Joschka Fischer: Willkommen im 21. Jahrhundert (Rezension)

Kaum etwas hat eine geringere Halbwertzeit als weltpolitische Betrachtungen. Nun ist Ex-Außenminister Joschka Fischer bei seinem neuen Buch auch noch die Corona-Krise in die Parade gefahren. Vorerst bleibt indes unklar, ob die Krisenmelange, die Fischer mit wenigen gekonnten Strichen nachzeichnet, durch das Virus noch weiter intensiviert werden wird, oder ob der kollektive Pausenknopf, der nun vielerorts gedrückt wurde, jene Disruption bedeutet, die zu dringend benötigten Neuausrichtungen erforderlich ist. In früheren Zeiten waren für so etwas immerhin Kriege nötig.

Doch Corona hin oder her: Es fehlt Fischers Buch an originellen Thesen und Vorschlägen, womöglich auch an Zuspitzungen. Hier geht nichts über eine Kenntnis der internationalen Beziehungen hinaus, wie sie auch durch solide Zeitungslektüre erlangt werden könnte. Möchte man schon angesichts des Titels „Willkommen im 21. Jahrhundert“ ein herzliches «Thanks, Captain Obvious!» in den Raum werfen, häufen sich im weiteren Verlauf Gemeinplätze und wohlfeile Empfehlungen:

„Am westlichen Ende dieser eurasischen Hauptachse zwischen Pazifik und Atlantik liegt Europa (und mitten in Europa Deutschland).“ Ein Blick in den Atlas bezeugt: Das stimmt.

Das ganze Kapitel, das Trump und die Folgen für die transatlantischen Beziehungen zum Inhalt hat, kommt im Grunde mit einer einzigen, nicht gerade gewagten These aus: Trump ist Präsident. Ob es uns passt oder nicht.

Atemlos erfährt der Leser: Die Europäer müssten jetzt viele Fragen „mit großer Dringlichkeit hier und heute beantworten“. Außerdem: „Das 21. Jahrhundert wird durch die Digitalisierung bestimmt werden, und zwar im umfassenden Sinne“.

Der Rezensent, der in Zeiten von Rot-Grün politisch sozialisiert wurde und stets Fan des „letzten Live Rock n‘ Rollers der deutschen Politik“ war, muss hier abwinken.

Wer noch nie ein Buch über deutsche Geschichte und Außenpolitik in der Hand hatte, erfährt womöglich neues und kann sich durchaus an prägnanten und konzise formulierten Essays zu den Themenkomplexen „Deutschland in der Welt“, „China und die Digitalisierung“ und „Europäische Souveränität“ erfreuen.

Für alle anderen gilt: Es fehlt der springende Punkt.

978-3-462-05473-6_xl

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s