Der Leseseptember – Überall Neuverhandlungen

Wir leben in bewegten Zeiten. So ziemlich alles steht auf dem Prüfstand. Nichts ist mehr selbstverständlich. Machtverhältnisse in nahezu allen Lebensbereichen werden tagtäglich neu ausgehandelt. Das erzeugt Stress, teilweise Überforderung und vielerorts den Wunsch nach Ruhe und Rückkehr in eine gefühlte Vergangenheit, in der die Dinge weniger umstritten und vieles vermeintlich einfacher war.

herzog

Die Digitalisierung der Arbeitswelt etwa ist typisch für das Doppelgesicht der Moderne: Sie ist Verheißung und Bedrohung zugleich. Lisa Herzog, ihres Zeichens Professorin für Politische Philosophie in München, hat einen „politischen Aufruf“ zur „Rettung der Arbeit“ vorgelegt. Es ist ein Buch, das aktuelle und längst vertraute Trends der Arbeitswelt aufgreift, die durch die Digitalisierung noch mal eine Intensivierung erfahren haben oder erst noch werden. Ihr ist es um nichts weniger als die überfällige Umsetzung des gar nicht mehr so jungen Konzepts der Wirtschaftsdemokratie zu tun, das sie nebenbei der SPD als echten Erneuerungsimpuls mit auf den Weg gibt.

Es geht ihr dabei nicht um die Überwindung der Arbeit, die die Digitalisierung ja auch mit sich bringen könnte. Jared Diamond, Yuval Noah Harari oder James C. Scott hatten ja die Neolithische Revolution, also die Erfindung der Landwirtschaft vor circa 12.000 Jahren, als Sündenfall der Menschheitsgeschichte ausgemacht. Von da an musste der Mensch „im Schweiße seines Angesichts“ sein Brot essen, während er zuvor als Jäger*in und Sammler*in über ziemlich viel Freizeit verfügt haben soll. Herzog zufolge ist Arbeit jedoch ein Grundbedürfnis des Menschen, erklärt sie etwas apodiktisch. Und als ob sie entsprechende Kritik geahnt hat, erklärt sie es als „Frage des politischen Temperaments, ob man lieber Visionen einer besseren, aber fernen Zukunft entwirft oder die pragmatische Auseinandersetzung mit konkreten institutionellen Verbesserungsmöglichkeiten sucht“.

Aus diesem vergleichsweise bescheidenen Ansatz erwachsen dann jedoch eine Menge origineller und durchaus realistischer Ideen, die Arbeitswelt in naher Zukunft zu gestalten: Da ist zunächst das Bewusstsein für den sozialen Zusammenhang jedweder individuellen Leistung. Darwin, Watt, Edison – sie alle stehen für bahnbrechende Erfindungen, doch setzten sie alle auf Vorarbeiten anderer auf. Um es an einem zeitgenössischen Beispiel festzumachen: Sicher hätten auch andere Facebook erfunden, wenn Mark Zuckerberg es nicht getan hätte, schreibt Herzog; scheinbar in Unkenntnis der Tatsache, dass die grundlegende Idee für Facebook ja tatsächlich nicht von Zuckerberg kam, was ihren Punkt aber noch bestärkt. Es ist eine faszinierende Idee, mal durch die eigene Wohnung zu gehen und sich all die Dinge anzuschauen und bewusst zu machen, die von so vielen Menschen erdacht, erfunden und entwickelt wurden; auf den Schultern wie vieler Generationen wir stehen, wenn wir unseren Alltag durchlaufen.

Der Mensch ist nicht so gerne nur ein „Stiftchen“ im großen Ganzen, zitiert die Autorin eine Figur Dostojewskis. Die Überwindung von hierarchischen Strukturen und der Fixierung auf den Shareholder Value, die Stärkung der Rechte von Arbeitnehmern gegenüber Aktionären, die Einführung von neuen Modellen wie „Trust Companies“ oder „Benefit Cooperations“ – all das sind Dinge, die nicht nur demokratischer wären als die heutigen Wirtschaftsstrukturen, sondern auch noch glücklicher machen. Eine entsprechende Initiative von fast 200 US-amerikanischen CEOs, darunter diejenigen von Apple, Pepsi oder Walmart, lassen Hoffnung aufkommen, dass Herzogs Ideen einen Trend widerspiegeln, der die Wirtschaftswelt von morgen tatsächlich prägen könnte.

vderheyen

In teilweise ähnliche Kerben schlägt die Kölner Historikerin Nina Verheyen in ihrem Band „Die Erfindung der Leistung“. Dass wir in einer „Leistungsgesellschaft“ leben, gehört zu den oft gehörten und selten hinterfragten Selbstauskünften des Alltags. Was aber bedeutet eigentlich „Leistung“? Wie hat sich dieser Begriff im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte gewandelt und wie wird „Leistung“ bemessen und bewertet? Schon nach kurzem Definitionsversuch wird deutlich: It’s complicated. Und: So richtig gerecht ist vieles nicht.

Es zeigt sich bei Verheyen, ähnlich wie bei Herzog, wie absurd unser Verständnis von Leistung als individueller Kategorie eigentlich ist. Vielmehr sind individuelle Leistungen fast immer das Ergebnis kollektiver Arbeit und haben stets einen sozialen Charakter. Dem deutschen „Selfmade“-Millionär, der andere auffordert, sich ebenso wie er anzustrengen, weil er „es“ schließlich auch geschafft habe, sei empfohlen, das gleiche nochmal im Südsudan zu versuchen. Der soziokulturelle Kontext ist eben entscheidend. Verheyen geht sogar so weit, den gesamten Aufstieg Europas im 19. Jahrhundert „maßgeblich (…) auf der Arbeit von Menschen außerhalb des Kontinents“ beruhen zu lassen.

„Leistung“ als Selektionskategorie kann aber durchaus emanzipatorischen Charakter haben, wenn dadurch Menschen aus „bildungsfernen“ Schichten die Chance auf höhere Bildung erhalten. Soziale Selektionsmechanismen können aber genauso gut verschleiert werden, wenn Chancengleichheit postuliert wird, in Wahrheit aber doch das Akademikerkind gegenüber dem Arbeitersprössling einen Startvorteil hat. Hier zitiert Verheyen den Sozialwissenschaftler Claus Offe, der bereits in den späten 1960er Jahren das Leistungsprinzip als „Legitimationsprinzip, das gesellschaftliche Ungleichheit rechtfertigt“ bezeichnet hatte.

Eloquent und quellengesättigt geht Verheyen durch die verschiedenen Stationen des Leistungsbegriffs, beschreibt seine Wandlung von einer sozialen zu einer individuellen Kategorie und plädiert für eine Umkehr: „Leistung ist eine Größe, die Menschen eigentlich verbindet. Wie lange lassen wir noch zu, dass sie uns ständig trennt?“

frankopan

Neu verhandelt werden nicht zuletzt die globalen Machtverhältnisse. Die isolationistischen Trump-USA ziehen sich zurück aufs Eigene, andere Mächte, insbesondere China, stoßen in die entstehenden Machtvakuen vor. Der Oxforder Historiker Peter Frankopan hat mit „Die neuen Seidenstraßen. Gegenwart und Zukunft unserer Welt“ im Grunde eine Fortsetzung seiner unter dem Titel „Licht aus dem Osten“ erschienenen Weltgeschichte vorgelegt.

Der klassischen westlichen Sicht setzt er eine konsequent „östliche“ Perspektive entgegen, was teils originell, teils eher konstruiert wirkt. Das immer wieder bemühte „Zentrum der Welt“ wird zwar nie genau definiert, es handelt sich aber um die eurasische Landplatte, irgendwo zwischen Russland, den heutigen zentralasiatischen Republiken, China, dem Iran und Afghanistan. Die dort situierten Seidenstraßen bilden auch hier wieder den wesentlichen thematischen Rahmen Frankopans.

Lesende erfahren viel zum Seidenstraßen-Projekt, zu Chinas weltpolitischen Ambitionen und auch zu den beeindruckenden Infrastrukturprojekten in den zentralasiatischen Republiken, die in der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland kaum vorkommen. Der Versuch, den Eurozentrismus mit einem ebenso beengten Asia-Zentrismus zu überwinden, kann aber nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Es wird künftigen Historikern überlassen bleiben, die Teile zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden.

chua

Yale-Juristin und „Tigermutter“ Amy Chua hat mit „Political Tribes“ einen stichwortgebenden Beitrag zum Rechtspopulismus-Diskurs vorgelegt. Noch vor einigen Jahren galt der Stammesbegriff als diskriminierend. Hier werden damit Gruppendynamiken innerhalb moderner Gesellschaften beschrieben. Der Clou: Es geht nicht nur um die Staaten, die durch die US-amerikanische Außenpolitik „betroffen“ sind, sondern auch um die Gesellschaft der USA selbst. Die chinesische Minderheit in Vietnam, die Trennung von Schiiten und Sunniten im Irak, oder eben liberale Demokraten gegen die Trump-Wähler in den USA. Nachteil der liberalen Demokratie: Sie bedient kaum Urinstinkte. Und: Wenn die Zeiten unsicher werden, kommen die vermehrt wieder zum Vorschein. Viel neues erfahren Lesende, die schon J. D. Vance oder den letzten Fukuyama rezipiert haben, nicht. Doch mit dem Stammesbegriff lässt sich arbeiten. Liberale Kosmopoliten sind schließlich selbst so einer. Und Chua schließt zudem hoffnungsvoll: „Despite everything. I sense a shift in America.“ Können die gesellschaftlichen Gräben wieder zugeschüttet werden? Anzeichen dafür gibt es viele; leider aber auch für das Gegenteil.

weber

Oliver Weber ist noch Student der Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim, hat aber schon ein wichtiges Buch vorgelegt: „Talkshows hassen. Ein letztes Krisengespräch“ ist der nicht ganz ernst gemeinte Titel, den er seiner Streitschrift gibt. Machen wir uns nichts vor: Es könnte so schön sein! Zu Politisieren macht schließlich irre Spaß. Doch was sehen wir stattdessen in den meisten Talk-Shows, die Woche für Woche über den Bildschirm flimmern? Immer die gleichen Gesichter, eine „steife Rollenlogik“, „unabänderliche Kommunikationsprinzipien“, ein Bild des Politischen, das „zynisch, verengt und erstarrt“ und auch noch „erschreckend lustlos, überraschungsarm und langweilig“ ist. Die unfreiwillige Komik der Sendungstitel, die stets im Krisenmodus daherkommen, kann einem dabei echt im Halse steckenbleiben.

Weber sieht bei den Talk-Shows eine große Mitschuld am Aufkommen des Rechtspopulismus. Auch wenn man ihm dabei so nicht folgen mag, ist seine Begründung nicht von der Hand zu weisen. Angefangen habe das Unheil laut Weber bei Sabine Christiansen („Ehrenmord, Nazischläger – in was für einer Welt leben wir?“ Sendungstitel von 2006). Die Ressentiments, die jahrelang kultiviert wurden, das bewusste Vermischen von Einzelphänomenen zu einer großen Krisensoße, habe exakt jene AfD-Vertreter hervorgebracht, die heute als Gäste auf dem Sofa Platz nehmen und das vermeintlich von Krise zu Krise schlitternde „System“ am liebsten ganz abschaffen würden.

Besonders spannend lesen sich die Anfänge politischer Talk-Shows in Weimar, ihr Verbot in der NS-Zeit und ihre ersten Gehversuche unter „Militäraufsicht“ in der jungen Bundesrepublik. An der Kritik wirkt manches (bewusst) überzogen, aber vieles von dem, was Weber vorschlägt, wäre in der Tat begrüßenswert: Mehr Welt, mehr Europa, überhaupt mehr Vielfalt in der Gästeauswahl. Mir scheint, hier hat sich in letzter Zeit bereits einiges getan. Viele junge Aktivistinnen der Fridays-for-Future-Bewegung haben zuletzt so manche ritualisierte Diskussion aufgemischt. Und wie es besser geht, zeigt dreimal die Woche Markus Lanz, spät abends im ZDF: Interessante Gäste, viel Zeit für vertiefte Gespräche, ein echtes Erkenntnisinteresse des Moderators, dessen Ansichten man im Übrigen nicht teilen muss – ganz so schlimm steht es wohl doch nicht um die Talk-Show in Deutschland.

harris

Zuletzt war da noch der neue Robert Harris im Bereich Belletristik: „The Second Sleep“ ist, knapp ein Jahr nach „München“, der neue Pageturner des Erfolgsautors und natürlich ist dieser wieder äußerst gelungen. Wir schreiben das Jahr 1468, ein junger Priester reist in ein abgelegenes Dorf in England, um die Beerdigung seines Vorgängers durchzuführen. Viel mehr darf nicht verraten werden, denn wir haben es nicht (nur) mit einem historischen Roman, sondern auch mit einer Dystopie zu tun. Nur so viel: Der Stoff ist viel zu ergiebig, um nur ein Buch daraus zu machen.

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