Das Gedenken an den Nationalsozialismus zu Zeiten der AfD

Am 27. Januar jährt sich wieder der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. 2020 ist es 75 Jahre her, dass Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz befreiten. 1996 wurde der Gedenktag durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt. 2005 wurde er von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt.

Seit einigen Jahren findet die Erinnerung an die unvorstellbaren Grauen, die Deutsche über die Welt gebracht haben, vor dem Hintergrund einer veränderten politischen Lage statt. Aktuelle Entwicklungen verleihen dem gesamten Themenkomplex unheilvolle Aktualität: Die Rede von Bundespräsident Steinmeier in der Jerusalemer Holocaust-Gedankstätte Yad Vaschem, die er am 23. Januar 2020 als erstes deutsches Staatsoberhaupt überhaupt halten wird, ist ein wichtiges und starkes Signal dafür, dass es eben keinen wie auch immer gearteten „Schlussstrich“ des Gedenkens geben kann, und dass dieser Befund nicht nur rückwärtsgewandt gelten kann, sondern auch konkrete Handlungsanforderungen an Gegenwart und Zukunft beinhaltet.

Mit der Alternative für Deutschland (AfD) sitzt nunmehr eine Partei im Deutschen Bundestag, deren führende Vertreter in jüngerer Vergangenheit eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ (Björn Höcke) forderten, den Holocaust als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichneten (Alexander Gauland), vom Sohn Boris Beckers als „Halbneger“ sprachen (Jens Maier), linke Studenten als „Parasiten am Volkskörper“ bezeichneten  (André Poggenburg) oder „das rot-grüne Geschmeiß auf den Schafott“ schicken wollten (Holger Arppe).

Im Januar 2018 berichtete die 93-jährige Ausschwitz-Überlebende Esther Bejarano in der Talk Show „Anne Will“ aus ihrem bewegten Leben und forderte „etwas gegen diese rechtslastigen Parteien zu tun, die wir leider hier heute wieder haben!“ Es konnte nicht ausbleiben, dass diejenigen, die angesprochen sind, in gewohnt eiskalter Manier darauf regierten. Von „Hauptsache den Deutschen die Bringschuld eintrichtern“ bis zur objektiv falschen Behauptung, Antisemitismus sei kein Problem von rechts, sondern der Muslime, erinnerten viele der Kommentare an den Sound, den der mittlerweile fest im Mainstream der Partei verankerte Björn Höcke 2017 mit seiner Bemerkung vom „Denkmal der Schande im Herzen der Hauptstadt“ vorgegeben hatte. Auch der bereits erwähnte Jens Meier erklärte seinerzeit „diesen Schuldkult für endgültig beendet“. Solche Parolen kannte man bis dahin nur von der NPD.

Als der Bundestag am 31. Januar 2018 der Opfer des Nationalsozialismus gedachte, sprach die deutsch-britische Cellistin und Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch. In ihrer Rede sagte sie, dass es weder Entschuldungen noch Erklärungen für das gibt, was damals geschehen ist. Was bleibe, sei die Hoffnung, „dass letzten Endes der Verstand siegt“. Wieviel Verstand jedoch liegt in der Forderung Alexander Gaulands, „stolz“ sein zu dürfen, „auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“? Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble betonte nach der Rede Lasker-Wallfischs, dass Hetze und Gewalt „in unserer Gesellschaft keinen Raum haben“ dürfen: „Wer vom Volk spricht, aber nur bestimmte Teile der Bevölkerung meint, legt Hand an unsere Ordnung an.“ Das freie, demokratische, rechtsstaatliche, friedliche Deutschland sei auf der historischen Erfahrung unermesslicher Gewalt gebaut, sagte der Bundestagspräsident: „Unsere Verfassung hat daraus die Lehren gezogen. Auch deshalb ist unser Land für viele Menschen in der Welt inzwischen ein Sehnsuchtsort.“ Man braucht wohl nicht extra zu erwähnen, welche Fraktion nach diesen Worten den Applaus verweigerte.

Das Bewusstsein der unerträglichen Schuld, die die Deutschen mit dem Holocaust auf sich geladen haben, ist eigenartig flüchtig. Es gibt auf der einen Seite eine umfassende Vergangenheitsbewältigung, auf die viele Deutsche regelrecht stolz sind und die es auch nicht kleinzureden gilt. Das heutige Deutschland ist in sehr vielen Punkten offener, liberaler, freier, humaner und sozialer als jemals zuvor in seiner Geschichte. Dennoch gibt es zu Recht die Angst vor dem Aussterben der Zeitzeugen, das Nachlassen des Bewusstseins dafür, wohin Rassismus und Ausgrenzung führen können. Es bleibt ein Mysterium: Wie kann auch nur eine Sekunde darüber Zweifel bestehen, dass alles, was mit dem Nationalsozialismus zu tun hat, grundlegend falsch und abzulehnen ist? Wie kann man hier allen Ernstes noch „differenzieren“ wollen? Was der Historiker Julius H. Schoeps über den Antisemitismus gesagt hat, gilt auch für den Nationalsozialismus: Er ist eine „kollektive Bewusstseinskrankheit“.

Während von interessierter Seite eine „Auschwitz-Keule“ imaginiert wird, unter der wir Deutschen angeblich litten, ist Deutschland heute eines der beliebtesten Länder der Erde. Nirgendwo in der Welt werden Deutsche diskriminiert oder ausgegrenzt. Im Gegenteil. Auch die vorbehaltlose Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte hat hieran ihren Anteil, wie der ZEIT-Journalist Bernd Ulrich schon vor einigen Jahren schrieb. Der entscheidende Unterschied zwischen den Geschichtsrelativierern der AfD und der breiten Mehrheit: Dort glaubt man, dass Deutschland trotz all der Folgen von Auschwitz einigermaßen erfolgreich ist, insgesamt jedoch unentwegt kujoniert wird. Mehrheitlich wird geglaubt, so Ulrich, dass Deutschland gerade wegen der richtigen Konsequenzen aus dem Holocaust und dem sogenannten Dritten Reich so erfolgreich und lebenswert ist. Die Relativierer rennen mit ihrem Schuldkult-Gerede also gegen einen Popanz an.

Und dennoch: Bedarf es wirklich des persönlichen Gesprächs mit Zeitzeugen, oder des Besuchs von Vernichtungs- oder Konzentrationslagern, um zu verstehen, dass Massenmord, Völkermord, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in all ihren Ausprägungen bis hin zum Schlimmsten, dem Holocaust, dass all diese Dinge immer und jederzeit abzulehnen sind? Dass jedes Moralsystem, das selbst einzelne Menschen ihrer inhärenten Würde beraubt, immer und jederzeit bekämpft werden muss? Ist das wirklich so furchtbar kompliziert? Ist es wirklich so, dass wir Menschen diese Möglichkeit zum absolut Bösen stets in uns tragen und dass wir, wenn wir nicht immer und jederzeit dagegenhalten, unweigerlich wieder in eine Richtung abrutschen, an deren Ende Massenmorde stehen? Ist der Firnis der Zivilisation wirklich so dünn?

Ja, es ist so: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben“, schrieb der italienische Auschwitz-Überlebende Primo Levi. In Deutschland schlummern vorgestrige Ideen von „Nation“, „Blut“, „Rasse“ und einer spezifischen, möglichst nicht zu vermischenden „Kultur“, vom „Eigenen“, das es unbedingt zu bewahren gelte, gar nicht mal so weit unter der diskursiven Oberfläche; bereit, jederzeit auszubrechen und sich wieder auf den Weg des Autoritarismus und der Gegenaufklärung zu machen. Vielleicht war das Jahr 2006, als mit dem fröhlichen, weltoffenen Patriotismus der Weltmeisterschaft der „lange Weg nach Westen“ endlich abgeschlossen schien, zugleich der Wendepunkt: Was seither und insbesondere seit 2013, dem Jahr der Gründung der AfD, wieder alles gesagt werden „darf“, ist atemberaubend und gemahnt an die Gefahr der Gewöhnung an menschenverachtende Ausfälligkeiten, wie sie Tag für Tag gerade in den sogenannten sozialen Netzwerken  verbreitet werden.

Umso mehr müssen alle demokratischen Kräfte aufpassen, dass das Gift des Rechtspopulismus, bei dem es in Deutschland nur eine Frage der Zeit war, bis die Grenze zum Nazitum verschwimmt, sich nicht noch weiter ausbreitet und in der Abwehr aller Spielarten von Antisemitismus, Rassismus und allgemein Ausgrenzung zusammenstehen. Wer anderen die Menschenwürde abspricht und die Verbrechen des Nationalsozialismus relativiert, bewegt sich außerhalb des demokratischen Grundkonsens der Bundesrepublik und muss entsprechend geahndet werden. Erst wenn dies jederzeit und allerorts erfolgt, wird das Gedenken an Auschwitz vom erstarrten Ritual zur Lehre für Gegenwart und Zukunft.  Über „Wehret den Anfängen!“ sind wir dabei allerdings längst hinaus.

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