Mario Vargas Llosa: Der Ruf der Horde. Eine intellektuelle Autobiografie (Rezension)

Diese „intellektuelle Autobiografie“ kommt zur rechten Zeit: „Der Ruf der Horde“ (Karl Popper) ist seit einigen Jahren wieder deutlich vernehmbar, was sich auch in den Ergebnissen der Europawahl wiederspiegelt. Mit ihm ist der alte „Stammesgeist“ gemeint, der Nationalismus, Diktatur und religiösen Fanatismus gleichermaßen hervorbringt und die individuelle Freiheit mündiger Bürger*innen zugunsten irgendeiner Mission am liebsten abschaffen würde. Ein antizivilisatorischer, irrationaler Impetus ist es, der von hier ausgeht, und gegen ihn schreibt der peruanische Romancier Mario Vargas Llosa engagiert an, indem er seine intellektuelle Hausapotheke vorstellt. In dieser kleinen Sammlung freiheitsliebender Liberaler sind Adam Smith, Friedrich August von Hayek, Karl Popper, Raymond Aron und Isaiah Berlin erwartbar, Ortega y Gasset und Jean-François Revel eher Überraschungen.

Dabei sind es jeweils keine Hagiographien, die Vargas Llosa vorlegt, sondern durchaus ausgewogene Beurteilungen: So wird y Gassets „Unkenntnis“ ökonomischer Zusammenhänge und seine unklare Positionierung im Spanischen Bürgerkrieg kritisiert. Hayeks „Bornierheit“ habe dazu geführt, dass er nicht zwischen den sozialistischen Diktaturen des Ostens und den Sozialdemokratien des Westens zu unterscheiden vermochte. Popper, dem der längste Beitrag gewidmet ist, attestiert Vargas Llosa ein unzulängliches Sprachvermögen, das „nie auf der Höhe des Ausgedrückten“ gewesen sei. Aron habe sich – ganz eurozentrisch – nie für die Dritte Welt interessiert und Berlin sei nicht nur „krankhaft bescheiden“ gewesen, sondern habe auch kein Verständnis für Unvernunft und menschliche Abgründe gehabt. Zudem erteilt er einer allzu großen Marktgläubigkeit vieler liberaler Intellektueller eine klare Absage. Planung führe nicht per se in die Hayek’sche Knechtschaft, sondern sei oftmals „vollkommen vereinbar mit einem funktionierenden Markt und einer demokratischen Gesellschaft.“

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Solche liberal-sozialdemokratisch anmutende Versatzstücke überraschen kaum, wenn man bedenkt, wie viele der hier Porträtierten, so auch der Autor selbst, ihre intellektuelle Entwicklung bei der politischen Linken begonnen haben, bevor sie – oftmals abgeschreckt durch die Verbrechen des real existierenden Sozialismus – zu Agenten der Freiheit wurden. Das gilt für Hayek ebenso wie für Popper oder Revel.

Vargas Llosa, der Nobelpreisträger von 2010, der selbst einmal als Präsidentschaftskandidat in seiner peruanischen Heimat angetreten ist, hat ein feines Gespür für die Geschichten hinter der jeweiligen Philosophie: Ob die berüchtigte Episode, nach der Ludwig Wittgenstein Karl Popper bei einer Veranstaltung wutentbrannt mit einem Feuerhaken bedroht habe, oder wie Isaiah Berlin einmal eine – angeblich keusche – St. Petersburger Nacht mit der zwanzig Jahre älteren Anna Achmatowa verbrachte – wenn sich, wie hier, die literarische Meisterschaft Vargas Llosas mit intellektueller Spurensuche verbindet, ist das Ergebnis pure Lesefreude.

Für den merkwürdigen Klappentext der deutschen Ausgabe kann der Autor nichts. „Jahrzehntelang“ sei er für „seine politischen Überzeugungen (…) kritisiert, beschimpft und angefeindet worden“, heißt es dort: „Aber was, wenn er recht hatte?“ Gerade nach der Lektüre des Buches möchte man fragen: Wie kann ein Mensch auf dem Feld der politischen Ideen überhaupt „Recht haben“? Von Berlin lernen wir vielmehr, dass es nicht für jedes menschliche Problem „eine einzige wahre Antwort“ gibt, und dass nicht alle – selbst vornehmsten – Ideale miteinander vereinbar sind. Den Blick hierfür zu schärfen und heutigen Lesern mit den vorgestellten Denkern das Rüstzeug an die Hand zu geben, dem „Ruf der Horde“ zu widerstehen, ist das Verdienst dieses Bandes.

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