Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft (Rezension)

„Digitalisierung“ ist heute ein Buzzword wie vordem „Globalisierung“. Mit ihm werden eine ganze Reihe von technischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Phänomenen beschrieben, die so divers sind, dass sie den Begriff eher verwässern als erhärten. Im deutschen ist nicht einmal die nützliche Unterscheidung von Digitization und Digitalization gegeben, die das Englische bietet: Während das erste für die Überführung analoger Daten in ein binäres Schema von Nullen und Einsen steht, bezeichnet das zweite die Vernetzung und Nutzbarmachung bereits vorliegender digitaler Daten.

Ein weiteres hat der Digitalisierungsbegriff mit der Globalisierung gemeinsam: Bei näherer Betrachtung erscheinen beide Phänomene nicht mehr so neu und gegenwartsspezifisch. Gab es schließlich nicht auch früher schon ­– in der Bronzezeit, im Römischen Imperium oder vor dem Ersten Weltkrieg – „Globalisierungen“? Für die Digitalisierung stellt der Münchner Soziologe Armin Nassehi nun unumwunden fest: Die moderne Gesellschaft ist immer schon digital. Die Anfänge des frühneuzeitlichen Staatswesens, der Beginn des modernen Verwaltungsstaats basieren geradezu auf der Erhebung von Daten. Nassehi spricht in diesem Zusammenhang von „Verdopplungen“. Die Schrift etwa „verdoppele“ die Welt, „indem sie für etwas steht, ohne es im strengen Sinne zu sein“. Das „Störungspotential“ der Digitalisierung sei nun heute so groß, dass von einer erneuten „Verdopplung“ gesprochen werden könne.

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Was diese „Störung“ angeht, kommt Nassehi zu dem zunächst kontraintuitiven Schluss, dass sie im Rahmen einer „funktionalen Differenzierung“ eine durchaus „ordnungsstiftende und komplexitätsreduzierende Funktion“ hat. Wie ist das gemeint? Es sei nicht – so eine markante Pointe des Buches – das fluide, strukturauflösende, eben disruptive Element, das die Digitalisierung in ihrem Wesen ausmache, sondern die Sichtbarmachung der „Widerständigkeit“ der Gesellschaft, „ihrer erstaunlichen Stabilität, ihrem Grundzug der widerholenden Bestätigung von Strukturen“. Wir kommen hier zum Titel des Buches: Es geht um das Erkennen von Mustern und um Abweichungen, um Variationsbreiten. Das exemplifiziert der Autor an sich selbst: „Wenn ich es auf mein eigenes Verhalten herunterbreche und allein beobachte, was an mir selbst analog sichtbar wird, dann ist mein durchaus individuelles Verhalten erwartbarer, als es dem Selbstbewusstsein guttut.“

Mit der Digitalisierung, so eine weitere Grundthese, kommt es jetzt zur „dritten Entdeckung der Gesellschaft“. Nach der Französischen Revolution mit ihrer Schaffung von Politik und Nationalstaat und den Liberalisierungsschüben der 1960er Jahre (wieder-)entdecke sich die Gesellschaft heute mit „Big Data, Musterkennungstechniken und dem Umgang mit der prinzipiellen Unsichtbarkeit der Welt auf eine ganz neue Art“. Dass die Digitalisierung dabei so erfolgreich ist, weist laut Nassehi daraufhin, dass sie die Lösung für ein Problem sein muss, das bisher noch nicht hinreichend definiert wurde.

Zu oft würde der entsprechende Diskurs einen „kolonialen“ Charakter aufweisen, in dem die Digitalisierung als Eindringling charakterisiert wird, der nur vermeintlich Gutes wolle. Demenentsprechend ereilt der Autor dem alarmistischen Sound eines Richard David Precht mit seiner Warnung vor künftiger Massenarbeitslosigkeit oder den apokalyptischen Visionen eines Noah Yuval Harari mit seinem allgemeinen Kontrollverlust des Menschen eine Absage.

Jenes Bezugsproblem der Digitalisierung ist, so die Antwort, die Nassehi anbietet, letztlich in der modernen Gesellschaftsstruktur selbst angelegt. Sie ist das adäquate Instrument, um in zunehmend ausdifferenzierten und unübersichtlichen Verhältnissen die Kontrolle zurückzugewinnen und Transparenz wiederherzustellen: „Wenn man es genau nimmt, hat sich alles geändert, und es bleibt doch alles beim Alten.“

„Muster“ ist ein Buch, das von einer ausgesprochenen soziologischen Musikalität zeugt. Der Autor denkt neu, er ordnet ein, und er gewichtet anders, als es aktuelle „Semantikkonjunkturen“ – ein weiteres herrliches Fundstück – erwarten ließen. Dabei gewinnt der Digitalisierungsbegriff an Kontur und eine „Theorie der digitalen Gesellschaft“ entsteht vor unseren Augen, die den Begriff nicht bereits voraussetzt, sondern ihn historisch herleitet. Gerade aus dieser Perspektive scheint erst die epochemachende Bedeutung der Digitalisierung durch: „Das Spezifische dieser Technik ist ihr unspezifischer Charakter. Es ist eine geradezu ubiquitäre Form – bis dato nur der Präsenz Gottes und dem Einsatz der Schrift vorbehalten.“

Der Philosoph Frieder Vogelmann hat sich kürzlich im Gespräch über Foucault und die „Schuld“ der Postmoderne an der gegenwärtigen rechtspopulistischen Misere darüber beklagt, dass Sozial- und Geisteswissenschaften „nicht gerade die Weltpolitik an zentraler Stelle bewegen“ würden. Eine Soziologie wie diejenige, die Nassehi hier betreibt, ist allerdings von einer Relevanz, die Schule machen sollte, falls über Digitalisierung nicht mehr ausschließlich als „schnelles Internet“ und „mehr iPads an Schulen“ gesprochen werden soll.

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