Der Lesejuli – Gereizte Drohnen und konterrevolutionäre Außerirdische

Diesen Monat führten meine Wege mich nach Köln, Amsterdam und Luxemburg. Viel Reisezeit zum Lesen also, die ich mit einem bunten Programm gefüllt habe:

Wilhelm von Humboldt sprach einst davon, Aufgabe des Historikers sei es, das „Gerippe der Begebenheit“ mit eigener Phantasie anzureichern. Spätestens seither wissen wir: „Auch Clio“, die Muse der Geschichte, „dichtet“. So schreiben Mischa Meier und Steffen Patzold in ihrem kongenialen „August 410. Ein Kampf um Rom“ (2010). Ein Buch, das nicht davon handelt, was im August 410 eigentlich geschehen ist, sondern darüber, was im Laufe der Jahrhunderte vor dem jeweiligen zeithistorischen Hintergrund daraus gemacht wurde. Denn wirklich gesichert ist lediglich folgendes: „Am 24. August des Jahres 410 eroberte ein Heer unter der Führung eines Generals namens Alarich die Stadt Rom. Drei Tage plünderte Alarichs Soldaten die alte Hauptstadt des Römischen Imperium. Am 27. August zogen sie wieder ab.“ Der Rest ist Dichtung.

Zurück in die Gegenwart: Den „kommunikativen Klimawandel“ unserer Zeit analysiert der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in seinem stichwortgebenden Standardwerk „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ (2018). Dieses Buch beschreibt nicht nur fakten- und beispielgesättigt das veränderte Kommunikationsverhalten in der vernetzten Welt, dessen zahlreiche Schattenseiten, aber auch Chancen – es führt auch eine ganze Phalanx an neuen Begriffen und stupenden Verdichtungen komplexer Sachverhalte ein. Drei Beispiele seien genannt:

  • Der Wechsel von der stärker „publikums- und kontextspezifischen Segmentierung“ hin zur „integrierenden Konfrontation“: „Man hat nicht mehr oder minder strikt getrennte Informationssphären für Junge und Alte, Kinder und Erwachsene, sondern alle können potenziell alles sehen.“
  • Die „Gleichwertigkeitsdoktrin der Informationspräsentation“, die den „falschen Eindruck“ erzeugt, „man habe es mit zu Recht unmittelbar konkurrierenden, scheinbar gleichermaßen gehaltvollen Deutungen zu tun.“
  • Das Phänomen der „Informationswäsche“, analog zur kriminellen „Geldwäsche“: „Damit ist gemeint, dass im leichtgängigen Prozess des Kopierens, des wechselseitigen Zitierens und Verlinkens auch komplett unseriöse Behauptungen schrittweise aufgewertet werden und von bestenfalls randständigen Medien aus in die Mitte und die Breite der Gesellschaft diffundieren können (…).

Fazit: Unverzichtbar.

Ein weiterer Kommentar zur Gegenwart kommt vom Oxforder Dahrendorf-Fellow Jan Zielonka: „Konterrevolution. Der Rückzug des liberalen Europa“ ist ein weiteres dieser Bücher, welche die Schuld am Aufstieg des Rechtspopulismus bei den „liberalen Eliten“ suchen. Der verstorbene Ralf Dahrendorf, an den das als Brief verfasste Buch im Stile Edmund Burkes adressiert ist, kann sich dagegen nicht mehr wehren. Zur Ehrenrettung Zielonkas sei gesagt, dass dieser Ansatz 2017, als das Original verfasst wurde, sicher noch etwas origineller war, als heute, wo sich eine ganze Meinungsindustrie etabliert hat, die vor „übertriebener politischer Korrektheit“ warnt und die alte Unterscheidung vom Hauptwiderspruch (Arbeit und Kapital) und vom Nebenwiderspruch (Gleichberechtigung) wieder aufmacht.

Ansonsten regiert hier der sattsam bekannte Sound der liberalen Selbstkasteiung: In der Auseinandersetzung mit dem (Rechts-)Populismus, den Zielonka als Begriff ablehnt und stattdessen lieber von einer „Konterrevolution“ spricht, werden dessen Deutungen und Muster mal eben übernommen, was sich an zahlreichen Wendungen widerspiegelt: „Statt auf Bürger zu hören“, wollen man sie „erziehen“; die „Mainstream-Parteien“ bezeichnen all jene als „verantwortungslos, wenn nicht gar verrückt“, die „etablierte Tabus“ infrage stellen und „Populisten“ sind ja schließlich irgendwie alle, da auch die liberalen Eliten zuweilen auf „einfache“ Lösungen setzen. Auch Zielonka sieht zwar die Gefahr einer „Mehrheitspolitik ohne konstitutionelle und fiskalische Beschränkungen“ und attestiert den Konterrevolutionären immerhin eine „extrem harte Sprache“, insgesamt jedoch sollten die Liberalen lieber „in den Spiegel (…) schauen“, wenn sie Gründe für die „Konterrevolution“ suchen.

Wie man es dreht und wendet – ein progressiver Zukunftsentwurf sieht anders aus. Hier haben wir es eher mit einer Selbstaufgabe zu tun, um die Menschen nicht zu „überfordern“. Das ist letztlich ebenso paternalistisch wie die attestierte liberale Hochnäsigkeit.

Im Bereich „Grundlagen“ habe ich die ziemlich große „Kleine jüdische Geschichte“ (2012) von Michael Brenner gelesen. Die Signifikanz des Judentums für die Weltgeschichte wird gleich zu Beginn prägnant herausgestellt: „Mit der Rezeption der Hebräischen Bibel durch Christentum und Islam wurde die Geschichte des frühen Israel zum Geschichtsmodell eines großen Teils der Menschheit.“ Bei dieser Tour de force durch 4.000 Jahre jüdischer Geschichte muss vieles Episode bleiben: Die Zerstörung des ersten Tempels auf einer halben Seite, Herodes der Große ebenso. Der Schwerpunkt liegt klar auf der Neuzeit. Und die Worte des Doyens der Altertumsforschung, Theodor Mommsen (1817-1903), der selbst freilich den Juden die Konversion zum Christentum empfahl, hallen erschreckend aktuell in unsere Zeit hinein:

„Was ich Ihnen sagen könnte, das sind doch immer nur Gründe, logische oder sittliche Argumente. Darauf hört doch kein Antisemit. Die hören nur auf den eigenen Hass und den eigenen Neid, auf die schädlichen Instinkte. Alles andere ist ihnen gleich. Gegen Vernunft, Recht und Sitte sind sie taub.“

Im Bereich Belletristik war da zunächst der Roman „Die Außerirdischen“ des österreichischen Historikers und Schriftstellers Doron Rabinovici, der mir durch den Essayband „Neuer Antisemitismus?“ aufgefallen war. Plötzlich und unvermittelt landet eine extraterrestrische Macht auf der Erde. Die Außerirdischen sind zwar „sanftmütig“ und „meiden scheu jeden Kontakt“, doch sie bitten um freiwillige Menschenopfer. Und die kommen dann auch. Was zunächst als etwas merkwürdige Versuchsanordnung daherkommt, gerät zur gelungenen Mischung aus „The Hunger Games“ und „Sonnenfinsternis“ (Arthur Köstler). Eine erschreckend stimmige Menschheitssatire, die ein ungutes Gefühl hinterlässt.

Alle Bücher des ehemaligen SPIEGEL-Journalisten Tom Hillenbrand sind genial; erschreckend genial. Ebenso wie bei „Hologrammatica“ (2018) wird in „Drohnenland“ (2014) nicht nur eine packende Kriminalgeschichte, ein Polit-Thriller erster Güte erzählt, sondern auch in Nebensätzen eine überzeugende Dystopie entworfen. Die nächsten hundert Jahre – so wie bei Hillenbrand könnten sie aussehen.

Und schließlich bin ich endlich dazu gekommen, „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896-1957) zu lesen, das, posthum veröffentlicht, schnell zum Klassiker avancierte und 1963 mit Burt Lancaster in der Hauptrolle sehr erfolgreich verfilmt wurde. Das Buch ist mir zuerst aufgefallen, als Martin Schulz (SPD) es während der euphorischen Frühphase seiner Kanzlerkandidatur einmal als seinen Lieblingsroman bezeichnete. Zudem wird die Kernaussage immer wieder als Signum des Konservatismus zitiert: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert.“

Der große Roman Siziliens über den Untergang eines Adelsgeschlechts – eine farbenfrohe, sprachgewaltige Heraufbeschwörung des alten Europa. Ich kann Martin Schulz verstehen.

So long, man liest sich!

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