Sigmar Gabriel: Mehr Mut! Aufbruch in ein neues Jahrzehnt (Rezension)

„Natürlich frage ich mich heute selbst immer wieder, wie groß eigentlich meine eigene Verantwortung für die schwierige Entwicklung meiner Partei ist. Denn immerhin war ich bis 2017 fast acht Jahre lang ihr Vorsitzender. Ich behaupte jedenfalls nicht, dass ich in dieser Zeit alles richtig gemacht habe.“ So beginnt die Selbstkritik im SPD-Kapitel dieses Buches. Nach den „Neuvermessungen“ (2017) und der „Zeitenwende in der Weltpolitik“ (2018) fordert Sigmar Gabriel in seinem neuen Werk „Mehr Mut!“ beim „Aufbruch in ein neues Jahrzehnt“.

„Solche schnell runtergeschriebenen Politiker-Bücher liest kein Mensch“ urteilt der Kollege Ludwig Greven auf Facebook. Ist das in diesem Fall auch so? Sigmar Gabriel polarisiert, so viel ist klar; besonders in seiner eigenen Partei. Dort ist der Ex-Chef in weiten Teilen nicht gerade wohlgelitten: Zu frisch ist die Erinnerung an den oft erratischen Führungsstil, an einsame Entscheidungen und auch an sein Regime im Berliner Willy-Brandt-Haus. Jeder gute Ratschlag, den der nunmehr zum Elder Statesman aufgestiegene Goslarer aus dem Off gibt, wird sogleich mit der Frage gekontert, warum er ihn in seiner langen Zeit als Vorsitzender denn nicht selbst umgesetzt hat. Hinzu kommt: Übles Nachtreten von Ehemaligen ist eigentlich immer schlechter Stil, hat bei der SPD allerdings Tradition. Außer Andrea Nahles, von der seit ihrem Rücktritt im Sommer 2019 nichts mehr zu hören war, finden ehemalige SPD-Vordere immer ein offenes Ohr in gewogenen Medien. Das liegt zum einen daran, dass gerade in bürgerlichen Kreisen SPD-Politiker immer dann besonders beliebt sind, wenn sie nicht mehr viel zu melden haben.

Im vorliegenden Fall liegt es aber eben auch daran, dass Sigmar Gabriel nach wie vor eine Menge beizutragen hat. Ob es einem passt oder nicht: Er ist im außenpolitischen Diskurs präsenter als der amtierende SPD-Außenminister und zudem gern gesehener Talkshow-Gast, der sich in der Welt auskennt. Seine Auftritte zahlen allerdings kein bisschen bei der SPD ein – zu viel Distanz ist nunmehr zwischen ihn und Partei getreten. Seit seinem Rücktritt vom Vorsitz Ende 2017 und besonders seit seinem Ausscheiden aus der Bundesregierung im Herbst 2018 betätigt sich Gabriel fleißig als Populismus-Versteher. Dabei stimmt er – ähnlich wie Peer Steinbrück – immer wieder in den Chor derer ein, die der heutigen SPD Abgehobenheit und Entfremdung, ja, Verachtung ihres ursprünglichen Wählerklientels vorwerfen. Bekanntlich wollte er schon 2009 dort hingehen, „wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt“.

Im aktuellen Buch klingt das so: „Es war wohl (die) Demut vor denen, die ein härteres Leben als ich zu bewältigen hatten, die mich immer davor bewahrt hat, hochmütig auf den Teil unserer Gesellschaft herabzublicken, der nicht so liberal, weltoffen, klimabewusst und multikulturell denkt und lebt, wie es sich die Tugendwächter unseres Landes oft vorstellen. Schlicht, weil sie im Alltag durch Niedriglohnkonkurrenz, teure Mieten und zu großen Klassen für ihre Kinder verletzbarer sind als die liberalen Eliten unseres Landes, zu denen heute auch die Sozialdemokratie zählt.“

Ob sich Saskia Esken, Norbert-Walter Borjans oder Kevin Kühnert zur „liberalen Elite“ zählen, darf bezweifelt werden. „Letzte Warnung an die Deutsche Bank“, in deren Aufsichtsrat Sigmar Gabriel mittlerweile sitzt, „beim nächsten Mal werden Namen und Begriffe genannt“. So hieß es einst bei Joseph Beuys. Das Bild aus der Edition Staeck hängt sogar im Willy-Brandt-Haus. Gabriel hingegen nennt weder Ross noch Reiter. Wo sind nur jene „Tugendwächter“, die als diskursives Phänomen seit Jahren Konjunktur haben, im echten Leben jedoch selten anzutreffen sind? Gabriel macht sie im Parteipräsidium aus, insbesondere in den Jahren 2013-2017, spricht einmal sogar recht maßlos von einem „Organisationsstalinismus“, der ihn dazu genötigt habe, Martin Schulz aufs Schild zu heben, was aber letztlich auch nur zu dem „dramatischen Absturz auf 13 Prozent“ geführt habe, den manche Umfragen heute anzeigen. Selbstkritik nach dem Motto „Mein Umfeld hat mich daran gehindert, das Richtige zu tun“, ist natürlich keine Selbstkritik, und gerät teilweise zu einer doch recht peinlichen Veranstaltung: „Ich vertraute eher auf die Loyalität zum Amt des Vorsitzenden und übersah dabei, dass ich häufig genug weder wirklich respektiert noch geachtet wurde.“

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Nach der Lektüre dieser sehr persönlich gehaltenen Abschnitte wird deutlich, dass Gabriel nicht damit rechnet, jemals wieder Verantwortung in seiner Partei zu übernehmen. Vielleicht sei die aber auch gar nicht mehr das richtige «Gefäß» um an einer Welt zu arbeiten, in der „der Lebensweg eines jeden Menschen offen und nicht durch Geburt, Einkommen der Eltern, Religion, Hautfarbe oder Geschlecht bereits entschieden ist, wie das Leben verläuft“.

Wie die SPD indes erneuert und revitalisiert werden könnte, skizziert Gabriel ganz zum Ende dieses Buches, das mit einer Tour d’Horizon durch die Weltpolitik beginnt und Programmatisches zu den Themen Klimawandel, Digitalisierung, Europa und Deutschland in der Welt beisteuert. Hängen bleiben wird davon nur die Abrechnung mit den Nachfolgern, die ein Comeback in einem künftigen SPD-All-Star-Kabinett ziemlich unwahrscheinlich werden lässt. Wenn sich Gabriel jedoch ranhält, wird er in knapp zwei Jahren das nächste Buch vorlegen können, womöglich im Wechsel mit Peer Steinbrück und Klaus von Dohnanyi, der zeitgleich in einem ganzseitigen WELT-Interview erklärt, warum man die SPD jetzt aber auf gar keinen Fall mehr wählen könne.

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für die Lektüre und Besprechung,
    Sigmar Gabriel mochte ich gerne. Wie er seine Vater-Geschichte ausgepackt hatte.
    Daher mag sich erklären, er wolle hingehen, wo es riecht oder stinkt.
    Also alle guten Wünsche ihm persönlich und der Bank.

    Die SPD hat nun viele Altvordere, von denen sich manche mehr äußern als zuträglich. Vielleicht äußert sich Andrea Nahles später mal wieder. Wie Hans-Jochen Vogel dies tut, finde ich beeindruckend und hilfreich.
    Das Wahlergebnis in Hamburg gefällt mir.
    Viele Grüße
    Bernd

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