Die Idiotie des »Großen Austauschs«. Ein historischer Abriss

Die Idee vom „Großen Austausch“ bewegte offenbar auch den Attentäter von Hanau, der am Abend des 19. Februar 2020 neun Menschen erschossen und sechs weitere verletzt hat, bevor er offenbar seiner Mutter und sich selbst das Leben nahm. Die Tatsache, dass er sich eine Shisha-Bar für seine abscheuliche Tat ausgesucht hat, weist daraufhin, dass er Ausländer, Muslime oder Menschen mit Migrationshintergrund treffen wollte.

Der Große Austausch wurde seit 2010 von dem französischen rechtsextremen Schriftsteller, Philosophen und Politiker Renaud Camus formuliert: Er vereint in diesem Phantasma rassistische, verschwörungstheoretische und identitäre Elemente und liefert damit eine Steilvorlage für rechtsextreme Bewegungen und Parteien in ganz Europa, die sein Konzept vor allem zur Mobilisierung nutzen. Inhalt ist die Vorstellung, geheime Eliten würden im Hintergrund an einer Umvolkung der „autochthonen“ Bevölkerungen Europas und der USA arbeiten, um diese mit vornehmlich muslimischen, nicht-weißen Einwohnern zu ersetzen. Die Motivlage bei diesem großen Plan bleibt meist unklar, oft wird lediglich etwas kontraintuitiv postuliert, die neu ins Land „geholten“ Einwanderer seien „leichter zu kontrollieren“.

Der rechtsterroristische Attentäter, der im neuseeländischen Christchurch im März 2019 fünfzig Menschen in zwei Moscheen ermordete, gab in seinem „Manifest“ vor allem diese behauptete „Umvolkung“ als zentrales Motiv seiner Tat an. Und auch der Täter des antisemitischen Anschlags von Halle bezog sich auf die angebliche „Umvolkung“.

„Linke Träumer und globalistische Eliten wollen unser Land klammheimlich aus einem Nationalstaat in ein Siedlungsgebiet verwandeln“, erklärte dann auch bereits Ende 2018 der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland. Bei seinem Fraktionsmitglied Markus Frohnmaier heißt es in der Diktion der Neuen Rechten: „Wer Grenzen abschaffen und damit Staatsgebiet auflösen will, wer das Staatsvolk durch Umsiedlung austauscht, der attackiert (…) beinahe alles, was einen demokratischen Staat ausmacht“. Sein AfD-Kollege Marc Jongen formuliert mit Blick auf linke Politiker*innen ähnlich: „Das ist doch auch Ihr erklärtes Ziel. Deutschland soll als Nation, als Land, als Volk verschwinden, es soll ein mehr oder weniger offenes Siedlungsgebiet für Migranten aus aller Welt werden und soll dann auch aufgehen in einem europäischen Superstaat, der ja schon jetzt bezeichnenderweise von Kommissaren verwaltet wird, einer EUdSSR – ganz nach Ihrem Geschmack.“

Man könnte über so viel hanebüchenen Unsinn lachen, wenn diese Form der Propaganda nicht so schreckliche Folgen hätte. Da der immer kurz bevorstehende Untergang, das „Verschwinden“ Deutschlands, in derart grellen Farben geschildert wird, wird ein dringender Handlungsimpetus erzeugt, dem entsprechend veranlagte „einsame Wölfe“ jederzeit erliegen können und der sie dann zum „Losschlagen“ bewegt. Dabei werden auch nicht umsonst immer wieder Vokabeln benutzt, die im allgemeinen Sprachgebrauch eigentlich mit dem Holocaust assoziiert werden: „Vernichtung“, „Volkstod“, „Genozid“, „Auslöschung“ und dergleichen mehr. Das Gedenken an die deutschen Verbrechen wird damit relativiert und im Grunde lächerlich gemacht.

Wie aber kann es sein, dass eine solch offenkundig kranke Ideologie derart wirkmächtig werden und sich so weit ausbreiten konnte? Die Idee, dass „Nationen“, „Völker“ und „Ethnien“ einen Wesenskern hätten, der möglichst nicht vermischt werden dürfe, ist durch die Altertumsforschung seit Jahrzehnten widerlegt. Heute wissen wir: Schon für die Römer waren Herkunft und Ethnie keine entscheidenden Kriterien. Was zählte, war die Befolgung römischen Rechts. Das römische Bürgerrecht kam ab dem dritten Jahrhundert allen Einwohnern des Reiches zu. Im Laufe der Jahrhunderte stammten römische Kaiser aus ganz Italien, aber auch vom Balkan, aus Afrika, aus Syrien, Spanien oder einmal auch aus Arabien. Die Römer machten es vor, aber wie war es mit den „Germanen“, in denen deutsche Vertreter jener identitären Ideologie ja ihre Volksvorfahren erkennen?

Der österreichische Mediävist Herwig Wolfram, der auf dem Gebiet der frühmittelalterlichen Ethnogenese Weltruhm erlangt hat, legte die Summe seines Schaffens nicht umsonst unter dem Titel „Das Römerreich und seine Germanen“ vor. Denn „Germanen“ gab es bekanntlich als Selbstbezeichnung gar nicht. Die „Germania“ war das, was römische Gelehrte, allen voran Tacitus, aber zuvor auch Julius Cäsar, aus ihr machten. Der deutsche Althistoriker Hans-Ulrich Wiemer stellt in seiner großen Biographie Theoderichs des Großen unumwunden fest: „Die Vorstellung, die Germanen seien eine Abstammungsgemeinschaft mit unveränderlichen Wesensmerkmalen gewesen, die sich in eine Vielfalt von Stämmen aufgespalten habe, ist aufgegeben, die These von der germanischen Kontinuität überholt.“

Doch so große Fortschritte die Geschichtswissenschaft auf den Feldern der Identitätsforschung und der Ethnogenese auch gemacht hat, so sehr verzeichnen Vorstellungen von Abstammungsgemeinschaften, identitären und möglichst nicht zu vermischenden Völker-Essenzen, vom Bewusstsein für das jeweils „Eigene“ in Abgrenzung vom „Raumfremden“, erkennbar Zulauf im politischen Raum. Dabei ist der statische Substanzbegriff, der in dieser Denkschule gepflegt wird, erstaunlich unhistorisch für ein Milieu, welches sich auf seine bürgerliche Gelehrsamkeit und sein Traditionsbewusstsein so viel einbildet: Jedwede Ethnogenese ist ja immer notwendig etwas „Werdendes“, niemals Abgeschlossenes.

Auch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das vom Spätmittelalter bis 1806 Bestand hatte, können heutige „Identitäre“ eigentlich nicht meinen, wenn sie von ihrem deutschen „Wesenskern“ schwadronieren. Das Reich war ein multiethnisches Gebilde, ein Flickenteppich, dem ein Großteil der heutigen Nachbarstaaten Deutschlands ganz oder in Teilen angehörten, und in dem germanische, slawische und romanische Sprachen gesprochen wurden.

Was für Deutschland gilt, gilt auch und erst recht für seine Nachbarn: „Italien“, so schrieb der liberale Denker Cesare Balbo im 19. Jahrhundert, sei eine „multiethnische Gemeinschaft, bestehend aus aufeinanderfolgenden Einwandererwellen“ mit „sehr gemischtem Blut“ und „eine der eklektischsten Zivilisationen und Kulturen, die es jemals gab.“ Auf der iberischen Halbinsel lebten einst Iberer, Kelten und Basken, bis Phönizier, Karthager, Römer, Westgoten, Araber und Mauren in allerlei Vermischungen dazukamen. Frankreich wurde vor der Zeitenwende im Norden von Kelten, im Süden von Griechen und Phöniziern besiedelt. Später folgten Römer, Franken, Westgoten und Burgunder. Noch unübersichtlicher ist die Lage in Großbritannien: Zu der Vielzahl an Stämmen und Völkern, die die Insel seit Urzeiten bevölkerten, kamen erst Römer, dann die Sammelvölker der Angeln, Jüten und Sachsen, dänische Wikinger und schließlich die Normannen. Ein Blick über den Atlantik offenbart den offenkundigen Unsinn, eine US-Ethnie zu postulieren: „Die Vereinigten Staaten entstanden nicht als Nation, sondern als Konföderation von 13 Staaten, und in der Zeit davor war das Land jahrzehntausendelang von Menschen bewohnt worden, die ursprünglich aus Asien stammten. Es war dann von Menschen aus Europa besetzt, erobert und besiedelt worden, die außerdem Menschen aus Afrika, die in Knechtschaft gehalten wurden, ins Land brachten“ (Jill Lepore: Dieses Amerika. Manifest für eine bessere Nation).

All diese Beispiele zeigen, dass Migration, Vermischung und Multiethnizität der historische Normalfall sind. Ideen von Homogenität, „Reinheit“ und „Entmischung“ hingegen sind neueren Datums und haben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon einmal die halbe Welt in Brand gesteckt. Sie haben erkennbar keine Plausibilität: Wenn das, was ist, nicht verändert werden darf, wann war dann der Anfang? Oder anders gefragt: Ab wann durfte nicht weiter verändert werden? Wer entscheidet darüber? Und gilt das dann für alle Zeit?

Die Idiotien, die sich aus solchen Fragen ergeben, können Anhänger der Ideologie vom Großen Austausch allerdings kaum erschüttern, da sie eher auf einer irrationalen Ebene angesprochen werden: Umberto Eco hat für den historischen Faschismus Mussolinis festgestellt, dass dieser programmatisch derart viele Widersprüche hatte, dass man eher von einer „Rhetorik“ als von einer „Philosophie“ sprechen muss. Mit dem Großen Austausch verhält es sich ähnlich. Weder Prämisse noch Analyse ergeben Sinn, was die Wirkmächtigkeit jedoch nicht mindert. Denn: Die Angst, „irgendwann spurlos von der Erdoberfläche zu verschwinden“, ist vielen anthropologischen Forschungen zufolge tatsächlich so etwas wie eine „Konstante der menschlichen Natur“, schrieb der israelische Psychologe und Publizist Carlo Strenger in seinem letzten Buch.

Manche Menschen sind offenkundig empfänglicher für diese Angst als andere. Dabei würde ein nüchterner Blick auf die Migrationsforschung viele Ängste nehmen können. Der Wiener Historiker Philipp Ther konnte in seiner systematischen Untersuchung über „Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa“ zeigen, dass all diese Phänomene gar nicht so schrecklich neu sind. Europas ist ein Kontinent der Migration. Wie gezeigt, in Antike und Mittelalter, und seit 1492, als eine halbe Million Juden und Muslime von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden – ständig brachen zahllose Menschen irgendwo auf, weil sie aus religiösen, nationalistischen oder politischen Gründen verfolgt werden. Sie schlugen sich irgendwie durch, blieben buchstäblich auf der Strecke oder kamen eben irgendwo an, um meistens auf Generationen hinaus mehr schlecht als recht zu leben. Und dann schafften sie es endlich doch, meistens zum Nutzen der sogenannten Aufnahmegesellschaft.

Wenn wir doch nur diese hassenden Seelen davon überzeugen könnten, wie herrlich und beglückend das Leben im Offenen, Freien, Vielfältigen sein kann; wie nachdrücklich die Erkenntnis ist, dass uns alle, die wir mit derselben Menschenwürde gesegnet sind, über Länder-, Kultur- und Sprachgrenzen hinweg, letztlich die gleichen Dinge bewegen; dann würde sich der Fremdenhass auflösen. Weil es gar nichts zu hassen und es gar keine Fremden gibt.

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