Ulf Poschardt: Mündig (Rezension)

Dieses Buch ist eine Zumutung. Dabei ist es nicht das Sachbuch, das erwartet werden könnte: Kein bloßes „Kraft der Freiheit“, „Gegen linke Gleichmacherei“, „Bloß keine Verbote“, „Nackensteak an Diesel für alle“, „Innovation und Zukunftsvertrauen jetzt“ oder „Jeder für sich, dann ist allen geholfen“ – nein, das wäre zu einfach. Poschardts philosophisches Dandytum lebt ja gerade davon, sich unerwartbar zu geben. Und so haben wir es hier mit einem Manifest zu tun, mit einer Kampfschrift, die Polemik zu nennen, stark untertrieben wäre.

Wer mit einem beherzten „Guten Tag, f**** euch alle“ ins Haus fällt, hat offensichtlich nicht vor, allzu viele Konzessionen zu machen. Gäbe es den Chefredakteur der WELT-Gruppe nicht, man müsste ihn erfinden: Hier schreibt sich einer aus sozialen Zusammenhängen heraus und kommt am Ende beim kleinsten gemeinsamen Nenner an, da, wo es wohlig eindeutig wird: Unterm Strich zähl‘ ich. Entworfen wird eine zeitgenössische Aufklärungsphilosophie der Mündigkeit in sechzehn Kapiteln: Vom mündigen Demokraten über den mündigen Mediennutzer bis hin zum mündigen Leben an sich. Pädagogen, Linke, Männer, Frauen und Künstler kommen auch vor. Es handelt sich quasi um Kant on Speed im hochtourigen Assoziations-Freestyle.

„Mündig“ ist dabei auch eine Ode an das (schnelle) Auto. Der selbst ernannte Petrolhead rast mit ganz viel verquastem Heidegger-Speak über das Liberale hinaus ins Libertäre und gerät dabei ein ums andere Mal auf schiefe Ebenen: „Fehler, Crashes, Massenkarambolagen, Selbstdemontagen gehören dazu.“ Ist das noch Dada oder schon Futurismus? Der Tod des Rennfahrers als Entfliehen aus dem „Ennui der Leere“? Michael Mann, der „feinsinnige, Ferrari fahrende Intellektuelle“, dessen Figuren „ihre bewusste Sprachlosigkeit mit einer Propaganda der Tat (…) kompensieren“? Holla, die Waldfee! Ist das noch libertär oder schon anarchistisch? Und: Ob der alte Kant das so gewollt hat? „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

9783608982442

Insbesondere der politischen Linken den Spiegel vorhalten, ist dort oft heilsam und hilft bei der Schärfung eigener Argumente. Produktiver Streit ist anzustreben und führt zu jener dialektischen Reflexionskraft, die Poschardt anmahnt. Aber warum muss das stets mit einer Sprache einhergehen, die erkennbare Anleihen dort macht, wo kein intellektuelles Gras mehr wächst? „Deutschland“ überkäme eine Art „erotischer Erregtheit, wenn es um die Sicherheitssupermächte des Staates geht“? Really? „Politik ist zu einem Durcheinander unterschiedlicher Populismuskonzepte geworden, denen gemeinsam ist, dass sie den Menschen für komplexe Herausforderungen einfache Lösungen anbieten.“ Seit wann steht die AfD für „die Politik“? Der Sozialismus als „ultimative Auslöschungsfantasie für individuelle Freiheit“? Geht es auch eine Nummer kleiner? Mit dem Phantasma, dass jedwede Gemeinwohlorientierung politischen Handelns letztlich in die Hayek’sche Knechtschaft oder gleich ins Gulag führt, haben schon frühere Freiheitsdenker aufgeräumt.

Es sind diese Sprach-Crashes, diese falsch zusammengesetzten Wortfragmente, lieblos zusammengetackert und auf maximale Zerstörung aus, die es an Seriosität mangeln lassen. Die politische Linke als Bannerträgerin des „Nationalmoralismus“, die unentwegt „sozialnationalistische Überlegungen“ anstellt? Was erlauben Poschardt? Sind es etwa die Pläne für ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen, die einen solchen Furor auslösen?

Aber es ist ja beileibe nicht alles schlecht. Da ist zum einen die Originalität: Wo sonst kommen schon Überlegungen zu Heidegger und Adorno mit dem Rennsport und dem Skateboarden in Berührung? Das ist teilweise schon ziemlich chic, wenn auch von einer gewissen Wohlstandslangeweile geprägt. Wohl dem, der Zeit und Geld hat, sich einem Mündigkeits-Konzept Poschardt’scher Provenienz hinzugeben. Staat ist damit allerdings nicht zu machen: „Je ernster sich die Debatten aufschäumen, umso zwanghafter gilt das Gebot der Zerstörung des Ernstes.“

Wenn es hart auf hart kommt, wie am 5. Februar 2020 in Thüringen, hält sich Poschardt zum Glück selbst nicht daran. Im Gegenteil: Viele fabulierten angesichts der Wahl des 5%-FDP-Manns Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten von Höckes Gnaden von einem „ganz normalen demokratischen Vorgang“. Ex-FOCUS-Chef Helmut Markwort etwa. Poschardt hingegen twitterte sogleich: „Wer sich von einem widerwärtigen Rechtsradikalen wie @BjoernHoecke zum Ministerpräsidenten wählen lässt, hat Schande über den Liberalismus gebracht.“

Und das ist dann doch, bei aller Kontroverse, der Punkt, über den Einigkeit besteht. Da bringt der Streit doch Freude.

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