Kusshände für Serapis – Stephen Greenblatt zeigt, wie die frühen Christen von Verfolgten zu Verfolgern wurden

Jahrhunderte christlich geprägter Geschichtsüberlieferung prägen immer noch unser kollektives Gedächtnis: Denken wir an das frühe Christentum, haben wir Bilder vom Laier spielenden Nero im Sinn, wie er als oberster Christenverfolger das brennende Rom besingt. Zahllose Märtyrerlegenden fanden ihren Weg durch die Jahrhunderte. Sie erzählen, wie die frühen Christen ihr Leben für die Friedenslehre Jesu aufs Spiel setzen und dafür gnadenlos verfolgt und zu tausenden hingerichtet wurden, bevor sich der eine, wahre Glaube schließlich durchsetzte und Rom selbst christlich wurde.

Die Geschichtswissenschaft ist da längst weiter: „Die Christenverfolgungen (…) sind weitgehend Mythos.“ So schreibt der Althistoriker Manfred Clauss in seinem großen Werk Eine neuer Gott für die alte Welt. Und er erklärt auch den Aufstieg der Sekte zur Staatsreligion: „Mag das Christentum auch religiöse Gefühle angesprochen haben, auf die nur der neue Glaube eine Antwort gab, entscheidend war meiner Einschätzung nach die Gewalt, mit der die Christen ihren Glauben durchsetzen.“ Der Wendepunkt kam im Jahre 392 durch ein Gesetz des Kaisers Theodosius I. Von nun an waren öffentliche Opfer und „heidnische“ Rituale verboten. Hinzu kamen bis ins sechste Jahrhundert unter anderem die Zerstörung paganer Heiligtümer, Bücherverbrennungen, Berufsverbote, Denunziationspflichten sowie die Herabsetzung des persönlichen Status von Vertretern der alten Kulte.

Die britische Historikerin Catherine Nixey hat mit „Heiliger Zorn“ kürzlich ein Werk vorgelegt, welches das ganze Ausmaß der „Zerstörung der Antike“ aufzeigt. Ein wahnhafter Furor, der bewusst an die Ikonoklasmen des Islamischen Staats gemahnen soll, durchzieht das gesamte Buch, dem man lediglich vorwerfen kann, für ein Sachbuch gelegentlich etwas arg zu geifern. Als Fanal gilt bei Nixey die Zerstörung des Serapeums von Alexandria im Jahre 391, das als Tempel der synkretistischen ägyptisch-hellenistischen Gottheit Serapis gewidmet war und das als bekanntestes Serapeum der Antike galt. Jene Gottheit Serapis nimmt der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt nun ebenfalls als Aufhänger, wenn er unter Die Erfindung der Intoleranz beschreibt, wie die Christen von Verfolgten zu Verfolgern wurden. Greenblatts Essay ist ein Nebenprodukt zum Pulitzerpreis-gekrönten Die Wende. Wie die Renaissance begann (deutsch: 2012).

Zum Inhalt: Gegen Ende des 2. Jahrhunderts verbringen drei Männer ihre Mittagspause mit einem Strandspaziergang. Als der einzige Nicht-Christ in der Runde einer Serapis-Statue beiläufig eine Kusshand zuwirft, geraten die anderen beiden ins Grübeln: Wäre es nicht geradezu eine Sünde, den Freund in seinem offenkundigen Aberglauben zu lassen, ihn, wie das „ungebildete Volk“, weiterhin der „Blindheit“ zu überantworten, womit ihm schließlich ewige Verdammung drohe?

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Die Szene stammt aus der Schrift Octavius. Geschrieben hat sie der zeitgenössische christliche Apologet Minucius Felix. Mit ihr zeigt Greenblatt die aufkeimende, gänzlich unrömische Intoleranz der Christen in ihrem Anfangsstadium, wo es noch lediglich um mündlich vorgetragene Kritik ging. Und er zeigt, dass das Christentum sich mit seinem Absolutheitsanspruch, ebenso wie zuvor schon das Judentum, nicht in die spezifisch römische Kultvielfalt integrieren lassen konnte. Hier trat etwas Neues auf den Plan: Eine Religion. Die römische Gesellschaft hatte lange ohne „das Konzept einer räumlich klar abgegrenzten Sphäre der Religion“ funktioniert. Sie war hier „vielmehr Teil eines diesseitigen Systems des Abwägens und Ausgleichens, der Angstbewältigung, des Aushandelns von Verbindlichkeiten und Eventualitäten.“

Es wäre nun ganz falsch, und Greenblatt zeigt das eindrücklich, der christlichen Intoleranz eine „römische Toleranz“ gegenüberzustellen. Tolerant muss man nur gegenüber etwas sein, das überhaupt zur Disposition steht. Den Römern stellte sich das Erfordernis, irgendwelche Gottheiten abzulehnen, einfach gar nicht. Sämtliche eigenen und angeeigneten Götter waren Teil eines Pantheons, in dem alle Platz fanden: „Die Vernunft gebietet es, in all dem Unterschiedlichen, was die Menschen anbeten, ein und dasselbe zu sehen.“ So schrieb ein römischer Senator namens Symmachus zum Ende des 4. Jahrhunderts, bereits unter dem Eindruck des christlichen Absolutheitsanspruchs. „Toleranz ist nicht das Gegenteil von Intoleranz, sondern ihr Nachbild“, zitiert Greenblatt den Aufklärer und US-Gründervater Thomas Paine. Ob das vielen Organisatoren von „Rock für Toleranz“-Konzerten heute noch so klar ist?

Die Weisheit des Symmachus, die uns heutigen, die wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben, so vertraut scheint, sollte sich bekanntlich nicht durchsetzen. Prägend wurde vielmehr die Lesart des Kirchenvaters Augustinus (354-430): „Gibt es denn einen schlimmeren Seelentod als die Freiheit des Irrtums?“ Und hatte es nicht bereits im biblischen Buch der Sprüche zum Umgang mit Ketzern geheißen, „Du schlägst ihn mit dem Stock, bewahrst aber sein Leben vor der Unterwelt“? Für Augustinus wurde das Gleichnis von Weizen und Unkraut in Gottes Acker, wie es im Matthäus-Evangelium steht, zum Schlüsseltext der Bibel: Das „Unkraut“ sei durch „Feinde“ eingesät worden, allerdings, so der Gutsherr zu den Knechten, solle es nicht ausgerissen werden, da sonst der Weizen mit ausgerissen werden könnte. Nach der Ernte allerdings könne das Unkraut verbrannt werden.

Daraus ergaben sich etliche Fragen: Wer ist Weizen? Wer ist Unkraut? Wann ist Ernte? Ist das Verbrennen wörtlich zu nehmen? Wie mörderisch im Laufe der Jahrhunderte seitens der Amtskirche mit diesen Fragen umgegangen wurde, zeigt Greenblatt anhand ausgesuchter Vertreter. So schrieb der Großinquisitor von Frankreich, der Dominikaner Matthieu Ory zu Beginn des 16. Jahrhunderts: „Gewiss, das Unkraut sollte zur Zeit Christi noch nicht ausgerottet werden, als die Herrscher selbst noch keine Christen waren. Jetzt aber liegen die Dinge anders.“ Es gab freilich auch Gegenstimmen, wie etwa den humanistischen Theologen Sebastian Castellio: „Einen Menschen töten heißt nicht eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.“ Er, der im Zeitalter der Reformation lebte und einer Verurteilung durch die Häscher des intoleranten Calvinismus lediglich durch seinen frühen Tod zuvorkam, war seiner Zeit jedoch weit voraus.

Die letzten Abschnitte sind letztlich eine teils wörtliche Wiedergabe aus Greenblatts Werk Die Wende: Wie der Bücherjäger Poggio Bracciolini im Jahre 1417 das Gedicht De rerum natura des antiken Philosophen und Epikureers Lukrez wiederentdeckt, wie es Jahrhunderte dauert, bis dessen explosiver Inhalt endlich rezipiert und verstanden wird, wie erst im 20. Jahrhundert durch einen Schriftvergleich erkannt wurde, dass niemand geringeres als der junge Machiavelli eine Abschrift des Gedichts vorgenommen hatte. De rerum natura beschreibt eine Welt, die lediglich aus Atomen und Leere besteht. Keine Götter lenken irgendwelche Schicksale. Emotionen und Körper der Menschen unterscheiden sich nicht von denen der Kreaturen ringsum, ihre Seelen sind ebenso materiell und sterblich wie ihre Körper. Lukrez feiert die Lust als das höchste Ziel aller lebenden Wesen. Das war über Jahrhunderte ziemlich harter Tobak und eine unbedingt als ketzerhaft zu bezeichnende Sicht auf die Dinge.

Es sind diese letzten Abschnitte nicht zwingend für die ursprüngliche Anlage des Essays, dessen Erzählfluss bisweilen kursorisch verläuft. Aber dieser Erzählfluss ist dabei – wie stets bei Greenblatt – geprägt von einer hinreißenden Tiefsinnigkeit, einer unbändigen Erzähllust und einer sprachlichen Brillanz, die jede Kritik schnell verstummen lassen. Literaturwissenschaft darf das.

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