Die Ängste und Sorgen der liberalen Elite ernst nehmen (Rezension)

Carlo Strenger nähert sich dem Phänomen des Rechtspopulismus einmal von der anderen Seite

Alexander Gauland, Partei- und Fraktionsvorsitzender der AfD, schrieb Ende 2018 in der F.A.Z. von einer neuen Klasse „egoistischer Globalisten“ mit „schwacher Bindung“ an ihre jeweiligen „Heimatländer“, die an den Schalthebeln der Macht „kulturell und politisch den Takt“ vorgäben und sich in ihrer „abgehobenen Parallelgesellschaft“ als „Weltbürger“ fühlten. Dem gegenüber stünden die „sogenannten einfachen Menschen“, die nicht einfach wegziehen könnten, wenn ihre Arbeitsplätze verschwänden, die „ein Leben lang „den Buckel krumm gemacht haben“ und heute von einer schäbigen Rente leben müssen“ und für die „Heimat ein Wert an sich“ sei. Dass dieser Text deutliche sprachliche und inhaltliche Anleihen bei einer Rede macht, die Adolf Hitler 1933 vor Arbeitern in Berlin gehalten hat, soll uns hier gar nicht weiter interessieren. Und selbstredend versteht sich die AfD als politische Vertretung der letztgenannten Gruppe einfacher, hart arbeitender Menschen mit vermeintlich intaktem Heimatbezug.

Interessant ist, dass der in Tel Aviv lehrende Psychologe, Psychotherapeut und Publizist Carlo Strenger von einer ganz anderen Seite kommend zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt: Tatsächlich bilden die „liberalen Kosmopoliten“ mit ihren prinzipiell weltoffenen, universalistischen und postnationalen Ansichten oftmals unbewusst genauso einen eigenen „Stamm“, wie die eher heimatverbundenen Kommunitaristen. Das alles ist oft analysiert und beschrieben worden. Strenger rezipiert den vornehmlich soziologischen Forschungsstand umfassend und gründlich. Die Anywheres und Somewheres des britischen Publizisten David Goodhart (sowie zuvor schon die Elsewheres des US-Soziologen Dalton Conley) kommen ebenso wiederholt zur Sprache wie die „Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz. Jene 30% der Bevölkerung in westlichen Gesellschaften, die in der Terminologie des deutschen Sinus-Instituts im „Milieu der Performer“, im „adaptiv-pragmatischen Milieu“ oder im „expeditiven Milieu“ verortet werden, wo jeweils eher „Neuorientierung“ als „Tradition“ angesagt ist, scheinen sich mittlerweile verfestigt zu haben.

Nun ist in den letzten Jahren, auch auf Seiten der politischen Linken, viel davor gewarnt worden, es mit der Progressivität zu übertreiben. Die „Ängste“ von „besorgten Bürgern“ sollten vielmehr ernstgenommen werden, um diese nicht „abzuhängen“. Auch solle sich nach Jahren der vermeintlichen Fokussierung auf Identitätspolitik endlich wieder klassischen Umverteilungsthemen zugewandt werden. Der sozialdemokratische Publizist Nils Heisterhagen warnt engagiert vor „liberalen Illusionen“ und Michael Bröning von der Friedrich-Ebert-Stiftung verteidigt die Nation als zentralen Bezugsrahmen demokratischer Politik und sozialstaatlicher Umverteilung. Seit seinem Rücktritt als Parteivorsitzender geriert sich auch Sigmar Gabriel (SPD) zunehmend als Populismusversteher und rät seiner Partei etwa, den jüngsten Achtungserfolg der dänischen Sozialdemokraten genauer zu studieren. Dort ist es mit einer Mischung aus klassisch-linken Sozial- und Wirtschaftsthemen und einer restriktiven Migrationspolitik gelungen, die Rechtspopulisten zu halbieren und als stärkste Partei aus den Parlamentswahlen hervorzugehen.

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Die Angst, „irgendwann spurlos von der Erdoberfläche zu verschwinden“, ist vielen anthropologischen Forschungen zufolge tatsächlich so etwas wie eine „Konstante der menschlichen Natur“. Teil einer Zivilisation, Nation oder Glaubensgemeinschaft zu sein, kann hier Abhilfe schaffen. Dass diese Angst jedoch auch jene liberalen Kosmopoliten umtreibt, ist weniger bekannt. Da Tradition, Volksgemeinschaft oder Religion weitgehend ausfallen, wird die ganze Menschheit zur Bezugsgruppe, was mit der ständigen Befürchtung einhergeht, im Leben nichts wirklich Signifikantes geleistet zu haben. Zwanghafte Selbstoptimierung, ständiger Schaffensdrang und Infragestellung von Beziehungen, Job und Wohnort sind die Folge. Solche psychosozialen Dynamiken exemplifiziert Strenger am Beispiel von fünf Fällen aus seiner therapeutischen Praxis, um dann später einen größeren Rahmen zu spannen, der heutige Kosmopoliten als Erben der Aufklärung und noch älterer Wissensnetzwerke einordnet. Das hier skizzierte Netzwerk-Theorem korrespondiert dabei sehr harmonisch mit dem letzten Buch des schottischen Historikers Niall Ferguson, der in „Türme und Plätze“ (2018) die Bedeutung von Netzwerken für die Weltgeschichte ebenfalls herausgearbeitet hat.

Durch die sozialdemokratische Bildungsexpansion und dank der modernen Kommunikationsmittel, die globale Vernetzungen und ortsunabhängiges Arbeiten ermöglichen wie nie zuvor, ist der Anteil jener Kosmopoliten heute sprunghaft angestiegen. Was aber ist schiefgelaufen? Warum lautet das gängige Stereotyp, dass es sich um „egoistische Profiteure der Globalisierung“ handelt, „die sich in Selbstzufriedenheit über ihr Bildungsniveau, ihren anspruchsvollen Geschmack und ihren beruflichen Erfolg suhlen“? Ihrerseits verstehen die liberalen Kosmopoliten mit ihren überwiegend linksliberalen Ansichten, die Steuerprogression, Umverteilung, Umweltschutz und Antidiskriminierung einschließen, nicht, warum weite Teile der Gesellschaft nach rechts rücken und offensichtlichen Lügnern wie Trump oder Orban aufsitzen.

Haben wirklich die Anywheres den Somewheres die Industriearbeitsplätze weggenommen, indem sie für deren Auslagerung in Billiglohnländer gesorgt haben? Sind sie für das destruktive Potential der Finanzindustrie verantwortlich, oder waren es nicht vielmehr (links-)liberal eingestellte Ökonomen wie Joseph Stieglitz, Paul Krugman oder Nouriel Roubini, die bereits früh vor der ökonomischen Kernschmelze des Jahres 2008 gewarnt hatten? Rechte Milliardäre, etwa die Koch-Brüder oder Sheldon Adelson in den USA, drehen mit ihren Vermögen den öffentlichen Diskurs nach Belieben. Hier sollte doch Politik eher ansetzen, statt Progressive zu Sündenböcken für die Fehlentwicklungen der Gegenwart zu machen.

Kurz und prägnant dekonstruiert Strenger Mythen und wechselseitige Fehleinschätzungen. So sieht er eine Leerstelle bei heutigen Sozialdemokraten, die mit ihren hehren Zielen und auch Politikergebnissen zwar rationale Profitmaximierungsstrategien befriedigen können, damit aber letztlich ebenso dem längst widerlegten Modell des homo oeconomicus auf den Leim gehen, wie ihre neoliberalen Gegner. Gleichzeitig werden nämlich kaum noch Sinn- und Zweckressourcen mobilisiert, die jedoch für den politischen Erfolg unabdingbar sind. Linke Politik erreicht oft keine Herzen mehr, was die Rechtspopulisten freilich umso besser beherrschen, und wenn es nur „für die Nation“ und „gegen Ausländer“ geht.

Mit ihrer offen zur Schau getragenen Hochnäsigkeit und ihrem demonstrativen Überlegenheitsgestus hätten die Anywheres jedoch auch selbst sehr viel Porzellan zerschlagen und die Somewheres in die Arme der Populisten getrieben. Anknüpfend an eine umfassende Selbstkritik Strengers, der eigenen Angaben zufolge in dieser Hinsicht besonders aktiv gewesen sei, skizziert er Grundzüge einer Erziehung zur Freiheit, die ein Baustein sein kann, dem „Ruf der Horde“ (Karl Popper) zu widerstehen. Dabei gilt es, stets zwischen den Populisten und ihren Wählern zu unterscheiden, letztere niemals zu beschimpfen, den Menschen mit verstärkten Bildungsanstrengungen Werkzeuge an die Hand zu geben, um offenkundige Unwahrheiten besser identifizieren zu können und letztlich auch darum, sich „die Hände schmutzig zu machen“, das heißt in den Ring zu steigen und die Argumente der Rechtspopulisten unaufgeregt und sachlich zu widerlegen. All das ist sicherlich auch nicht der Weisheit letzter Schluss, wie der Autor freimütig einräumt. Aber es wurde längst Zeit, auch jene Perspektiven wieder zu betonen, mit denen nicht den Diskursmachern von rechts hinterhergelaufen werden soll.

2 Kommentare

  1. Viele Dank für den Hinweis und die Besprechung.
    In letzter Zeit ist mir mehrmals eine Unterscheidung zwischen Kosmopoliten und Kommunitaristen aufgefallen. Die scheint mir weniger analytisch oder normativ, sondern unangemessen konfrontativ zu sein. Wir brauchen beide Perspektiven, die Idee der Weltbürgerschaft ebenso wie die Erfahrung der nahen Gemeinschaft. Daraus geradezu ein Feindbild zu machen, theoretisch wie politisch, verfehlt das Denken und Handeln. Darf ich dieses Buch in diesem Sinne verstehen?
    Heute freut mich die Nachricht, dass sich die Finanzminister beim G-20 Gipfel in Japan über die Besteuerung der globalen Konzerne verständigen.
    Schöne Feiertage!

    1. Lieber Herr Nuremberg,

      da stimme ich Ihnen uneingeschränkt zu! Auch ich denke, dass wir beide Perspektiven benötigen und fühle mich auch, vom „Lande“ kommend, beiden Sphären zugehörig. Strenger macht auch in der Tat sehr versöhnliche Angebote, anders als vielleicht der etwas reißerische Titel ahnen lassen würde.

      Danke auch für den Hinweis der G20. Das ist in der Tat eine sehr gute Nachricht!

      Ihnen wünsche ich noch einen schönen Feiertag!

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