Zeit, in der der politische Liberalismus in Deutschland in Form der FDP zu einer Art AfD-light degeneriert, in der unter „Demokratie“ nicht mehr länger deliberative Kompromissfindungsprozesse mit Minderheitenschutz und konstitutionellen Beschränkungen, sondern zunehmend wieder identitäre Vorstellungen von „Volksherrschaft“ auf der Basis situativer Mehrheiten verstanden wird, hallen diese Worte als eindrückliche Warnungen zu uns hinüber. All die Ernst-Jünger-Apologeten, die Brückenbauer nach rechts, die Botho Strauss, Tellkamp, Maron, Safranski, Sloterdijk, die Aufwiegler vom CICERO, von Tichys Einblick, von Achgut.com, die Querfrontler von den Nachdenkseiten, die Rechte-Reste-Verwerter von The European (der eigentlich The Nationalist heißen sollte) – all diese Publikationen sind doch längst in Schlagweite des true stuff von Compact über die Publikationen des Antaios- bis zu denen des KOPP-Verlags.

„Mit Rechten reden?“ Aber nur, wenn es sein muss. Klaus Mann jedenfalls fing Anfang der Dreißigerjahre die „Begriffsverwirrung im eigenen Lager (…) nachgerade an“, „erheblich zu irritieren.“ Da war etwa der Arzt und Lyriker Gottfried Benn, der die Idee des Fortschritts „als die größte Vulgarität der menschlichen Geschichte“ diffamierte. Die „gerechte Verteilung der irdischen Güter“ schien ihm in den Worten von Klaus als „schales Neunzehntes Jahrhundert“ und „öde Humanitätsduselei“. Später, als die Würfel bereits gefallen waren und Benn offen Partei für die Nazis ergriff – er sollte das später bereuen – da fragte Mann eine Frage, die man auch heute manchem Beitragenden zu oben genannten Publikationen stellen möchte: „In welcher Gesellschaft befinden Sie sich dort? (…) Wie viele Freunde müssen Sie verlieren, indem Sie solcherart gemeinsame Sache mit den geistig Hassenswürdigen machen – und was für Freunde haben Sie am Ende auf dieser Falschen Seite zu gewinnen? Wer versteht Sie denn dort?“

Der Antwortbrief vom 24. Mai 1933, im Rundfunk öffentlich verlesen, ein Dokument der Niedertracht:

„Denen also (den linken Intellektuellen – K. A.) würde ich mitteilen, dass es dem deutschen Arbeiter heute besser geht also zuvor. Sie wissen, dass ich als Arzt mit vielen Kreisen, als Kassenarzt mit vielen Arbeitern in Berührung komme, auch mit früheren Kommunisten und Angehörigen der SPD, es kann gar nicht zweifelhaft sein, ich höre es von allen, dass es ihnen besser geht als zuvor. Sie werden in ihren Betrieben besser behandelt, die Aufsichtsbeamten sind vorsichtiger, die Personalchefs höflicher, die Arbeiter haben mehr Macht, sie sind besser geachtet, sie arbeiten in besserer Stimmung, in Staatsbürgerstimmung, und was die sozialistische Partei ihnen nicht erkämpfen konnte, gab ihnen diese neue nationale Form des Sozialismus: ein sie bewegendes Lebensgefühl.“

Auch heute steht – wir lasen es, wir wissen es  ein „nationaler Sozialismus“ im Raum, der gerade der politischen Linken das Leben zusätzlich schwer macht. Doch statt Grenzen aufzuzeigen, wird vielerorts noch die geschmackloseste Äußerung und das widerlichste Gebaren in den Ruch legitimen Bürgerprotests gerückt und als demokratische Meinungsäußerung geadelt. Die Begriffsverwirrung hat bereits wieder derartige Fortschritte gemacht, dass trotz dieser tausendfachen Grenzüberschreitungen im Jahre 2019 monatelang über eine gefährdete Meinungsfreiheit in Deutschland, über angebliche „linke Meinungskorridore“ und „Denkverbote“ im „gesellschaftlichen Mainstream“, denen man nicht ungestraft wiedersprechen könne, diskutiert wurde.

Doch zurück zu Klaus Mann: Neben Figuren wie Benn, die dem Nationalsozialismus eine gewisse „diabolische Sympathie“ entgegenbrachten, gab es auch Menschen wie Stefan Zweig, die vor lauter Anstand noch dem „Todfeind“ gegenüber, „objektiv“, „verständnisvoll“ und „gerecht“ bleiben wollten. Dieser sah im 18-Prozent-Ergebnis der NSDAP bei den Reichstagswahlen 1930 eine „vielleicht unkluge, aber im Innersten natürliche und durchaus zu bejahende Revolte der Jugend gegen die hohe Politik“.

Klaus_Mann

Klaus Manns Antwort darauf, brillant, zeitlos gültig, schlauer als so viele andere: „Mit Psychologie kann man alles verstehen (…). Ich wende sie aber nicht an, diese Psychologie. Ich will jene nicht verstehen, ich lehne sie ab. Ich zwinge mich zu der Behauptung, obwohl sie gegen meine Ehre als Schriftsteller geht, dass das Phänomen des hysterischen Neonationalismus mich nicht einmal interessiere. Ich halte es für nichts als gefährlich. Darin besteht mein Radikalismus.“

Begriffsverwirrungen

Aber es ging ja immer weiter und weiter. „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht“, sagte bekanntlich der Vizekanzler der Jahre 1933-1934, Franz von Papen, noch nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und steht mit diesem desaströsen Fehlurteil stellvertretend für breite gesellschaftliche Schichten, die sich – in den Worten Klaus Manns – als „Eingeweihte“ und „Realisten“ ausgaben: Hitler sei eigentlich nicht wirklich „an der Macht“, vielmehr gäben Schwerindustrie und Generalstab den Takt vor. „Antisemitische Exzesse (besonders, wenn sie reiche Juden betrafen), SA-Terror, Brechung der Zinsknechtschaft, Massenhysterie, all dies war gar nicht im Sinn der Industriellen.“ Eine Diktatur war in den Augen der Solches Wissenden ganz ausgeschlossen. Reichspräsident Hindenburg „würde Hitler nie berufen haben, wenn er nicht gewisse Garantien hätte …“

Die NSDAP ist nicht die AfD. Die Bundesrepublik Deutschland steht im 71. Jahr ihres Bestehens nicht am Ende von Weimar. Damalige Denkmuster jedoch finden sich in der Gegenwart erneut zuhauf. Ein Schnelldurchlauf der Entwicklung seit 2013 könnte in etwa so aussehen: „Man muss die ja jetzt nicht alle in die rechte Ecke stellen“, „Es sind doch nicht alles Nazis“, „Das kann man mit den 1930er Jahren gar nicht vergleichen“, „Vielleicht haben wir es ja auch echt übertrieben mit der Political Correctness“, „Jetzt gibt es wenigstens wieder eine Alternative“, „Bei der Radikalisierung, werden die eh bald wieder in der Versenkung verschwinden“, „Denen wird es gehen, wie NPD, DVU und Republikanern vor ihnen“, „Parlamentsdebatten sind jetzt wenigstens wieder spannend“, „Die haben ihren Höhepunkt längst erreicht. Das Potential ist ausgeschöpft“, „Immerhin ist die Bevölkerung politisiert wie lange nicht und die Wahlbeteiligung steigt“, „Immerhin haben 90% die nicht gewählt“, „Immerhin haben 80% die nicht gewählt“, „Immerhin sind sie nicht stärkste Partei geworden.“

Begriffsverirrungen und -wirrungen all das, die Klaus Mann sofort durchschaut hätte. Muss eigens betont werden, dass das, was eigentlich „Wahrheit“ ist, zu Beginn der Dreißigerjahre ebenfalls immer wackeliger wurde? Gut achtzig Jahre vor Fake News und „alternativen Fakten“ gerieten die Dinge ebenfalls ins Wanken: „Früher begnügte man sich wohl damit, die Wahrheit ein wenig zu färben, zu retouchieren, sie im Interesse der eigenen Sache zurechtzubiegen; jetzt aber kehrt man sie einfach um, stellt sie glatt auf den Kopf, behauptet das Gegenteil von dem, was richtig ist. «Jüdischer Hausierer beißt deutschen Schäferhund!» Warum sollte diese vielzitierte Pointe nicht wirklich aus einem Goebbels-Blatt stammen?“

Diese Klarheit des Urteils verlässt Mann auch in den Jahren des Exils nicht. Sie lässt ihn auch die Unzulänglichkeiten des Marxismus bereits in der Theorie erkennen und das politische System der real existierenden UdSSR kritisieren, lange bevor die Grauen des Gulags und des stalinistischen Terrors publik geworden waren. Sie führt ihn letztlich auch dazu, sich freiwillig für die US-Armee zu melden: „Ein Krieg der unvermeidlich geworden ist, lässt sich nicht mehr ablehnen, sondern nur noch gewinnen.“ Den Krieg gegen sich selbst verlor dieser wache Denker schließlich selbst. Seine Warnungen jedoch erwiesen sich als sehr berechtigt. Der Wendepunkt kam, wenn nicht für ihn, so doch für die Welt. Es liegt an uns, dass es so bleibt.

2 Kommentare

  1. Danke für diese Erinnerung an einen großen, interessanten Europäer. Ich habe ihn immer gern gelesen. Ich sehe den „Wendepunkt“ immer noch als sehr gefährdet an. Demokratie ist eine schwierige Sache, die sich immer wieder bewiesen, die erfahren und immer wieder neu umgesetzt werden muss. Gerade in den neuen Krisen: der Klima- und der Coronakrise werden auch aus „linken“ Kreisen Rufe nach „Notstandsgesetzen“ und einem „harten Durchgreifen“ laut. Da sollen die ewigen Nörgler und Kritiker an der schönen neuen Welt des Mundschutzes für alle und des grünen Kapitalismus ihrer normalen demokratischen Diskurs- und Mitsprachemöglichkeiten beraubt werden. Es findet kein Ausstausch von sachlichen Argumenten statt, sondern es werden z.T. quasireligiöse Glaubenssetzungen vorgenommen. (Das betrifft vor allem die so genannte Energiewende). Anstatt bestimmte anti-demokratische und im Kern verfassungsrechtlich bedenkliche Tendenzen zu analysieren oder auch nur wahrzunehmen, werden den Kritikern Klimaleugnung (was für ein dummes Wort- dass es ein Klima gibt, egal wie es ausfällt, wird niemand leugnen) und Nähe zu rechten Parteien unterstellt. Über die Neu-Rechten und die AFD kann man bei den Themen Demokratie und Menschenrechte schweigen. Da ist kein Ansatz vorhanden. Die Höcke-Partei dürfte in keinem Parlament sitzen. Sie ist verfassungsfeindlich! Demokratie, Diskurs und die Univeralität von Menschenrechten müssen dennoch von links und rechts immer wieder neu gelernt werden. Und dazu gehört vor allem Selbstkritik und die „Bedienung“ des eigenen Verstandes. Das fehlt beides bei den „Glaubensbrüdern- und schwestern“, die an einem Parteiprogramm hängen wie früher die Katholiken an ihrem Glaubensbekenntnis.

    1. Herzlichen Dank für diesen Kommentar und die Einordnungen!

      Ich bin, was die Qualität des Corona- und Klima-Diskurses angeht, tatsächlich etwas positiver gestimmt: Sicher gibt es all das, was Sie beschreiben. Der exponentielle Anstieg an Diskursteilnehmern führt halt auch dazu, dass die Qualität im Durchschnitt abnimmt. Deshalb findet man heute für jede noch so weit hergeholte Meinung mindestens ein Beispiel. Dieses Beispiel wird dann tausendfach geteilt und verbreitet, weil sich alle drüber aufregen, und wiederum alle denken dann, wie bekloppt wiederum alle geworden sind und so machen wir uns die Stimmung schlechter als die Lage.

      Was die „Gefährdung des Wendepunktes“ angeht, sind wir einer Meinung. Ich hoffe, es ist im Text deutlich geworden, wo ich Parallelen sehe.

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