Wahrheiten in Zeiten der Corona-Krise

Wie schnell sich die Dinge ändern: Wurde die öffentliche Debatte im Februar noch durch die Auswirkungen des Thüringen-Debakels bestimmt, herrscht seit gut zwei Wochen die Corona-Krise über unser Leben. Schlagartig hat sich dadurch die Tonlage geändert. Nicht mehr die teils schrillen Töne im Kampf zwischen Rechtsradikalen und „Etablierten“ dominieren im Chor, es sind jetzt Virologen und Wissenschaftsjournalisten, denen naturgemäß die größte Aufmerksamkeit zukommt. Mit ihrer der Lage angemessenen Ernsthaftigkeit zwingen sie uns Entschleunigte in unseren häuslichen Exilen, endlich wieder über Grundsätzliches nachzudenken, etwa über den Begriff der Wahrheit.

Mit dem ist es nämlich so eine Sache: Gemeinhin meint Wahrheit die Übereinstimmung von Aussagen oder Urteilen mit einem Sachverhalt, einer Tatsache oder der Wirklichkeit. Das sind nun aber gleich so viele definitionsbedürftige Begriffe, dass jede konkrete Anwendung auf einen Sachverhalt, eine Tatsache oder gar auf die Wirklichkeit notwendigerweise zu einem Dissens führen muss. Das ist bereits zwischen zwei Menschen so, und erst recht in menschlichen Gesellschaften, in denen sich nicht jeder persönlich kennen kann.  Das Zusammenleben wird vielmehr durch gemeinsame Glaubenssätze und Gesellschaftsverträge geregelt und durch Institutionen durchgesetzt, die von den Bürgerinnen und Bürgern autorisiert wurden.

Sämtliche im Bundestag vertretenen Parteien verzichten in ihren Grundsatzprogrammen auf letzte Wahrheiten – mit Ausnahme der AfD, die bereits früh mit dem Slogan „Mut zur Wahrheit“ warb. Die Probleme der Rechtsradikalen mit der parlamentarischen Demokratie rühren nicht zuletzt daher, dass sie für sich in Anspruch nehmen, grundlegende Wahrheiten zu benennen, die von den anderen Parteien „verschwiegen“ würden. Daher kommt die Präferenz für alles Plebiszitäre, Zwischeninstanzen wie Parlamente, Justiz oder Medien Umgehende sowie die Unfähigkeit, sich als eine Partei unter vielen zu verstehen, die eben nur einen Teil (lat.: pars) der Wahrheit repräsentiert.

Durch den Aufstieg des Rechtspopulismus waren öffentlichen Debatten nun viele Jahre durch Begriffe wie „Alternative Fakten“ und „Fake News“ geprägt. Nazi-Begriffe wie „Systempresse“ erlebten eine unheilvolle Renaissance. In den USA wurden liberale Medien von höchster Stelle als „Volksfeinde“ tituliert. Es fand in gewisser Weise eine Beweislastumkehr statt: Diejenigen, die sich professionell mit einem Thema beschäftigt hatten, gerieten in den Ruf, zu eng zu denken, nicht offen zu sein für andere Möglichkeiten, reflexhaft-ablehnend auf neue und „zusätzliche“ Quellen, vornehmlich aus dem Internet, zu reagieren. Auf der anderen Seite gerierte sich plötzlich der sich abseitig Informierende als Freidenker, als Selbstdenker, der sich radikal-emanzipatorisch gab und sich nichts mehr „vormachen“ ließ. Die allumfassende Kritik am Bestehenden, das permanente Hinterfragen hergebrachter Leitsätze entfaltete jedoch keine emanzipatorische, sondern eine realitätsauflösende, „post-faktische“ Wirkung. Begriffe wurden unentwegt und ganz bewusst sturmreif geschossen.

Diese Entwicklung kulminierte bereits 2016 in dem Ausspruch des britischen Justizministers und Brexiteers Michael Gove, die Menschen in Großbritannien hätten genug von Experten, die sowieso meist falschlägen. Auch wenn die Aussage seinerzeit mit viel Hohn und Spott bedachte wurde: Lag der Mann eigentlich so falsch? Waren es nicht ebenfalls Experten, die die gesamten Neunziger- und frühen Nullerjahre Deregulierung, Privatisierung und den schlanken Staat gepredigt hatten? Die jegliche Kritik an diesen Vorgängen als „ideologisch“ begründet brandmarkten? Die zum Verkauf von Krankenhäusern, zur Ausdünnung der Verwaltung, zum Personalabbau bei Polizei und Justiz drängten? Waren es nicht Experten, die Anleger in immer waghalsigere Finanzkonstrukte lockten und noch jede kleinstädtische Verwaltung ihr Glück mit Credit Default Swaps versuchen ließ, bis ihnen der ganze Spuk 2008 schließlich auf die Füße fiel? Und waren es nicht auch Experten, die den Kleinunternehmern in der anhaltenden Niedrigzinsphase dazu rieten, bloß zu investieren und möglichst kein Geld auf der hohen Kante liegen zu lassen, wodurch viele Selbständige jetzt bereits nach zwei Wochen Corona-Krise vor dem Ruin stehen und mit Steuermilliarden durchgebracht werden müssen?

Das Menschenbild, das vielen der Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte zugrunde lag, war das des homo oeconomicus, wonach jedes Individuum letztlich nur ein rationaler Nutzenmaximierer sei. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hatte in seinem letzten Buch bemerkt, dass es erkennbar zu kurz gedacht sei, einem Hedgefonds-Manager, Mutter Theresa oder einem Selbstmordattentäter zu attestieren, dass sie nur ihren eigenen Nutzen maximieren wollten. Da die Modelle der Ökonomen also erkennbar am Leben vorbeigingen, trafen ihre Vorhersagen oft nicht zu oder richteten im Gegenteil zusätzlichen Schaden an. Stellvertretend seien die Fehldeutungen und nicht eingetroffenen Krisenszenarien des Hans-Werner Sinn, des ehemaligen Chefs des Münchner Ifo-Instituts, genannt. Obwohl diese mittlerweile Legion sind, hat das der Talkshow-Tauglichkeit des meinungsstarken Ökonomen keinen Abbruch getan.

Wahrheiten, um zum Ausgangsthema zurückzukommen, gab es in den Wirtschafts- und Finanzwissenschaften demnach eher selten zu entdecken. Von den Geisteswissenschaften hatte das ohnehin niemand erwartet: Wer sich etwa ansieht, wie umstritten die Schuld für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, mithin der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ und damit Ausgangspunkt etlicher unserer gegenwärtigen Probleme, heute unter Historikern immer noch ist, wird hier keine schnelle Klärung erwarten. Es gilt weiterhin das Falsifikationsprinzip, wie es insbesondere der Philosoph Karl Popper ausformuliert hat: Eine Hypothese kann niemals bewiesen, aber gegebenenfalls widerlegt werden. Eng verwandt ist der Ausspruch des Statistikers George Box: „Ihrem Wesen nach sind alle Modelle falsch, aber einige sind nützlich“.

Hier liegt der grundlegende Denkfehler der Möchtegernwahrheitskenner der AfD: Mit ihrem Versuch, eine wahrheitsverhaftete, nicht-kontingente Vergangenheit zu rekonstruieren, die es so nie gegeben hat, stemmen sie sich gegen eine Welt, die mit aller Macht in die Wahrheits-Pluralität, in die Wahrheiten-Koexistenz, in die Ambiguität, in das Vorläufige, in das Verbesserungswürdige drängt. Dabei verrät sie regelmäßig ihr Vokabular, wenn es heißt, man könne schließlich „rechnen“. Egal ob bei der Migrationskrise oder beim Klimawandel – das eigene „Rechnen-können“ wird hier zum Synonym für mathematisch zwingende und sachlogisch unumgängliche Ansichten. Dieses Denken ist erkennbar mit der „Alternativlosigkeit“ der frühen und mittleren Kanzlerschaft Angela Merkels verwandt. Darauf hat bereits die Politikwissenschaftlerin Astrid Séville in ihrem Buch „Der Sound der Macht“ hingewiesen. Doch ebenso wie das TINA-Prinzip („There Is No Alternative“) ist die Wahrheit der Rechtspopulisten letztlich eine undemokratische Erscheinung – und außerdem sachlich falsch. Denn selbst in den Naturwissenschaften können „wahre Werte“ mittels Messen lediglich angestrebt, höchstens durch Wertintervalle eingegrenzt werden. Was dann jeweils gilt, gilt so lange, bis ein genaueres Ergebnis eingegrenzt wird. Popper lässt grüßen.

Vor dem Hintergrund des Gesagten ist der jetzt plötzlich erfolgende Auftritt der Virologen in der Corona-geplagten Öffentlichkeit eine erfrischende Ergänzung des Diskurses, wenn angesichts einer Gesundheitskrise von so etwas überhaupt gesprochen werden kann. Wir lernen: Auch hier gibt es Ambiguität, vorsichtiges Herantasten, vorläufige Ergebnisse, unterschiedliche Einschätzungen, Denkschulen, Strategien, Gewichtungen. Wir lernen zudem: Souveräne Wissenschaftler wie der Berliner Virologe Christian Drosten wissen um ihr Nicht-Wissen. Er benennt die unterschiedlichen Wirkungssysteme von Wissenschaft, Politik und Medien mit ihren jeweils eigenen Handlungslogiken und Folgenabschätzungen. Er markiert die Grenzen seines Fachs und seiner Expertise und verweist etwa auf Soziologie oder Psychologie, wenn es um die gesellschaftlichen Folgen der jeweiligen Eindämmungsmaßnahmen geht. Damit einher geht die Bereitschaft für interdisziplinäres Netzwerkdenken und fachübergreifende Zusammenarbeit.

Und es sind auch diese Eigenschaften, die in den anderen genannten Wissenschaftsgebieten verstärkt anzutreffen und die einer pluralistischen Gesellschaft angemessen sind. Weg von der Koryphäe und vom Solitär, hin zum Netzwerkarbeiter, der ohnehin immer schon auf den Schultern von Riesen steht, und im Verbund mit Kolleginnen und Kollegen Neues schafft. Die alleinseligmachenden Wahrheiten der immer nur wenigen „Wissenden“ sind hingegen etwas für Populisten – und die erweisen sich in diesen Tagen verstärkt als Wohlstandsphänomen. Dafür hat die Gesellschaft gerade echt keine Zeit.

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