Scheitern und Versagen überall? Warum wir bei der Bewertung der Gegenwart so oft daneben liegen

Es ist ein großes Scheitern und Versagen da draußen: Die EU zum Beispiel scheitert ständig. Sie scheitert im Grunde seit ihrer Gründung. Nach wie vor hat es die Staatengemeinschaft nicht vermocht, sich ein zeitgemäßes Update zu verpassen: Weg von den Agrarsubventionen, hin zu mehr Forschung und Entwicklung. Ganz aktuell versagt die EU dabei, den Menschen vor ihrer südosteuropäischen Haustür zu helfen und sich gegenüber Erdoğans Türkei angemessen zu verhalten. Auch in Deutschland wird viel gescheitert und versagt: Die Bundesregierung – da sind sich selbst Kritiker einig – macht zwar einen soliden Job, scheitert jedoch daran, eine über die Tagespolitik hinausgehende Zukunftsvision zu entwickeln und versagt sowohl beim Klima als auch bei der Migration und der Digitalisierung – von der Corona-Krise ganz zu schweigen.

Auch die Volksparteien versagen: Die SPD versagt dabei, einen sozialdemokratischen Gesellschaftsentwurf für das 21. Jahrhundert vorzulegen und jetzt scheitert auch noch die CDU daran, zu definieren, wer oder was sie eigentlich ist, nachdem sie sich sehr lange darüber definiert hat, was sie alles nicht ist. Bei den anderen Parteien sieht es nicht besser aus: Die umfrageverwöhnten Grünen scheitern regelmäßig an der Wahlurne, die FDP versagt bei der Regierungsübernahme, die Linke versucht alles, um gar nicht erst in eine solche Verlegenheit zu kommen und die AfD stellt sich selbst als die Konsequenz des Scheiterns aller anderen dar. Wenn das die Lösung ist, hätte ich gerne mein Problem zurück, mag da so mancher einwenden.

Viel ist von „Elitenversagen“ die Rede. „Die Politik“ scheitert an den zentralen Fragen unserer Zeit. „Die Wirtschaft“ bekommt die Digitalisierung nicht auf die Kette. Es fehlt an Wirtschaftsdemokratie, am richtigen Mindset, an wahrer Gleichberechtigung, an flachen Hierarchien, an Agilität, an 5G. „Die Gesellschaft“ versagt und scheitert an einem zu: Die Menschen wollen prägnante Charaktere, Leute, die „Klartext“ reden, Entscheider, mutige Anführer – und zerreißen jede und jeden in der Luft, der sich zu sehr aus der Deckung wagt, und sich über Floskeln hinaus mit einem regelrechten Standpunkt angreifbar macht.

So hören wir in den zahlreichen Talkshows tagein, tagaus immer die gleichen Formeln vom „Verantwortung übernehmen“, „schonungslos Analysieren“, „Hausaufgaben machen“, vom „Sorgen ernst nehmen“, von den „normalen Menschen, die morgens aufstehen und arbeiten gehen“ und von „Handlungsfähigkeit“, „Stabilität“ und „tragfähigen Lösungen“, die allesamt gemein haben, dass damit alles und nichts gemeint sein kann. Ein Scheitern und Versagen der Sprache.

Diejenigen, die überall Scheitern und Versagen attestieren, haben dabei einen unschlagbaren Vorteil: In ihrer Welt haben sie den Durchblick, während alle anderen wie die Lemminge vor sich Hinscheitern und die Zeichen der Zeit partout nicht erkennen wollen. So etwas schafft Entlastung im Alltag und vermittelt das wohlige Gefühl, es besser zu wissen. Die Lösungen liegen schließlich auf der Hand. Eigentlich.

Und doch haben die meisten Menschen zumindest eine Ahnung davon, dass die Dinge so einfach nicht sind. Das Aushandeln von Kompromissen, das Finden von praktikablen Lösungen, die Umsetzung politischer Programmatik in praktische Politik; all das zu vollbringen in einem Umfeld, in dem die Gesellschaft immer neue Konfliktlinien durchziehen, in dem immer weniger Aspekte des täglichen Lebens unumstritten sind, in dem Vertrauen in Institutionen erodiert und in dem ein hoher Veränderungsdruck auf Überforderung und Stabilitätssehnsucht trifft – das ist beileibe keine leichte Aufgabe. Jeder Entscheider, von dem sowohl „Führung“ und „Durchregieren“ als auch „Teamfähigkeit“ und das „Mitnehmen“ von allem und jedem gefordert wird, wird hiervon ein Lied zu singen wissen.

Wem es um Lösungen und weniger um Egopflege geht, sollte also vielmehr überlegen, warum bestimmte Herausforderungen so kompliziert sind. Entweder sind alle doof (unwahrscheinlich), oder die Bedenkenträger haben einen Punkt. Politische Sachverhalte etwa sind niemals schwarz oder weiß. Welche Interessen treffen aufeinander, welche Kompromisse liegen auf dem Tisch? Was sind die jeweiligen Vor- und Nachteile? Ein Wort der Warnung: Das Ergebnis solcher Überlegungen wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht eindeutig sein. 60:40 kommt weitaus häufiger dabei heraus als 90:10.

Ein weiterer Aspekt wird selten beachtet: Ist eine eindeutige Festlegung zu jedem Punkt überhaupt sinnvoll, oder ist es manchmal nicht viel eher angezeigt, die Dinge in der Schwebe zu halten? Ambiguitätstoleranz, wie sie in jüngster Zeit insbesondere der Islamwissenschaftler Thomas Bauer definiert hat, ist ein hohes Gut, das gerade einer pluralistischen Gesellschaft gut zu Gesicht steht. Das Römische Kaiserreich bestand immerhin 500 Jahre, ohne dass der zugrundeliegende Verfassungskonflikt – Republik oder Monarchie – jemals gelöst worden wäre. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation kam sogar auf 1.000 Jahre und verfügte über einen staatsrechtlichen Aufbau, der so widersprüchlich war, dass es nur Kennern gelang, diese Widersprüche zu benennen, geschweige denn aber aufzuheben. Auch die Europäische Union ist mit ungeklärter „Finalität“, also der Frage, ob sie dereinst zum Superstaat, oder doch nur zum Staatenbund werden soll, über sechzig Jahre ganz gut gefahren. Die Frage eindeutig zu beantworten, hieße, einen Teil der Mitglieder zu verlieren. So manches Provisorium erweist sich in der Praxis als ziemlich beständig.

Parlamentarische Demokratie heißt, den gesellschaftlichen Meinungs- und Interessenstreit auf gemeinsamer Rechtsgrundlage in praktische Politik zu übersetzen. Je individualisierter eine Gesellschaft, desto anspruchsvoller wird dieses Unterfangen. Prononciertere Interessenwahrnehmung seitens der Bürgerinnen und Bürger führt zur Ausbildung neuer Parteien und Mehrheiten, die dieses Interesse dann glaubhaft umsetzen sollen und gleichzeitig zu größerer Kompromissbereitschaft bereit sein müssen.

Wer in einem solchen Umfeld Verantwortung übernimmt, ist nicht weniger qualifiziert als es frühere Generationen von Entscheidern waren. Im Gegenteil: Es handelt sich oft um größere Herausforderungen, als zu Zeiten breiterer gesellschaftlicher Mehrheiten und höherer Machtakkumulationen. So gesehen erscheinen Scheitern und Versagen in einem anderen Licht, nämlich als notwendige Schritte zu besseren Lösungen. Ambiguitätstoleranz ist heute mehr denn je gefragt.

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