Der Leseaugust – Zorniger Osten, Alte Weiße Männer und der Neualte Rechtsradikalismus

Das neue Leben in der Selbständigkeit führte zwar zu einem Einbruch der Veröffentlichungen auf „ImGegenlicht.com“, doch Zeit zum Lesen blieb immer noch genug:

Zunächst durfte ich für literaturkritik.deDer Osten“ von Johann Michael Möller rezensieren. Verdikt: Not convinced. Dem langjährigen FAZ-Korrespondent, WELT-Redakteur und MDR-Hörfunkdirektor ist es um Deutschland, um die „neuen Bundesländer“, um „Mitteleuropa“ und um Eigen- und Fremdwahrnehmungen „des Ostens“ zu tun. Bei der Vermessung des aktuellen Ost-Diskurses verliert er sich jedoch irgendwann im Unterholz und erweist sich als allzu verständnisvoll, wenn Ostermitteleuropa zur „Vormauer der Christenheit an den Grenzen der abendländischen Zivilisation“ erklärt wird.

Der Allround-Geisteswissenschaftler Eric Voegelin (1901-1985), der „unbekannte Bekannte“, wie ihn Michael Henkel treffend vorstellt, stand schon länger auf meiner Liste. Mit seinem Plädoyer zur Betrachtung der „Ganzheit der Realität“, inklusive also der Transzendenz, oder in den Worten Max Schelers in der Betrachtung des Menschen als physikalischem, biologischem, geistigem und göttlichem Wesen, unternahm Voegelin allerhand spekulative Streifzüge durch die Weltgeschichte und kam dabei mit so schönen Zuspitzungen wie denen zu den „Quellen des Westens“ zurück: „Imperium / Studium / Sacerdotum“, „Macht / Vernunft / Offenbarung“, „Rom / Griechenland / Judentum“. Irgendwann beim Verfassen seines mehrere tausend Seiten umfassenden Hauptwerks „Ordnung und Geschichte“ ist jedoch auch er ziemlich schräg draufgekommen und erklärte Liberalismus und Nationalsozialismus gleichermaßen zu Vertretern des „Immanentismus“, als „gnostische Verirrungen“, ja als „geistige Verfallserscheinungen“. Ihm fehlte halt einfach Gott.

Für mich in Anspruch zu nehmen, Cornelia Koppetschs „Gesellschaft des Zorns“ ganz durchgelesen zu haben, kann ich nicht. Soziolog*innen-Sprech ist halt einfach schwer genießbar. Aber wenn ein soziologisches Buch schon in der Bahnhofsbuchhandlung ausliegt, dann muss was dran sein. Also habe ich es rezipiert: Mit Nancy Fraser und ihrem Modell des „progressiven Neoliberalismus“, also der Allianz von Finanzkapitalismus und Antidiskriminierung, wird die globale Moderne auf inhärente Widersprüche abgeklopft. Und die Nutznießer dieser globalen Moderne, nämlich die „liberalen Eliten“, bekommen, wie mittlerweile in vielen anderen Büchern ähnlicher Couleur (Zielonka, Heisterhagen, Mounk, Krastev) ordentlich ihr Fett weg. Einzig Carlo Strenger hat diese ja zur Abwechslung mal verteidigt. Es gäbe objektive und nachvollziehbare Gründe für den Zorn der Rechtspopulismuswähler, so Koppetsch. Zwar beruhten deren Narrative „auf gewaltigen Irrtümern und Verzerrungen“, doch gelte das „für alle politischen Glaubenssysteme und Ideologien“. Die Rechtsparteien hätten ein „hochwirksames Gift in den Gesellschaftskörper geschleust, auf das dieser nun mit der Herausbildung von Antikörpern“ reagieren werde. Ihr Wort, möchte man ausrufen, in Gottes Ohr. In diesem Buch steht, auch wenn nicht jeder mit Koppetschs Schlüssen einverstanden sein mag, wirklich alles drin, was zum Thema zu sagen ist. Nur halt in Soziologisch.

Adornos „Aspekte(n) des neuen Rechtsradikalismus“ habe ich zunächst etwas Unrecht getan. Wohl, weil mich seine verquaste Sprache schon früher ziemlich genervt hat, vor allem wenn sie mir von sehr linken Menschen in einem gewissen Überlegenheitsgestus dargebracht und meine Zweifel an den Aussagen, etwa zur „Dialektik der Aufklärung“, lediglich mit nachsichtigem Lächeln quittiert wurden. Hier aber trifft der alte Kritische Theoretiker, vor allem was die Erscheinungsformen – nicht die Ursachen – des Rechtsradikalismus angeht, auf fast jeder Seite ins Schwarze. So spricht er davon, dass die neuen Rechten „die Katastrophe wollen“, dass „Humanität sie zur Weißglut“ bringe („Gutmenschen!“), dass sie angeben, „die wahre Demokratie“ zu vertreten und die anderen „antidemokratisch“ nennen, dass das Ganze auf einen „gigantischen psychologischen Nepp“ hinausläuft und dass die Dinge beim Namen genannt werden müssen. Vielleicht geht ja dem einen oder anderen, der mit diesen Herren reden oder sogar Koalitionen schließen will, ein Licht auf.

Julian Barnes „The only story” ist eine zunächst rührende und zuweilen tief bedrückende Geschichte einer ungleichen Liebe. Mit gewissen Längen zum Schluss zeigt der Band den Altmeister Barnes dennoch über weite Strecken auf der Höhe seines Könnens. „Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“ Bei dieser Prämisse hätte ich etwas ganz anderes erwartet, als das, was dann geschah. „Quietly devastating“, wie der Rezensent der Times schrieb, trifft es ziemlich gut.

„Alte weiße Männer“ von Sophie Passmann ist ein Riesenspaß – zuweilen allerdings eher aus der Kategorie „Tragikomik“. Allein das Gespräch mit Ulf Poschardt ist Gold wert. Da er es jedoch wirklich wunderbar finden würde, wenn mehr darüber geschrieben wird, halte ich an dieser Stelle ein. Das Buch ist immerhin ein Schlichtungsversuch in einer mehr als nötigen Debatte. Dass diese Debatte zuweilen anstrengend ist, vor allem für Männer, muss nun einmal ausgehalten werden. Und zwar bis es nicht mehr weh tut.

Und dann war da die wunderbare Juli Zeh mit ihrem Gesellschaftsroman „Unter Leuten“, der einfach nur genial, lustig, bitter, böse, kurzweilig und spannend ist. Schon bei Erscheinen 2016 – bzw. davor – hatte sie die Brüche erkannt, die uns heute, ein paar Tage vor den Wahlen in Brandenburg und Sachsen, verstärkt umtreiben. Allein die Vielzahl an treffenden Beobachtungen, Paarkonstellationen, gesellschaftlichen Dynamiken bis hin zu waschechten Klischees ist schier atemberaubend. Dringende Empfehlung für sowohl tiefe wie leichte Unterhaltung.

So long, man liest sich!

2 Kommentare

  1. Danke für diesen Lese-August mit der Wiedererinnerung an Eric Voegelin und Adorno. Letzteres habe ich mir auch geholt und erwarte die passende Lese-Stimmung.
    Gute Selbstständigkeit und viele Grüße

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s