In Hellas nichts Neues? Wolfgang Will legt eine überfällige Monografie zum Peloponnesischen Krieg vor (Rezension)

Der Peloponnesische Krieg gilt – gerade in eurozentrischer Sichtweise – als ein weltgeschichtliches Schlüsselereignis. Da die abendländische Kultur eine ihrer wesentlichen Quellen im klassischen Griechenland hat, wurde jener Krieg, den Athener und Spartaner mitsamt ihrer jeweiligen Bündnissystemen im 4. Jahrhundert vor unserer Zeit gegeneinander ausfochten,  über die Jahrtausende hinweg als prägend erachtet. Trotz dieser Signifikanz des Konflikts lag im Deutschen erstaunlicherweise bislang nur eine knappe Einführung zum Thema selbst vor: Im Rahmen der „Wissen“-Reihe des C. H. Beck Verlags hatte der Düsseldorfer Althistoriker Bruno Bleckmann 2007 eine prägnante, problemorientierte und gelehrsame Darstellung veröffentlicht, die in zweiter Auflage vorliegt. Dem Fehlen einer echten Monographie standen jedoch etliche Thukydides-Biographien gegenüber. Der Zeitgenosse, der als Stratege und Politiker direkt beteiligt war, hat als Historiker stilbildend gewirkt, indem er erstmals eine gewissermaßen säkulare Form der Geschichtsschreibung etablierte, in der zwischen unmittelbaren Anlässen und tieferen Gründen für den Krieg unterschieden und in der das Geschehen von den Menschen selbst und nicht von Göttern bestimmt wurde.

Jede Geschichtsschreibung über den Peloponnesischen Krieg ist damit immer auch Thukydides-Exegese, da er oftmals unsere einzige Quelle für die Geschehnisse ist. Nach 411 setzten andere die Erzählung fort, allerdings auf niedrigerem Niveau, so etwa der Politiker, Feldherr und Schriftsteller Xenophon. Spätere römische Schriften lassen auf weitere Autoren schließen, denen es allerdings eher um literarische Ausschmückung gegangen sein muss. Dazu liegen die zeitgenössischen Stücke des Komödiendichters Aristophanes und des Dramatikers Euripides vor, die sich oftmals wie Kommentare zum politischen Geschehen lesen.

Im Wesentlichen aus diesen Quellen hat der Bonner Althistoriker Wolfgang Will jetzt eine Monographie zum Peloponnesischen Krieg gehoben, welche die beschriebene Lücke füllt, überraschenderweise aber kaum Neues erzählt und in der Anlage überaus konventionell geraten ist. Den Zeitgenossen wäre es jedenfalls nicht in den Sinn gekommen, die Ereignisse zwischen 431 bis 404 zu einem Großkonflikt zusammenzufassen. Kriege und Umstürze gab es auch vorher und hinterher zuhauf. Statt von dem eng gefassten siebenundzwanzigjährigen Peloponnesischen Krieg ließe sich mit guten Gründen von einer achtzigjährigen, mit zwischenzeitlichen Friedensphasen durchsetzten Gewaltgeschichte zwischen Athen und Sparta sprechen. „Griechische Weltkriege“ wurde das in der neueren Forschung auch genannt. Will hält die thukydische Einteilung dennoch für „zwingend“, da sich eine andere „nicht durchgesetzt“ habe. Gleichwohl kommt der Krieg bei ihm erst um 362 in der Schlacht von Mantineia zu seinem „späten Ende“. Hinterher seien alle Poleis „gleich ohnmächtig“ gewesen.

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Ansonsten aber haben wir hier die klassische Einteilung von Archidamischem Krieg als Auftakt, Nikiasfrieden und Athens Sizilischer Katastrophe als Zwischenphase und gewissermaßen Peripethie und dem Dekeleisch-Ionischem Krieg als Abschluss. Es hätten dem Buch gut angestanden, wenigstens die Namensgebung zu problematisieren, denn wenn schon die Bezeichnung Peloponnesischer Krieg an sich die stadtathenische Perspektive verrät, dann erst recht diejenige vom Archidamischen Krieg, benannt nach einem der beiden Könige Spartas, der in der erste Phase jährlich das Umland Athens verwüsten ließ, während sich die Bevölkerung hinter dessen Langen Mauern verschanzte. Will ist hier, wie auch an anderen Stellen, zu nahe an Thukydides, von dem er oftmals sogar die annalistische Darstellungsweise übernimmt: „Es kam der Frühsommer 430 …“.

Dabei böte der Stoff doch so viele Anknüpfungspunkte für heutige Leser. Eignen sich Personen wie Perikles, Kleon oder Alkibiades nicht hervorragend, um – gerade in rechtspopulistisch bewegten Zeiten – über das Wesen demokratischer Führung nachzudenken? Wenn Perikles als de facto Anführer Athens nach Ausbruch des Krieges die Volksversammlung nicht mehr einberufen lässt, ist das Will gerade einmal einen Nebensatz wert. Wendehals und Machtmensch Alkibiades wird als „Freund und Feind der Athener, Freund und Feind der Spartaner, Freund und Feind der Satrapen“ dargestellt; „was genau jeweils eher, wusste er vielleicht nicht einmal selbst.“ Doch welche Schlüsse ließen sich aus dem immensen Erfolg des Strategen für das politische System der Volksherrschaft ziehen, das wir doch als Grundlage unserer eigenen politischen Ordnung betrachten?

So bietet er zwar eine insgesamt konzise Quellendarstellung, Interpretationen sind seine Sache jedoch nicht. Einzig beim notorischen Melier-Dialog verhält sich das anders. Bekanntlich ging es hier darum, dass die Melier sich dem Seebund widersetzten und stattdessen auf Recht, Sparta und Kriegsglück hofften. Zwar verzichtet der Autor darauf, wörtlich zu zitieren – was nach den übersetzungskritischen Arbeiten des britischen Althistorikers Simon Hornblower ohnehin nur noch mit äußerster Vorsicht möglich ist – doch perpetuiert er die alte, von der Realistischen Theorie internationaler Beziehungen reichlich missbrauchte Sichtweise, der „in seinen Zentralaussagen bis heutige gültig(e)“ Dialog lege „das Wesen von Machtpolitik“ bloß:

„Der Überlegene setze durch, was ihm beliebe, Recht sei eine Konvention, die nur dort greife, wo sich gleich starke Kräfte neutralisieren und auf einen Kompromiss einigen müssten.“ Will geht nun aber noch weiter, und sieht die eigentlich intendierte Tragik nicht bei den Bewohnern der Insel Melos, deren männlicher Teil als Demonstration Athener Machtpolitik hingerichtet und deren Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft wurden, sondern bei Athen selbst. Er spricht von einer „Tragik der Großmächte“, die Thukydides umgetrieben habe: „Um nicht zu kollabieren, müssen diese sich ausdehnen. Nur Ausgreifen sichert das Überleben, dem Ende der Expansion aber folgt der Zusammenbruch.“

Wenn auch sonst auf weiterführende Gedanken weithin verzichtet wird, so kann das Buch damit überzeugen, dass der Kriegsverlauf, so wie das angesichts der Quellenlage möglich ist, gründlich nachgezeichnet wird. Die Ordnung der Darstellung ist gerade vor dem Hintergrund der komplexen Gemengelage zu begrüßen, handelte es sich doch insgesamt um einen dreifachen Konflikt in der griechischen Welt: Zwischen den Hegemonialmächten Athen und Sparta und ihren Bündnissystemen, zwischen benachbarten Poleis und innerhalb dieser Stadtstaaten, zwischen Demokraten und Oligarchen.

Nach der Niederlage Athens in der Seeschlacht bei Aigospotamoi und der Besetzung durch Sparta im Folgejahr einen Endpunkt zu setzen, erscheint nach wie vor zweifelhaft und es ist gut, dass Will diesen aufweicht. Was sich danach geändert habe, sei lediglich „der Charakter“ des Krieges gewesen. Gewiss: Das Seebundreich wurde liquidiert, alle Besitzungen außerhalb Attikas geräumt, die Langen Mauern wurden niedergerissen, die restlichen Kriegsschiffe ausgeliefert, alle Verbannten heimgeführt und ein „Freundschaftsvertrag“ mit Sparta unterzeichnet. Doch Athen wurde eben nicht zerstört, wie es Theben und Korinth gefordert hatten. Sparta, das sich im Anschluss im Krieg gegen Persien befand, war an einem Machtvakuum in Attika nicht gelegen. Die mit Hilfe des spartanischen Feldherren Lysander eingesetzte „Herrschaft der Dreißig“ hatte in Athen aber gerade mal acht Monate Bestand. Dann wurde sie überworfen und die demokratische Staatsform schon wieder restituiert – keine wirklich lange Niederlage für die Volksherrschaft.

Die Demokratie war nach der Niederlage Athens keineswegs desavouiert. Zu einer solchen Lesart trug bereits Platon mit seiner auch in antidemokratischer Absicht geschriebenen Apologie des Sokrates bei. Desavouiert war in Athen vielmehr die Oligarchie, die sich selbst in den knappen acht Monaten ihrer Existenz nur dank der Besatzung durch Sparta halten konnte: „In keiner griechischen Stadt konnte im 4. Jahrhundert eine so hohe Zahl von Bewohnern (sicherlich bei weitem nicht alle) ein menschenwürdiges Dasein führen wie in Athen.“

Der „allgemeine Friede“ kam schließlich von unerwarteter Seite, nämlich in Form einer Einigung Griechenlands im Zeichen der makedonischen Hegemonie. Das Zeitalter des Hellenismus sollte sich in dieser Hinsicht als weitaus stabiler erweisen als die Klassik. Einen „Verlust von griechischer Freiheit“ hat das eine patriotische Geschichtsschreibung lange genannt. Will nennt es passend einen „Verlust von Freiheit, einander sinnlos totzuschlagen“, den das Stabilitätsdiktat Philipps II. mit sich brachte.

Auch wenn das letzte Wort über den Peloponnesischen Krieg noch nicht gesprochen sein dürfte, liegt nun mit „Athen oder Sparta“ eine schnörkellose Monografie vor, die getreu dem Motto ad fontes eine beträchtliche Lücke schließt; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

3 Kommentare

  1. Ich arbeite an einer Graphic Novel über Alkibiades und habe deshalb für Recherchezwecke mit der Anschaffung von Wills Buch geliebäugelt, als Ergänzung zu den antiken Geschichtsschreibern (Graecum non legitur). Aber nach der Lektüre dieser Rezension verstetigt sich mein Eindruck, dass Will keinen nennenswerten Input bietet.

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