Der Lesejuni – illiberale Machtverschiebungen im Retroland

Tropische Außentemperaturen laden zur schattigen Einkehr und zur literarischen Monatsretrospektive ein:

Kaum jemand kennt die Berliner Szene besser als der langjährige Politik-Chef der F.A.Z., Günter Bannas. Seit März 2018 im Ruhestand, legt er jetzt eine Bilanz seines Schaffens vor. „Machtverschiebung“ illustriert Wesenselemente der Berliner Republik seit dem Umzug an die Spree 1999 und zeigt, was sich gegenüber Bonn geändert hat. Der politische Klimawandel der letzten Jahre ist ja in der Tat beträchtlich und es wird künftigen Forschern zukommen, aus einigem Abstand zu analysieren, was eigentlich vor sich gegangen ist. Das Buch von Bannas kann dazu jedoch einen wichtigen Beitrag leisten. Das Kapitel über die Rolle des Bundespräsidenten nach dem Scheitern von Jamaika im November 2017 liest sich dabei besonders eindrücklich. Andere, bloß nacherzählende Kapitel sind weniger einträglich. Das alles, etwa die rot-grünen Jahre, wurde schon an anderer Stelle besser und tiefschürfender untersucht.

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Der Elefant im Raum, der bei Bannas etwas blass bleibt, ist natürlich der Aufstieg des Rechtspopulismus, der uns seit einigen Jahren in seinem Bann hält. Viel war bereits von „besorgten“ Bürgern und ihren „Ängsten“ die Rede. Doch wer redet eigentlich von den Sorgen der viel gescholtenen liberalen Elite? Der israelische Publizist und Psychotherapeut Carlo Strenger tut es; mit einem halben Augenzwinkern.

Die Angst, „irgendwann spurlos von der Erdoberfläche zu verschwinden“, ist vielen anthropologischen Forschungen zufolge tatsächlich so etwas wie eine „Konstante der menschlichen Natur“. Teil einer Zivilisation, Nation oder Glaubensgemeinschaft zu sein, kann hier Abhilfe schaffen. Dass diese Angst jedoch auch jene liberalen Kosmopoliten umtreibt, ist weniger bekannt. Da Tradition, Volksgemeinschaft oder Religion weitgehend ausfallen, wird die ganze Menschheit zur Bezugsgruppe, was mit der ständigen Befürchtung einhergeht, im Leben nichts wirklich Signifikantes geleistet zu haben. Zwanghafte Selbstoptimierung, ständiger Schaffensdrang und Infragestellung von Beziehungen, Job und Wohnort sind die Folge. Solche psychosozialen Dynamiken exemplifiziert Strenger am Beispiel von fünf Fällen aus seiner therapeutischen Praxis, um dann später einen größeren Rahmen zu spannen, der heutige Kosmopoliten als Erben der Aufklärung und noch älterer Wissensnetzwerke einordnet.

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Der Luzerner Mediävist Valentin Gröbner schaut in „Retroland“ auf „Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen“ und liefert in seinem immens lesbaren, teils mit herber Ironie garnierten Band eine ganze Batterie von Beispielen sowohl für jene „erfundenen Traditionen“ Eric Hobsbawms und Terence Rangers als auch für Benedict Andersons „ausgedachte Gemeinschaften“. Mit Fokus auf der Schweiz und viel Sinn für bizarre Geschichtsinszenierungen spricht er von der extrem angesagten „Identität“ als „Superkleber für soziale Ontologie“ und erklärt bündig, Festredner bei historischen Jubiläen erzählen ihrem Publikum in der Regel einen vom Pferd. Ein Buch, in dem viel von Geranien die Rede ist und das jedem Rechtspopulismusbewegten heiß ans Herz gelegt sei.

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Wie eine Mischung aus „Vikings“, „The Last Kingdom“ und „Game of Thrones“ liest sich Jörg Peltzers Auftragsarbeit über die Schlachten des Jahres 1066, von denen die letzte, der Sieg des normannischen Herzogs Wilhelm bei Hastings, noch am Vertrautesten geblieben ist. Doch auch schon die Schlachten von Fulford Gate und die von Stamford Bridge sind großer Erzählstoff und Peltzer gelingt es, den Lesenden die faszinierenden Akteure nahe zu bringen: Harold Godwinson hatte nach dem Tode Edwards des Bekenners als Harold II. gerade erst den englischen Thron bestiegen, als er von seinem Bruder Tostig, vom norwegischen König Harald Hardrada und eben von Herzog Wilhelm herausgefordert wurde. Die normannische Invasion war am Ende erfolgreich. Es sollte die einzige erfolgreiche Invasion der britischen Inseln bleiben. Alle anderen Kandidaten fanden den Tod. Aufgrund des anhaltenden Widerstands der englischen Earls verlegte sich Wilhelm nach dem gescheiterten Versuch einer Kooperation mit den lokalen Eliten auf eine Politik des Terrors und der verbrannten Erde – mit Folgen bis heute für Land und Leute, Kirche, Burgen und Kathedralen und auch für die Sprache: Altenglisch wurde damals verdrängt. Altfranzösisch und Latein wurden zu Sprachen der Herrschaftselite, die nun immer öfter aus der Normandie importiert wurde. Um zwei Ecken hatten die Wikinger doch noch gewonnen.

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Und dann war da noch der zweite Band der Vernon-Subutex-Trilogie von Virginia Despentes: Der erste Teil kam ja ein wenig wie gut gemachte fan fiction daher, war aber durchaus unterhaltsam und las sich als guilty pleasure so reudig, wie seit Charles Bukowski nichts mehr. Über den zweiten Teil nun ließe sich ähnliches berichten. Doch hier wird es plötzlich immer besser, ein regelrechter pageturner offenbart sich, unvergessliche Figuren und Charaktere treten auf, unerwartete Wendungen geschehen und ein bis zwei Mal wähnte ich mich im Antlitz großer Literatur. Jetzt muss nur noch der dritte Teil als Taschenbuch erscheinen. Doch bis dahin ist es Herbst.

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So long, man liest sich.

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