Das deutsche Elend revisited: Bücher zum Nationalsozialismus

Es war der 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung, der mich noch einmal neu dazu bewegt hat, das deutsche Elend in seinem ganzen Ausmaß zu betrachten. Lücken schließen, tiefer graben und auch dahin gehen, wo ich zuvor aus verschiedenen Gründen nicht hinwollte. Hier eine vorläufige Auswahl.

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Weisse Rose

Maxim Biller schreibt in einem seiner Essays von den „tollen, klugen, idealistischen Geschwister Scholl“. Wenn der strenge Biller das sagt, entbrennt mein Interesse neu. Nach der Lektüre der von Ulrich Chaussy und Gerd R. Ueberschär herausgegebenen Materialsammlung „Es lebe die Freiheit!“ erhellt sich dieses Urteil. Wie heterogen die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ doch war! Die natürliche Klarheit der Sophie („Das ist alles nur möglich gewesen, weil keiner etwas getan hat. Und ich muss einfach etwas machen“), der eher grübelnde, aber gleichsam entschlossene Hans, der zurückhaltende, dreifache Familienvater Christoph Probst, der russischstämmige Romantiker Alexander Schmorell und der christlich motivierte Wilhelm Graf.

Dazu aber auch die überaus ambivalente Figur des assoziierten Professors Kurt Huber, der im Verhör aussagte, mit dem „Führerprinzip“ und der „Hervorhebung des germanisch-rassischen Standpunkts“ (…) „durchaus“ übereinzustimmen; der „nicht entfernt an einen Rückfall in die überlebte Gedankenwelt der westlichen Demokratien und des Parlamentsstaates“ denken wollte; der das Führerprinzip allerdings eher als eine Art Basisdemokratie verstand, die er in mythisch verklärter Thing-Germanen-Urzeit ausmachte, wohingegen ihm der real existierende Nationalsozialismus als „sozialistisch“, „geistig nivelliert“ und geradezu „bolschewistisch“ schien. Vieles von dem, was Huber hier zu Protokoll gab – die Verhörsituation muss in Rechnung gestellt werden, die Aussagen unterscheiden sich jedoch nicht von seinen sonstigen Äußerungen – findet sich in heutigen neurechten Publikationen. Es ist der verzweifelte Versuch, zu retten, was zu retten ist, und ein rechtsextremes Weltbild ohne Nazis zu zimmern.

Was die Geschwister Scholl angeht, ist Thomas Mann zuzustimmen, der seine deutschen Hörer in einer BBC-Rundfunkansprache vom 27. Januar 1943 nach ihrer Verhaftung und Hinrichtung wissen ließ: „Brave, herrliche junge Leute! Ihr sollt nicht umsonst gestorben, sollt nicht vergessen sein.“

Gut ein halbes Jahr zuvor, hatte es im Flugblatt Nr. 2 der Weißen Rose unübertroffen und bis heute gültig geheißen:

„Man kann sich mit dem Nationalsozialismus geistig nicht auseinandersetzen, weil er ungeistig ist. Es ist falsch, wenn man von einer nationalsozialistischen Weltanschauung spricht, denn wenn es diese gäbe, müsste man versuchen, sie mit geistigen Mitteln zu beweisen oder zu bekämpfen – die Wirklichkeit aber bietet uns ein völlig anderes Bild: schon in ihrem ersten Keim war diese Bewegung auf den Betrug des Mitmenschen angewiesen, schon damals war sie im Innersten verfault und konnte sich nur durch die stete Lüge retten.“

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Höss

Es ist dann – im direkten Vergleich, aber auch ohnedies – ein tiefer Fall, eine Zumutung, ein durchgehend ekelhaftes Ärgernis, sich mit den von Martin Broszat bereits 1958 herausgegebenen „Autobiografischen Aufzeichnungen“ des Lagerkommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, auseinanderzusetzen. Abgefasst wurden sie in polnischer Haft vom September 1946 bis Januar 1947, bevor Höß schließlich am 14. April 1947 an der Hauptstätte seines grauenvollen Wirkens, in Auschwitz selbst, hingerichtet wurde.

Broszats Einleitung – selbst bereits historisch – besorgt dennoch bereits alle wesentlichen Einordnungen. Von einem „erschreckend leeren Ich“ ist die Rede: „Der halbgebildete Höß mit seinen konfusen Idealen, seinem handfesten Draufgängertum, seiner naiven Autoritätsgläubigkeit, der in seelisch-moralischer Dumpfheit und ehrgeiziger Strebsamkeit Himmlers vorzügliches Werkzeug bei den Verbrechen des Regimes wird, um dann erschrocken zu erfahren und nie ganz zu begreifen, dass seine Pflichterfüllung Verbrechen war, dies ist kein psychologischer Sonderfall, sondern bei all seiner individuellen Zuspitzung Ausdruck sehr viel weiter reichender Verfehlung, Blindheit und Sinnverkehrung während der Hitlerzeit.“

Wenn man drei Seiten in diesen Aufzeichnungen gelesen hat, und bereits ganz viel von „Pflichterfüllung“, „Ordnung und Sauberkeit“, „Einsamkeit“, „Tierliebe“, „Scheu vor Menschen“ sowie „Abneigung gegen Zärtlichkeiten“ gelesen hat, dann möchte man das Buch wütend wegschmeißen, wenn Höß später bei Gefängnisinsassen, über die er sich Gedanken macht, viel „Material für Psycho-Analytiker und Soziologen“ zu erkennen meint.

Und wenn Lesende sich dann durch diese Seiten gekämpft haben und bereits beschmutzt, angewidert und elend sind, dann schafft es Höß am Ende tatsächlich noch, mit einer grausamen Pointe seine Verblendung auf die Spitze zu treiben: „Heute sehe ich auch ein, dass die Judenvernichtung falsch, grundfalsch war. Gerade durch diese Massenvernichtung hat sich Deutschland den Hass der ganzen Welt zugezogen. Dem Antisemitismus war damit nicht gedient, im Gegenteil, das Judentum ist dadurch seinem Endziel viel nähergekommen.“

Es gibt keine Worte, hierauf angemessen zu reagieren. Aber wenn heute ein Politiker, mit dem CDU und FDP in Thüringen gemeinsame Sache machen wollten, eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert oder innerparteiliche Gegner „ausschwitzen“ will, dann wird vielleicht (wieder) klarer, worum es eigentlich geht.

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bauer

Dies alles gelesen habend, muss die Lektüre des ungemein beeindruckenden Bandes „Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht“ von Ronen Steinke noch mehr bewegen. Der Dienst, den Fritz Bauer der Bundesrepublik getan hat, kann gar nicht hoch genug gewertet werden. Und es ist eben kein Zufall, dass das SPD- und Reichsbanner-Schwarz-Rot-Gold-Mitglied und der bekennende Atheist und Humanist Bauer jüdischer Abstammung war.

Kein anderer, nach Nürnberger Kriterien „deutschblütiger“ Generalstaatsanwalt schaffte oder versuchte auch nur, was er unter großem persönlichem Einsatz möglich machte. Dabei musste Bauer in der nazidurchsetzten frühen Bundesrepublik seine jüdische Herkunft fast noch verstecken, um nach wie vor virulente Stereotypen wie das vom „alttestamentarischen Rachejuden“ nicht noch zusätzlich zu bedienen.

Steinke gelingt es, dieses Leben in eine atmosphärisch dichte Erzählung zu packen, die justizgeschichtliche Entwicklungen allgemeinverständlich transportiert und dem Leser den Mensch Bauer näherbringt. Schon mit dem Remer-Prozess 1952 gegen einen Anführer der später verbotenen, rechtsextremen Sozialistischen Reichspartei (SRP) gelang Bauer ein früher erinnerungskultureller Coup avant la lettre. Zumindest vorübergehend konnte man nicht mehr wegschauen, wenn deutsche Verbrechen öffentlich verhandelt wurden. Hinzu kommt die tragende Hintergrundrolle bei der Verhaftung Adolf Eichmanns, die im treffend betitelten Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ im Mittelpunkt steht und die auch hier luzide nachgezeichnet wird.

Das „Hauptwerk“ bildet jedoch fraglos der große Auschwitz-Prozess von 1963-1965, durch den der Leser noch einmal das kalte Grauen erfährt, wenn die Massenmörder und Folterknechte, die sich in ihren kleinbürgerlichen Existenzen eingerichtet hatten, angeklagt werden, meist skandalös schuldfrei davonkommen, und keinem auch nur die geringste Reue zu entnehmen ist.

Allem dummdreisten Gerede von „Eiden“, die nun einmal auf den „Führer“ geschworen worden waren, hatte Bauer da schon lange den Garaus gemacht: „Eine eidliche Verpflichtung zum unbedingten Gehorsam nicht gegenüber Gott, Gesetz oder Recht oder Vaterland, sondern gegenüber einem Menschen ist in der deutschen Rechtsgeschichte vor Hitler unbekannt und unsittlich.“

Warum etwa ein Bodo Ramelow, der Ministerpräsident des Freistaats Thüringen, heute von der DDR nicht als „Unrechtstaat“ sprechen will, bekommt noch einmal eine unmittelbare Plausibilität, wenn Bauer in seinem großen Plädoyer sagt: „Der nationalsozialistische Staat war seinem Inhalt nach ein Unrechtsstaat“ und „Ein Unrechtsstaat wie das Dritte Reich ist überhaupt nicht hochverratsfähig.“

Im Anschluss an Bauers Idol, den SPD-Justizminister des Weimarer Zeit, Gustav Radbruch, lautet sein Resümee: „Man hat in Deutschland zwar den Heldenmut gefeiert; es gab Mut und Courage in jeder Richtung gegenüber dem äußeren Feind. Man hat aber völlig übersehen, dass es ehrenhaft ist, dass es Pflicht ist, auch in seinem eigenen Staat für das Recht zu sorgen. Deswegen ist es das A und O dieser Prozesse zu sagen: Ihr hättet Nein sagen müssen.“

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