Versatilität durch Bedeutungsleere. Matthias Egeler dekonstruiert den Gralsmythos (Rezension)

Rezension zu: Der Heilige Gral. Geschichte und Legende, C. H. Beck Wissen, broschiert, München 2019, 128 Seiten, 9,95€

Seit dem linguistic turn der Humanwissenschaften des 20. Jahrhunderts gilt als weithin anerkannt, dass sich Menschen nicht in der Welt, wie sie ist, sondern in Zeichensystemen und Diskursen bewegen. In der Rede vom homo narrrans, dem Menschen als storytelling animal, wird dem Umstand der „unhintergehbaren Sprachlichkeit des menschlichen Weltzugangs“ noch der Gedanke der „narrativen Organisation dieses Bezugs“ angefügt, so der Konstanzer Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke. Unabhängig davon, ob die menschliche Natur damit bereits adäquat erfasst ist, verweisen diese Eingangsgedanken auf die existentielle Relevanz von Erzählstoffen und vermögen in Teilen zu erklären, dass sich mancher dieser Stoffe über die Jahrhunderte – manchmal gar die Jahrtausende – halten und immer wieder neue Verbreitung finden konnte, jeweils im zeitgenössischen Update und in schier unendlicher, teils gar widersprüchlicher Variation.

Ein solcher Stoff ist zweifelsohne der Mythos vom Heiligen Gral, dem der Münchner Skandinavist und Religionswissenschaftler Matthias Egeler nun in einer knappen Einführung für die „Wissen“-Reihe des C. H. Beck-Verlags auf den Grund gegangen ist. Geschichte und Legende lautet der Untertitel ebenso knapp wie vielsagend. Um eine Legende mit Anklängen an Märchen und Sagen handelt es sich in der Tat; auch um einen Mythos, der immer wieder mit religiöser Symbolik aufgeladen wurde. Der Grals-Topos verfügt mittlerweile über eine lange Geschichte und hat seinerseits Geschichte beeinflusst. Heute ist er uns vor allem als Phänomen der Populärkultur bekannt: Bücher wie Dan Browns Sakrileg (2004) und die Languedoc-Trilogie von Kate Mosse (2006-2014), Filme wie Indiana Jones und der letzte Kreuzzug (1989) oder zuvor Monthy Pythons Ritter der Kokosnuss (1975) trugen dazu bei, dass der Heilige Gral auch heute noch bekannt bleibt. Das war nicht immer so.

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Bei Egeler lernen wir, dass die Gralsgeschichte zwischen ihrer Entstehung, Verbreitung und Variierung im Hoch- und Spätmittelalter und ihrer Wiederentdeckung im frühen 19. Jahrhundert kaum noch Interessenten fand; aus mehreren Gründen: In der Renaissance galten mittelalterliche Themen als out. Vornehmlich antike Stoffe waren chic. Und in den Ländern der Reformation galt der Gral mit seinem starken Bezug zur Transsubstationslehre, der Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, bald als „katholisches“ Symbol: „Man könnte überspitzt vielleicht sagen: Luther wurde zum Totengräber des Grals“.

Dabei liegen dessen Ursprünge nicht im christlichen, sondern wahrscheinlich im keltischen Mythenschatz. Dafür würde zumindest der Umstand sprechen, dass die Insel Avalon, die Artus-Sage oder die Figur des Zauberers Merlin aus diesem mündlich tradierten Kontext, aus Wales oder Irland, stammen. Allerdings gibt Egeler zu bedenken, dass die gesamte frühe irische Literatur in den Skriptorien der Klöster entstanden sei. Bestenfalls könne also von einer „durch ein christliches Prisma gebrochene(n) Bearbeitung eines Themas mit potentiell vorchristlichen Wurzeln“ gesprochen werden. Es war der nordfranzösische Dichter Chrétien de Troyes (circa 1140 bis circa 1190), der in seinen letzten Lebensjahren mit Perceval oder die Erzählung vom Gral den ersten eigentlichen Gralsroman vorlegte. Das Werk blieb allerdings unvollendet und handelte kaum vom Gral selbst, dessen Signifikanz zudem völlig offenblieb. Das wiederum reizte  die Fortsetzer: Unter ihnen waren es der anglonormannische Dichter Robert de Boron (gestorben circa 1212) und der weithin unbekannte Autor des epochalen Le Morte Darthur, Thomas Malory (1405-1471), die zahlreiche jener Symbole und Erzählstränge einwebten, die uns heute noch vertraut sind: Der Gral als Abendmahlskelch Jesu, seine Verbringung aus dem Nahen Osten ins britannische Glastonbury durch die Figur des Joseph von Arimathäa, die vielfältigen Wunderwirkungen des Grals sowie seine letztliche Entrückung in himmlische Sphären.

Die Identifikation des Grals mit jenem Kelch, aus dem Jesus beim letzten Abendmahl getrunken haben soll, war keineswegs die einzige christliche Lesart: So gab es auch die Tradition des Grals als einer Art niemals versiegendem Füllhorn, die der deutsche Dichter Wolfram von Eschenbach in seinem Parzival-Versepos (entstanden zwischen 1200 und 1210) wieder aufgriff. Der Gral erscheint hier als Stein, der immer neue Speisen und Getränke hervorbringt. Es ist diese inhaltliche Unschärfe, die wohl das Erfolgsgeheimnis des Grals ausmacht und die Egeler einmal auf die Formel Versatilität durch Bedeutungsleere bringt: „(S)eine Fähigkeit, für ganz unterschiedliche Leser und Bearbeiter in ganz unterschiedlichen Situationen immer wieder neue Bedeutungen anzunehmen und so relevant zu bleiben.“

Das gilt insbesondere für die Wiederentdeckung des Stoffs im 19. Jahrhundert. In seiner Behandlung durch den Dichter Alfred Lord Tennyson (1809-1892) wird etwa das Thema unterdrückte Sexualität zum Generalbass des gesamten Versepos „Idylls of the King“; ein Thema freilich, das in der Tragödie von der Liebe des Ritters Lanzelot zu Arthus‘ Frau Guinevere immer schon angelegt war. Die „Sehnsucht nach dem Gral als Sublimierung eines unterdrückten erotischen Verlangens“ – das war nur eine von vielen Variationen, die das 19. Jahrhundert für den Stoff bereithielt. Im deutschsprachigen Raum war es natürlich insbesondere Richard Wagner, der in gleich zwei Opern, dem Lohengrin (1850) und dem Parsifal (1882), das Gralsthema auf das Tapet der Nation brachte.

Und Egeler kann zeigen, dass die Rettung des Volkes aus schwerer Not durch „auserwählte“ Gralshüter, wie Wagner sie inszenierte, einem Hitler natürlich außerordentlich gefallen musste – davon zeugen entsprechende Passagen in „Mein Kampf“. Geradezu bizarr wird die Anschlussfähigkeit des Gralsthemas gegenüber rechten und völkischen Gesinnungen dann bei Heinrich Himmler und seinem Protegé Otto Rahn, einem unter Wahnvorstellungen leidenden Gralssucher, der es in der SS zum erfolgreichen Sachbuchautor brachte und schließlich aufgrund seiner Homosexualität zum Selbstmord gezwungen wurde.

Auch in der esoterischen Gralsrezeption, für die insbesondere Marion Zimmer Bradley („Die Nebel von Avalon“, 1982) und ihre Nachfolgerinnen stehen, geht es immer wieder um „Auserwählte“ und „heilige Blutslinien“; hier dann aber um die Rückkehr zu einer femininen prächristlichen Weisheit, die auf der Insel Avalon erhalten geblieben sei. Glastonbury ist heute das englische Zentrum für alternativreligiöse Bewegungen und verfügt über eine ungewöhnliche Dichte an esoterischen Buchhandlungen, neopaganen Tempeln und Pilgerstätten wie der Chalice Well, dessen eisenhaltiges, rot verfärbtes Wasser direkt aus dem Gral stammen soll.

All diese Verästelungen und Verstrickungen zeigt Egeler – für eine Einführung angemessen – konzise und dabei urteilsstark. Er erkennt letztlich den Heiligen Gral als das, was er wohl immer war: Eine „Projektionsfläche“ für alles und jeden. Wenn der Mensch wirklich ein homo narrans sein sollte, ist das aber beileibe nicht wenig.

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