Der Lesefebruar 2020 – Paukenschläge an der Brandmauer

Thüringen-Debakel, AKK-Rücktritt, „Teutonico“, Hanau-Massaker, Volksparteienbeben, Hufeisen-Lyrik, Mitte-Erosion, Ausbreitung des Corona-Virus, Eskalation im syrischen Idlib und drohendes Wiederaufflammen der Flüchtlingskrise – die Ereignisse überschlugen sich im vergangenen Februar förmlich. Polit-Journalismus am Limit: Dammbrüche, Brandmauern, Paukenschläge, Politbeben, Machtpoker und dazu Brandstiftung, Zündeln, Hetzen, Aufwiegeln, Vergleichen, Relativieren, Aufrechnen – erkennbar heizt sich das gesellschaftliche Klima weiter auf. Ausgang, wie immer, ungewiss.

 

+++ Eigenes +++

Ich habe mich im Zuge der Thüringer Wirren in einem längeren Essay mit der sehr deutschen Tradition der Parteienverachtung auseinandergesetzt.

Das furchtbare Massaker von Hanau sah der Mörder auch als Abwehr gegen das Phantasma eines „Großen Austauschs“, dessen Idiotie ich vornehmlich mit den Mitteln der Altertumswissenschaft herausgearbeitet habe.

Fast schon harmlos wirkt daneben ein Text, der die Umbenennung von Straßen als kommunalpolitischem Dauerbrenner zum Thema hat.

 

+++ Bücher +++

nacht

Noch unter dem Eindruck des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz habe ich mich an Die Nacht von Elie Wiesel herangetraut. Die existentialistische Klarheit, in der Wiesel das Grauen beschreibt, lediglich „erschütternd“ zu nennen, wäre furchtbar banal und wird der brutalen Einsicht nicht im Ansatz gerecht, die sein Bericht bereithält: Er zeigt so ziemlich das schlimmste Ausmaß dessen, was Menschen anderen Menschen antun können.

Die Lektüre von Primo Levis Ist das ein Mensch? liegt bei mir über zehn Jahre zurück und las sich wie Zeugnis und Mahnung. Wiesels Die Nacht trifft auf meine Lebenswelt in einer Zeit, in der die Abwertung von Menschengruppen durch die Ideologen des Bösen wieder auf Hochtouren läuft. Für „Wehret den Anfängen“ ist es mittlerweile schon zu spät.

+++

leroy

Der Roman Der Block von Jérôme Leroy erschien im französischen Original bereits im Jahre 2011. Knapp zehn Jahre später erscheint sein Inhalt aktueller denn je: Es geht um die Machtübernahme des rechtsextremen „Blocks“, der erkennbar an Marine LePens Rassemblement National angelehnt ist. Gemäß der aristotelischen Einheit von Zeit, Ort und Handlung folgt der Leser den zwei Protagonisten durch den Verlauf einer einzigen entscheidenden Nacht, in der ein Pakt zwischen Konservativen und Rechtsextremen ausgehandelt wird, während der Ehemann der Parteiführerin über sein Leben sinniert und dessen bester Freund, der Mann fürs Grobe, um selbiges fürchten muss. In Teilen extrem brutal, durchaus auch mit einigen Längen versehen, entfaltet der Stoff einen eigentümlichen Sog irgendwo zwischen Spannung, Neugier und Trauer, wie authentisch all das mittlerweile schon klingt. So schreibt Leroy im Nachtwort: „Ja, die Wähler der extremen Rechten sind inzwischen unsere Nachbarn oder unsere Verwandten. Eben das macht es so beunruhigend, es ist einerseits viel komplizierter und andererseits auch viel alltäglicher geworden.“

+++

orwell

George Orwells erstmals auf Deutsch erschienenen Essay Über Nationalismus aus dem Jahre 1945 hat der Soziologe und Kursbuch-Herausgeber Armin Nassehi bereits hinreichend eingeordnet. Hier mögen einige Zitate aus dem Text genügen, die sehr deutlichen machen, warum Orwells Worte erneut so aktuell scheinen:

„Politische oder militärische Beobachter können wie Astrologen fast jeden Missgriff überleben, weil ihre devoten Anhänger keine Einschätzung der Fakten, sondern die Stimulation nationalistischer Loyalitäten von ihnen erwarten.“

„Die propagandistischen Schriften unserer Zeit kommen großteils offenen Fälschungen gleich. Materielle Fakten werden unterdrückt, Daten abgeändert, Zitate aus dem Kontext gerissen und so bearbeitet, dass sich ihr Inhalt verändert. Ereignisse, die, so das Gefühl, nie hätten stattfinden sollen, bleiben unerwähnt und werden letztlich geleugnet.“

„Die allgemeine Unsicherheit darüber, was wirklich passiert ist, macht es leichter, an verrückten Überzeugungen festzuhalten.“

„Alle nationalistischen Kontroversen bewegen sich auf dem Niveau eines Debattierklubs. Sie bleiben stets ergebnislos, denn jede Streitpartei glaubt ausnahmslos, sie habe den Sieg davongetragen.“

+++

eco

Ähnlich verhält es sich mit Umberto Ecos Der ewige Faschismus, einer kurzen Textsammlung, die Roberto Saviano zusammengetragen hat. Laut Eco bestehen die Insignien des „Ewigen Faschismus“ oder des „Ur-Faschismus“, die er 1995 in einem Vortrag darlegte, unter anderem aus folgenden Elementen:

  1. Kult der Überlieferung, auch wenn diese widersprüchlich oder nachweislich falsch ist.
  2. Ablehnung der Moderne.
  3. Aktion um der Aktion willen.
  4. Dissens als Verrat.
  5. Angst vor dem Andersartigen.
  6. Appell an frustrierte Mittelklassen.
  7. Obsession von Verschwörungen im Inneren und von außen / Appel an Fremdenfeindlichkeit.
  8. Konstruktion von Feinden, die zugleich minderwertig, aber auch zu stark sind.
  9. Ständiger Kampf und Konflikt / Frieden ist schlecht für die Bewegung.
  10. Verachtung der Schwachen / eigene Selbsterhöhung als Elite einer neuen Ordnung.
  11. Helden- bzw. Personenkult.
  12. Machismo.
  13. Populismus + Antiparlamentarismus.
  14. Gebrauch von „Newspeak“ im Sinne von Orwells‘ 1984.

„Es wäre so bequem für uns, wenn jemand auf die Bühne der Welt träte und erklärte: «Ich will ein zweites Auschwitz, ich will, dass die Schwarzhemden wieder über Italiens Plätze marschieren!“ Das Leben ist nicht so einfach. Der Ur-Faschismus kann in den unschuldigsten Gewändern daherkommen. Es ist unsere Pflicht, ihn zu entlarven und mit dem Finger auf jede seiner neuen Formen zu zeigen – jeden Tag, überall in der Welt.“

+++

lepore

Wem die Geschichte der USA, welche die liberale US-Historikerin Jill Lepore unter dem Titel Diese Wahrheiten vorgelegt hat, zu monumental ist, kann für den Moment mit dem Essay Dieses Amerika. Manifest für eine bessere Nation vorliebnehmen. Es handelt sich dabei um ein ähnliches Unterfangen, wie Michael Bröning es mit Lob der Nation für Deutschland oder Ulrike Guérot es mit Was ist die Nation? für die Europäische Union vorgenommen haben; nämlich, den Begriff der Nation den „Rechten“ entwenden und ihn sodann progressiv umdeuten. Instruktiv und lehrreich ist das, insbesondere in Hinsicht auf die lange populistische Tradition, in der Donald Trump in der US-Geschichte steht und die seine Präsidentschaft weniger als Betriebsunfall, sondern in Teilen als durchaus folgerichtig erscheinen lassen.

Dass eine Geschichtsschreibung, welche die Ureinwohner Amerikas, chinesische Einwanderer oder die aus Afrika verschleppten Sklaven verstärkt in den Blick nimmt, statt sich wie üblich von Präsident zu Präsident zu hangeln, irgendwie automatisch als „links“ gilt, muss erstaunen, bezeugt sie doch im Grunde nichts anderes, als den allerersten Satz der US-Unabhängigkeitserklärung:

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“

+++

gehlen

In der Rubrik Gegnerbeobachtung habe ich mich diesen Monat mit Arnold Gehlen beschäftigt. Spätestens seit der sogenannten Flüchtlingskrise von 2015/2016 hat das böse Gehlen-Wort von der Hypermoral ja wieder Konjunktur. Gemeint ist damit ein „übertriebener“ Humanismus, der sich aus der „Überdehnung des Familienethos“ ergebe. Demgegenüber stellt Gehlen die Macht der Institutionen, welche „entlastend“ auf einen „übersteigerten Subjektivismus“ wirken könnten. Ein fernes Echo findet sich in der Gegenwart, wenn Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) „Humanität“ und „Ordnung“ immer wieder gegeneinander ausspielt. Sagen wir es so: Dass Gehlen einer der Heroen der Neuen Rechten ist, überrascht niemanden.

Christian Thies, der in sein Denken einführt, schreibt im Vorwort recht ungelenk, Gehlen, der unter anderem seit dem 1. Mai 1933 NSDAP-Mitglied war, gelte „manchen als Nationalsozialist.“ Seine Lehre funktioniert auch gar nicht ohne. Da hält es der Rezensent mit dem längst verstorbenen Göttinger Historiker Christian Graf von Krockow: „Arnold Gehlen hat in seinem Werk eine, nein: die faschistische Theorie entworfen und vollendet, auf dem allerhöchsten Reflexionsniveau, das sie überhaupt zu erreichen vermag.“

+++

ST

Selbst der Bereich der Belletristik war in diesem Monat immens politisch. Star Trek Picard: The Last Best Hope von Uma McCormack erzählt die Vorgeschichte zur aktuellen TV-Serie, die dadurch an Tiefe und Tragik gewinnt. Star Trek auf der Höhe der Zeit setzt den Ex-Captain der Enterprise einer politischen Großwetterlage aus, die durch Migration und Populismus geprägt ist; und auch das Thema Brexit kommt – kaum chiffriert durch Sezessionsbestrebungen einiger Föderationsmitglieder – zu seiner Ehre. Warum Picard am Anfang der Serie so ein verhärmter und verbitterter Mann geworden ist – hier finden sich Antworten. Für Fans unbedingt zu empfehlen!

+++

qube

Und dann war da noch QUBE, der zweite Teil der Hologrammatica-Trilogie von Universaltalent Tom Hillenbrand, dessen Einstieg sich etwas schwer gestaltete. Obwohl ich Fan des ersten Teils bin, hatte ich einiges schon wieder vergessen. Eine kurze Zusammenfassung hätte hier sicher geholfen. Und enttäuschend war zunächst auch, dass der charakterstarke Protagonist des ersten Teils spurlos verschwunden ist. Mit Galahad Singh kann es die im wahrsten Sinne des Wortes austauschbare Fran Bittner zu keiner Zeit aufnehmen. Und auch der Bösewicht Clifford Torus wirkt in seiner plumpen Boshaftigkeit als Charakter ziemlich uninteressant. Es entspinnt sich dann jedoch – wie soll es bei Hillenbrand anders sein – eine packende Dystopie, die einige rasante Wendungen nimmt und einmal auch mit einer Szene aufwartet, die so herzzerreißend ist, dass sie noch lange nachwirkt. Ein abschließendes Urteil spare ich mir für den Abschluss der Trilogie auf, der hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt.

+++

So long, man liest sich!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s